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Sirenen heulen von den Dächern

Dresden hat schon aufgerüstet: 210 dieser elektronischen Sirenen wurden installiert. Im Kreis Ludwigsburg werden aktuell sechs Kommunen gefördert.Foto: Robert Michael/dpa
Dresden hat schon aufgerüstet: 210 dieser elektronischen Sirenen wurden installiert. Im Kreis Ludwigsburg werden aktuell sechs Kommunen gefördert.Foto: Robert Michael/dpa
Einst gab es Sirenen in jedem Dorf, heute werden sie schmerzlich vermisst. Ein neues Förderprogramm treibt seit vergangenem Jahr den Ausbau voran. Der Andrang ist aber so groß, dass das Geld nicht ausreicht. Ludwigsburg hofft auf einen Zuschlag in der zweiten Jahreshälfte – noch 2022 sollen 15 Warnsirenen installiert werden.

Ludwigsburg. Eine Sirene versteht jeder. Sie reißt aus dem Schlaf oder Alltagstrott, der an- und abschwellende Ton signalisiert unmissverständlich: Gefahr! Über 75-Jährigen geht der Ton durch Mark und Bein, signalisierten Sirenen in Deutschland seit Kriegsbeginn 1939 doch ausschließlich Flieger- und Bombenalarm und gehörten seit 1942 zum Alltag. Auch spätere Generationen verbinden damit nichts Gutes: Es mag das kollektive Gedächtnis der Deutschen sein, Filme oder eben die folgenden Jahrzehnte, in denen der schaurige Alarm zweimal im Jahr getestet wurde.

Warnung bei Extremwetterlagen

Die Flutkatastrophe im Ahrtal vergangenes Jahr befeuerte die Forderungen von Katastrophenschützern nach Warnsirenen, nicht zuletzt wegen der zunehmenden Extremwettersituationen: Die manuell betriebenen Sirenen sind ein Garant dafür, dass die Meldekette funktioniert. Denn in Rheinland-Pfalz funktionierte diese nicht – viele der 134 Todesopfer (und der 766 Verletzten) waren nicht rechtzeitig gewarnt worden. Das Umdenken setzte aber schon zuvor ein – Warn-Apps wie Nina oder Katwarn finden sich auf vielen Smartphones. Diese warnen vor Gefahren wie Unwettern, Hochwasser, Großbränden und Unglücken, vermitteln aber auch Infos, etwa zur Coronaverordnung vor Ort.

Doch das Digitale hat seine Tücken. 2020 scheiterte der bundesweite Warntag an technischen Problemen. Viel zu spät gingen die Warnungen raus, die konzertierte Aktion über App, SMS, Rundfunk, Fernsehen oder Internet schlug nicht durch. 2021 gab es gar keinen Warntag mehr, dieses Jahr – und folgende – soll er im September stattfinden.

Das Umdenken zeigt sich in Förderprogrammen des Bundes, die über die Länder verteilt werden, auch in Baden-Württemberg (siehe rechts). Ludwigsburg will auch: Wie der Gemeinderat am vergangenen Mittwoch beschlossen hat, sollen in einem ersten Schritt bis zum Ende des Jahres 15 Warnsirenen im Stadtgebiet installiert werden.

Der einzige Haken, wie die für Sicherheit zuständige Fachbereichsleiterin Renate Schmetz sagte: „Der Fördertopf ist ausgeschöpft.“ Das bestätigte das Innenministerium auf Anfrage unserer Zeitung: Das Interesse am Sirenenförderprogramm sei so hoch, dass die beantragten Fördermittel „deutlich über den 11,2 Millionen Euro liegen“, die der Bund zugesagt hat. Innenminister Thomas Strobl habe vom Bund wiederholt mehr Gelder gefordert. Aktuell werden vom Land zunächst 965000 Euro ausgeschüttet. Bedacht wurde auch der Kreis Ludwigsburg: Ditzingen, Löchgau, Besigheim, Sachsenheim und Freiberg sind aktuell mit dabei.

Ludwigsburg hofft aber, in einer zweiten Charge noch 2022 zum Zuge zu kommen. Laut Regierungspräsidium können weitere Fördermittel aber erst „bewilligt werden, sobald der Bundeshaushalt 2022 beschlossen ist und die Mittel dem Land zugewiesen werden“.

Installation auf Dach oder Mast

15 Sirenen pro Kommune sind es, für die es Geld gibt – 10850 Euro pro Sirene auf dem Dach, 17350 Euro mit Masten. Laut Stadtverwaltung fallen für die 15 Sirenen 210000 Euro an, die „komplett bis auf Aufbaukosten über die Landesförderung finanziert werden“. Die Unterhaltskosten tragen die Kommunen.

Die Stadt hofft zudem, auch die rund 190000 Euro finanziert zu bekommen, die für weitere 14 Sirenen anfielen. 29 Alarmgeber sind es, die die Stadt als Bedarf definiert hat. Die Feuerwehr ist beauftragt, Standorte zu finden. Dabei sollen zunächst die Stadtteile ausgestattet werden, danach die Innenstadt. Die Verwaltung hofft sogar, dass „sich die Fördersumme noch erhöhen“ könne. Damit ist bei dem Andrang kaum zu rechnen.

Je nach Besiedelung ist eine Hochleistungssirene – mit einem Schallpegel von mindestens 101 dB(A) auf 30 Meter – 350 bis 500 Meter weit zu hören. Inklusive ist eine Akkupufferung bei Stromausfall. Waren es früher vor allem Motorsirenen, wird heute auf elektronische Sirenen gesetzt. Die können im Idealfall mehr: mit Durchsagen den Alarm konkretisieren.

Sirenen in den Neunzigern abgebaut

Einst standen nach Schätzungen 80000 bis 100000 Tellersirenen in Ost- und Westdeutschland. Anfang der Neunziger zog sich der Bund mit dem Ende des Kalten Krieges aus diesem Zivilschutz zurück und bot den Kommunen die Sirenen zur Übernahme an – weit über die Hälfte wurde aus Kostengründen abgebaut.

Auch in Ludwigsburg gibt es keine funktionsfähigen Sirenen mehr, dafür laut Stadt bei der Feuerwehr acht mobile Durchsage-Geräte für Fahrzeuge. Die hiesige Feuerwehr funktioniert digital: Vom Piepser wurde längst auf die Alarmierung per Smartphone umgestellt.

Zurück also zu den alten Zeiten? Nicht ganz: Die Sirenen sollen über Cell Broadcast in das bundesweite Warnsystem eingebettet werden. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe betreibt das Modulare Warnnetzwerk MoWaS, über das Warnungen, etwa von lokalen Behörden oder dem Deutschen Wetterdienst, an Medien, Betreiber von digitalen Werbetafeln oder die Deutsche Bahn geschickt werden. Von dort sollen die Infos weitergehen, etwa über Durchsagen oder Anzeigetafeln, und sie sollen auch in Warn-Apps wie Nina, Katwarn oder Biwapp einlaufen.

Das allerdings ist bisher noch Zukunftsmusik, wie das Innenministerium Baden-Württemberg auf Anfrage mitteilt: „Das zuständige Bundesamt arbeitet mit Hochdruck an den technischen Voraussetzungen für den Anschluss von Sirenen an MoWaS.“