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Soziales Miteinander als großes Plus

Matthias Müller, Präsident des Sportkreises Ludwigsburg, spricht über die Herausforderungen für den Sport. Foto: Ramona Theiss
Matthias Müller, Präsident des Sportkreises Ludwigsburg, spricht über die Herausforderungen für den Sport. Foto: Ramona Theiss
Der Sportkreis feiert sein 75-jähriges Bestehen. Wie wichtig sind der Sport, Vereine und eine Organisation wie der Sportkreis gerade, aber nicht nur in Zeiten einer Pandemie und welche Herausforderungen stehen an? Ein Gespräch mit dem Präsidenten des Sportkreises, Matthias Müller.

Kreis Ludwigsburg. Herr Müller, haben Sie heute Morgen schon Sport gemacht?

Matthias Müller: Ja, ich war Schwimmen, von 5.45 bis 6.30 Uhr. Das mache ich jeden Tag, man muss ja etwas machen. Sport ist meine Leidenschaft, ich nutze die Gelegenheit morgens und gehe dann frisch trainiert ins Büro. Ich gehe auch Samstag und Sonntag schwimmen, dann aber abends.

Wie wichtig ist Ihnen Sport?

Ganz wichtig. Im Lockdown habe ich es gemerkt, dass der Sport fehlt als Pendant zum Beruf. Man war in dieser Phase sehr angespannt, saß viel zu Hause am Computer, da muss man sich bewegen. Ich war froh, als wir dann wenigstens im Kreis herum schwimmen durften.

Wie wichtig ist Sport allgemein?

Er ist wichtig aus mehreren Gründen: Da gibt es zum einen die soziale Komponente. Man lernt andere Menschen kennen, kann neue Freunde gewinnen. Und dann tut man natürlich körperlich für sich und die Gesundheit etwas Gutes, hat einen Ausgleich zum Alltag. Egal welche Sportart man ausübt, auch wenn man Leistungssport macht, es macht Spaß. Man lernt vieles kennen, wenn man Sport macht, man kommt rum in der Weltgeschichte, auch wenn man sich ehrenamtlich engagiert. Im Verein hat man vielfältige Möglichkeiten, mehrere Sportarten auszuprobieren.

Wie hat sich der Sport verändert?

Er hat sich weiterentwickelt, es sind neue Sportarten dazugekommen. Manche Sportarten wurden professioneller, es gibt neue Herausforderungen an die Wettkampfmöglichkeiten und die Gerätschaften. Bei uns ist das Turnen mit 71000 Mitgliedern der meist betriebene Sport, was einfach zu erklären ist. Denn das Mutter-Kind-Turnen gehört mit zu dem ersten Sport, der für Kinder angeboten wird. Da bleiben zunächst viele hängen, weil man gewisse Grundlagen lernt und sich dann spezialisieren kann. Die Sparte Fußball hat 30200 Mitglieder, am wenigsten Mitglieder verzeichnen wir sportartenbezogen beim Tischtennis.

Sind die Herausforderungen an die Vereine gewachsen?

Es ist anspruchsvoller geworden; die Vereine müssen sich weiterentwickeln, müssen sich öffnen für neue Sportarten, für Randsportarten, die plötzlich hochkommen. Ich kann mich erinnern, Aerobic war plötzlich mal groß im Rennen, darauf bot jeder Verein Aerobic-Kurse an. Dann der Tennisboom mit Boris Becker und Steffi Graf. Da müssen die Vereine mitgehen. Beim Schwimmen ist Aquajogging gerade in, Triathlon ist im Kommen, da Radfahren und Laufen draußen stattfinden können und coronakonform sind.

Schaffen das die Vereine?

Die mittleren und größeren Vereine haben weniger Probleme, Einspartenvereine, die nur eine Sportart im Blick haben, haben es schwieriger, aber auch die bekommen das hin. Es kommt auch auf die Führungskraft an, die vorne steht, wie sie den Verein motiviert, etwas Neues auszuprobieren. Man muss den Mut haben, eine neue Abteilung aufzumachen, wenn ich die Sportart nicht im Angebot habe.

Die Vereine stehen aber auch in großer Konkurrenz zu den Fitnessstudios...

Es ist ein Wandel da. Auch die Volkshochschule ist in manchen Regionen eine Konkurrenz, wobei wir hier ein Agreement haben, dass den klassischen Sportbetrieb nur die Vereine anbieten. Die Fitnessstudios waren eine Zeit lang Konkurrenz, viele Vereine haben daraufhin ihre Vereinssportzentren gebaut wie der SV Kornwestheim, der MTV Ludwigsburg oder die Spvgg Besigheim. Sie haben dadurch neue Kundschaft gewonnen, da sie auch mit Firmen wegen des Betriebssports kooperiert haben.

Wie schwierig ist es denn, Menschen für den Verein zu gewinnen?

Die Altersgruppe 18 bis 40 ist eine sehr schwierige Gruppe, in der man Mitglieder wegen Studium, Beruf oder Familie verliert. Da braucht es attraktive Angebote – auch mal projektbezogen –, um sie zu halten. Über die Kinder funktioniert es ab 40 wieder besser; über Mutter-Kind-Turnen, über Schwimmkurse. Manche bekommt man auch über die Organisation von Events wie Weihnachtsfeiern oder unser Jubiläum. Bei den Mannschaftssportarten gibt es ebenfalls Angebote für Ältere.

Hat Corona den Mitgliederschwund noch verstärkt?

Es gibt Sportarten, die hatten Zuwachs, also die, die man im Freien machen konnte. Fußball dagegen hat eher stagniert. Die Vereine mit Fitnesszentren hatten immens zu kämpfen, da die Mitglieder ausgetreten waren. 2021 hatten wir 7500 Mitglieder weniger im Sportkreis, von 195000 auf 188000. Kampfsportarten haben zugelegt, da gehen vor allem Mädchen hin.

Welchen Herausforderungen müssen sich Vereine noch stellen?

Sie müssen sich den gesetzlichen Gegebenheiten immer anpassen. Wie viele Coronaverordnungen hatten wir zum Beispiel in den vergangenen zwei Jahren, da kam alle zwei Tage etwas Neues. Da konnten wir als Sportkreis helfen. Wir haben alle Fragen innerhalb von 24 Stunden mit unseren Partnern beantwortet – rechtlich und steuerlich.

Welche Aufgaben hat der Sportkreis?

Den Vereinen beratend zur Seite zu stehen, ist eine Aufgabe. Für die rechtliche Beratung haben wir uns einen Anwalt gesucht und die Fragen an ihn weitergeleitet. Wir bieten aber auch Fortbildungen an zu Vereinsrecht oder Erste-Hilfe-Kurse. Dann bearbeiten wir das Deutsche Sportabzeichen. Wir weisen hin auf neue Trendsportarten, wir sind bei Gesundheitsthemen mit dabei. Wir haben in der Pandemie eine Impfkampagne gestartet, etwa mit Plakaten. Wir sind auch unterstützend bei der Maser-Impfkampagne dabei. Wir bieten zudem Freizeiten an. Die Sportkreise sind das Bindeglied zur regionalen Politik. Wir sind auch die Schnittstelle zwischen Vereinen, Kommunen und württembergischem Landesbund. Wir haben aktuell 508 Vereine, aber der Verband geht auch fast bis nach Karlsruhe, Mühlacker. Der größte Verein ist der Deutsche Alpenverein Sektion Ludwigsburg mit 7100 Mitgliedern.

Wie wird man da als Sportkreis allen gerecht?

Wir machen keinen Unterschied. Fortbildungen sind für alle, ich gehe auf viele Veranstaltungen. Die kleinen Vereine nutzen öfter unsere Fortbildungen. Die großen haben meistens selbst Steuerberater. Sie suchen aber auch unseren Rat. Die Profivereine sind bei uns ebenfalls Mitglied. Die Bietigheimer Handballer oder Eishockeyspieler sind in Kontakt mit uns zum Beispiel wegen der Nachwuchsarbeit, wegen der Kooperationen mit Schulen oder Kindergärten, die wir vergeben. Die MHP-Riesen, also die Basketballer, sind ein Profiverein und damit nicht im Sportkreis.

Was sind denn die Herausforderungen der nächsten Jahre?

Zunächst, dass wir wieder die Menschen in die Sportvereine bekommen. Wir als Sportkreis müssen Vorschläge und Programme bieten, wie man als Verein wieder attraktiv wird. Zum Beispiel Schnupperangebote für mehrere Sportarten. Hierzu haben wir bereits vor Jahren unseren Sportpass ins Leben gerufen. Die Vereine brauchen auch eine andere Öffentlichkeitsarbeit, man muss heutzutage in den sozialen Medien wie beispielsweise Instagram aktiv sein.

Hat das Modell Verein überhaupt Zukunft?

Der Verein muss sich zukunftsorientiert aufstellen, er muss sich weiterentwickeln. Man muss junge Ehrenamtliche nachziehen und sie auch einfach machen lassen. Es geht darum, den Menschen die Vorzüge eines Engagements in Sportvereinen schmackhaft zu machen – ob als Aktiver oder Funktionär. Der Verein bietet ein soziales Miteinander; man kann zusammen Sport treiben, sich austauschen und einen Kontrast zum Alltagsleben erleben. Viele suchen in Homeoffice-Zeiten genau das, finden in den Vereinen aber nicht immer die passenden Angebote. Hier gibt es viel Potenzial, das aber natürlich nur ausgeschöpft werden kann, wenn es genügend Übungsleiter und Betreuer gibt.

Worauf muss sich der Sportkreis einstellen?

Wir müssen die Vereine mitnehmen in die Zukunft, ihnen neue Wege aufzeigen. Auch Inklusion, also Sport mit Behinderten, ist ein großes Thema, das ausgebaut werden kann. Man braucht ein breites Spektrum und muss Trends erahnen, um die Menschen im digitalen Zeitalter zu erreichen. Dazu gehört das intensive Verfolgen von gesellschaftlichen und sportlichen Strömungen, was dank Social Media inzwischen recht einfach ist. Gleichzeitig ist der Austausch mit Übungsleitern und Funktionären unabdingbar, um zu wissen, was gerade Mode ist und wie es im nächsten Jahr aussehen könnte.

Was sind derzeit die Trendsportarten?

Bergsport und Klettern, Taekwondo, Motorsport und Einzelsportarten wie Joggen oder Radfahren sind gerade beliebt. Klassische Sportarten wie Fußball, Handball oder Turnen verzeichnen eher einen Rückgang, was vielleicht auch der bald zweijährigen Pandemie geschuldet ist. Sicher ist, dass es immer wieder neue Impulse in den Sportarten selbst braucht, denn sonst setzt über kurz oder lang ein Niedergang ein.