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„Stehen Sie zu Ihren Verbrechen“

Missbrauchsopfer werden nicht zur Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland eingeladen

Kreis Ludwigsburg. Wenn am 8. und 9. November die Synode der Evangelischen Kirche (EKD) in Deutschland stattfindet, wird unter Top III der Bericht des Beauftragtenrats zum Schutz vor sexualisierter Gewalt erwartet. Mit Katharina Kracht, Harald Wiester und Detlev Zander haben allerdings drei Betroffene und zugleich Mitglieder dieses Gremiums keine Einladung zu der digitalen Veranstaltung erhalten. Gemeinsam mit Kerstin Claus, die ebenfalls in der Betroffenenbeteiligung engagiert ist, haben sie deshalb im Vorfeld der Synode vor der Presse deutliche Kritik an der EKD und deren Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bereich der evangelischen Kirche geäußert. „Es ist ein Skandal, dass man zehn Jahre später noch immer keine gelungenen Aufarbeitungsprozesse hat“, sagte Kerstin Claus und betonte, dass es ohne ein Eingreifen des Staates nicht funktioniere. „Die Kirchen müssen in die Rechenschaftspflicht gezwungen werden.“ Detlev Zander, der in seiner Kindheit selbst über Jahre massiver körperlicher, sexueller und psychischer Gewalt im Kinderheim Korntal ausgesetzt war, stimmte ihr zu. „Eine Täterorganisation kann ihre eigenen Taten nicht selbst aufarbeiten“, sagte er. Ohnehin sei der elf Punkte umfassende Handlungsplan, den die Synode im Herbst 2018 beschlossen hatte, gescheitert. Die EKD und die Diakonie würden nur selten über Entschädigungen sprechen. Die EKD spreche immer nur von der Anerkennung des Leids, aber nicht über die traumatischen Folgeschäden und zerbrochenen Biografien Betroffener. Diese würden immer älter und müssten Sorge haben, in einem Pflegeheim untergebracht zu werden. Es sei sehr wahrscheinlich, dass die Opfer in Heimen eine erneute Traumatisierung erfahren würden, zumal viele von Hartz IV lebten und sich keine gute Pflege leisten könnten. Es sei eine Entschädigung, wenn die Betroffenen einen würdevollen Lebensabend bekämen. Betroffenenorientierung finde in der EKD nicht statt. „Beenden Sie die opferfeindlichen Strukturen und stehen Sie zu Ihren Verbrechen“, lautet Zanders Forderung an die EKD.

Harald Wiester wurde als Jugendlicher bei den evangelischen Pfadfindern missbraucht. „Die Aufarbeitung findet in einem Machtfeld statt“, kritisierte er. „Die Belange von Betroffenen stehen hintenan, sobald es brenzlig wird.“ Das sei eine Grundtendenz bei der EKD. Deren dezentrale Organisation erlaube es nicht, Prozesse zu ändern, zumal in Führungsebenen kein Interesse daran bestehe, Kontrolle abzugeben.

In den 1990er Jahren wurde Katharina Kracht von einem Pastor missbraucht, der dies serienweise bei jugendlichen Mädchen getan habe. Bei der Suche nach Hilfe in der evangelischen Kirche habe sie festgestellt, dass es dort einen „Flickenteppich in der Aufarbeitung der Erlebnisse anderer“ gebe. Dass ihr selbst gut geholfen wurde, sei ein Zufall gewesen. Die Strukturen der Gliedkirchen müssten für alle Betroffenen durchschaubarer werden.

Auch Kerstin Claus hat in ihrer Jugend sexuelle Gewalt durch einen Pfarrer erfahren. Hinsichtlich des Elf-Punkte-Plans kritisierte sie, dass die EKD selbst bestimme, wann welches Ziel erreicht ist. Ein Entwurf von einheitlichen Standards zur Anerkennung des Leids beinhalte, dass Betroffene dann Leistungen erhalten, wenn sie im Zuge ihrer erlebten sexuellen Gewalt institutionelles Versagen nachweisen können. „Diese Pflicht muss gestrichen werden“, sagte Claus. „Institutionelles Versagen liegt schon deshalb vor, weil Gewalt stattgefunden hat.“

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