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Stippvisite, die Lust auf mehr macht

Nach dem Antrittsbesuch in Bergamo rechnen Landrat Dietmar Allgaier und IHK-Präsident Albrecht Kruse mit neuen Impulsen für die deutsch-italienischen Beziehungen – zu einem Selbstläufer wird das aber wohl nicht werden.

Zwei Seiten einer Medaille: Im Bergamasker Forschungsviertel Kilometro Rosso arbeiten die klügsten Köpfe des Landes an der Industrie der Zukunft. Das beeindruckt auch Landrat Dietmar Allgaier, IHK-Präsident Albrecht Kruse und Kreishauptamtsleiter And
Zwei Seiten einer Medaille: Im Bergamasker Forschungsviertel Kilometro Rosso arbeiten die klügsten Köpfe des Landes an der Industrie der Zukunft. Das beeindruckt auch Landrat Dietmar Allgaier, IHK-Präsident Albrecht Kruse und Kreishauptamtsleiter Andreas Eschbach (rechts oben). Zur Gegenwart der Stadt gehören Coronamassengräber auf dem zentralen Friedhof. Foto: Philipp Schneider
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Bergamo/Ludwigsburg. Die erste Auslandsdienstreise des seit rund neun Monaten amtierenden Landrats Dietmar Allgaier endet in der Nacht von Sonntag auf Montag in der Notfallpraxis des Ludwigsburger Klinikums. Dort bittet der Internist Roland Kolepke die deutsche Delegation zum Coronatest. Das Ergebnis des Landrats: negativ. Ein positives Fazit seines zweieinhalbtägigen Aufenthalts in Bergamo und der Provinz hatte Allgaier schon vorher gezogen. „Wir haben die Absicht, unsere Freundschaft jetzt auf verschiedenen Themenfeldern weiterzubringen“, sagte Allgaier unserer Zeitung. Grundlage ist eine Absichtserklärung, die Allgaier, der Ludwigsburger Hauptamtsleiter Robert Nitzsche für den verhinderten OB Matthias Knecht sowie der Bergamasker Rathauschef Giorgio Gori und Provinzpräsident Giancarlo Gafforelli am Samstag unterzeichnet hatten (wir berichteten).

Konkret denkt der Landrat an Tourismus, Kultur, Gesellschaft und Wirtschaft. Schon jetzt gehören Ludwigsburg und die Region Stuttgart sowie Bergamo und die Lombardei zu den ökonomischen Schwergewichten in ihren Ländern. Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und der Lombardei liegt nach Angaben der Deutsch-Italienischen Handelskammer bei fast 44 Milliarden Euro – und damit auf dem Niveau wie zwischen der Bundesrepublik und Japan. „Für die Lombardei sind wir der wichtigste Partner“, sagt Jörg Buck, Delegierter der deutschen Wirtschaft in Mailand. Ein Grund: Sowohl Bergamo wie auch Ludwigsburg sind stark im Maschinenbau und der Automobilindustrie. „Die Mentalität in Norditalien hat außerdem viel vom Schwäbischen“, sagt der IHK-Präsident im Kreis Ludwigsburg, Albrecht Kruse.

Zu besichtigen ist das am Samstagmorgen im Kilometro Rosso an der Autostrada A4 nach Mailand, einem rund 500000 Quadratmeter großen Forschungsviertel, in dem Unternehmer, Akademiker und Start-ups tüfteln und Patente in rauen Menge liefern. Im Showroom des Bremsenspezialisten Brembo, selbstverständlich ein Weltmarktführer, nehmen Allgaier und Kruse Bremsscheiben für Mercedes-AMG aus Affalterbach unter die Lupe. Sie hängen direkt neben Produkten für Ferrari, Alfa Romeo oder Aston Martin. „Die Arbeit verändert sich“, ruft Allgaier dem Brembo-Präsidenten Alberto Bombassei zu. „Zwei starke Regionen wie unsere sollten daher zusammenarbeiten.“ Der italienische Unternehmer nickt und bewertet den Besuch der deutschen Delegation in seiner Heimat als „wichtig und nötig“.

Der IHK-Präsident Kruse, gleichzeitig Geschäftsführer des Kornwestheimer Maschinenbauers Sata, ist nach der Stippvisite bei Brembo und im Kilometro Rosso überzeugt, dass es schon bald gemeinsame Projekte geben werde. „Auch wenn es nicht leicht werden wird, die Akteure zusammenzubringen.“ Mit dem Wechsel auf dem Chefsessel orientiere sich das Landratsamt in seinen Augen aber wieder verstärkt in Richtung Wirtschaft.

Einer, der seit fast 20 Jahren versucht, Ludwigsburger und Bergamasker enger zu verbinden, ist Alberto Barzanò, Professor, einst Dozent in Ludwigsburg, Bundesverdienstkreuzträger und Teil des italienischen Zweigs der adligen Hemminger Varnbülerfamilie. „Meine Erwartungen haben sich mehr als erfüllt.“, sagt er nach dem Besuch der Deutschen in Bergamo und Umgebung. „Das Tempo unserer Beziehung hat sich verändert“, sagt der Gelehrte, der als Motor dieser deutsch-italienischen Freundschaft gilt. Barzanò glaubt: „Es ist wieder intensiver geworden.“

Am Mittwoch will er sich mit dem deutschen Botschafter aus Rom treffen und über die Auswirkungen der Pandemie diskutieren. Der Ludwigsburger Delegation zeigte er am Samstag auf dem monumentalen Friedhof die unzähligen Gräber der Coronatoten aus seiner gebeutelten Stadt. Anfang Oktober hat Barzanò vor, zu einer Veranstaltung der Europa-Union ins Kreishaus zu kommen. Auf der Gästeliste stehen Europaminister Guido Wolf (CDU), der auch überlegt hatte, am vergangenen Wochenende nach Bergamo zu reisen, dann aber doch absagte, sowie der deutsche Generalkonsul Claus Robert Krumrei.

Die Europa-Union bietet Veranstaltungen, wie Vorträge, Diskussionen und Informationsreisen zum Thema Europa an. Den Vorsitz des Kreisverbandes hat derzeit noch der Altlandrat Rainer Haas inne, an seine Stelle soll aber der Oberstenfelder Bürgermeister Markus Kleemann treten. Der erste Stellvertreterposten wird wohl an Allgaier gehen.

Die nächste Dienstreise des Landrats steht übrigens auch schon an. Sie geht in den Osten in den Partnerlandkreis Zwickau. Allgaiers Antrittsbesuch in der Region Oberes Galiläa findet wohl erst im nächsten Jahr statt – Israel befindet sich mittlerweile in einem zweiten Lockdown.

Der Bergamasker Professor Barzanò räumte nach den intensiven deutsch-italienischen Konsultationen gegenüber unserer Zeitung augenzwinkernd ein: „Körperlich bin ich ruiniert. Trotzdem könnte ich nicht glücklicher sein.“

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