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Viele offene Baustellen in der Pflege

Gesundheitsminister Jens Spahn besucht das Sachsenheimer Pflegeheim Sonnenfeld – Mitarbeiter beklagen Personalmangel

Jens Spahn im Gespräch: Fabian Gramling, der Leiter der Sozialstation Lothar Kämmle und Pfarrer Dieter Hofmann (von links). Foto: Alfred Drossel
Jens Spahn im Gespräch: Fabian Gramling, der Leiter der Sozialstation Lothar Kämmle und Pfarrer Dieter Hofmann (von links). Foto: Alfred Drossel

Sachsenheim. Jens Spahn hat zuletzt in den Wahlkampfmodus geschaltet und immer wieder heftig gegen die politischen Gegner aus dem linken Lager ausgeteilt. Am Samstagvormittag aber gibt sich der Bundesgesundheitsminister bei einer Stippvisite in Sachsenheim lammfromm und zeigt ein offenes Ohr für das Personal des Pflegeheims Sonnenfeld und der benachbarten kirchlichen Sozialstation. Den Besuch vermittelt hat Fabian Gramling, CDU-Bundestagskandidat im Wahlkreis Neckar-Zaber.

Spahn tritt umgänglich auf, allzu bescheiden gibt er sich freilich nicht. In den vergangenen dreieinhalb Jahren, also in seiner Amtszeit als Gesundheitsminister, „haben wir in der Pflege mehr gemacht als in 20 Jahren zuvor“, meint der Christdemokrat. Allerdings räumt er ein: „Wir sind auf dem Weg, aber noch nicht angekommen.“

Dieser Ansicht sind auch die Mitarbeiter von Pflegeheim und Sozialstation. Nach den Vorgaben des neuen Rahmenplans für die Pflegeausbildung werden die erfahrenen Mitarbeiter stets von Auszubildenden begleitet und führen den Nachwuchs als sogenannte Praxisanleiter in den Beruf ein. Früher konnten diese nach einem Jahr alleine auf Tour. Die Praxisanleitung mache Freude, sagt Ute Adler, Pflegefachkraft und Mentorin für Azubis. „Aber es kostet Zeit und Kraft, weil jeder Schüler anders ist.“

Spahn antwortet mit einer Gegenfrage: „Wie lösen wir das auf?“ Sie habe die richtige Lösung noch nicht gefunden, sagt Adler, „sonst würde ich nicht hier sitzen“. Fakt sei, dass ihr lediglich zehn Prozent ihrer Arbeitszeit für ihre Aufgaben als Praxisanleiterin zur Verfügung stünden. „Das ist aber zu wenig.“

Häufig werden ausgebildete Fachkräfte von Zeitarbeitsfirmen abgeworben, die nicht an Tarife gebunden seien und mit besserer Bezahlung lockten, erklärt Gabriele Blume. Sie ist Vorsitzende der Evangelischen Altenheimat, dem Träger des Pflegeheims Sonnenfeld. Diese Praxis verschärfe den Personalmangel zusätzlich, „die Dienstpläne sind ohnehin schon mit heißer Nadel gestrickt“.

Ein Verbot von Zeitarbeit könne das Problem wahrscheinlich nicht lösen, entgegnet Spahn, „dann geraten wir in Untiefen“. Der Pflegeberuf müsse generell attraktiver werden. Mit dem „Sofortprogramm Pflege“ etwa will die Bundesregierung 13000 neue Jobs in der Altenpflege schaffen. „Davon sind 4000 Stellen noch nicht besetzt“, so der Minister.

Aus Spahns Sicht leidet die Pflege an einem – auch selbstverschuldeten – Imageproblem. Es werde zu viel geklagt. „Wenn eine Million Beschäftigte jeden Tag positiv über ihren Beruf sprechen, bringt das mehr als jede Kampagne.“ Im Alltag bleibe wenig Zeit für positives Denken, widerspricht Pflegedienstleiterin Corinna Häring. Die Arbeit sei nicht nur körperlich anstrengend. „Auf einer Tour habe ich Umgang mit 15 Leuten, und auf jeden muss ich individuell eingehen – das ist es, was uns ständig schlaucht.“ Trotz solcher Differenzen scheinen die Pflegefachkräfte nach dem einstündigen Besuch nicht unzufrieden. Sie haben dem Gesundheitsminister ihr Herz geschüttet, Spahn hat aufmerksam zugehört und Interesse an einem offenen Austausch gezeigt. Dennoch verdeutlicht der Besuch vor der Bundestagswahl: In der Pflege sind nach wie vor viele Baustellen offen.

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