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Vom Abwarten im Zeitraffertempo

Mit vorsichtigem Optimismus geht das Deutsche Literaturarchiv Marbach ins neue Jahr: Veranstaltungen werden real und virtuell geplant, auch bei den Archivalien gibt es wieder Zuwachs. Und der Jubilar Hölderlin ist ja auch noch da.

Auf dem Weg ins digitale Zeitalter: Der Nachbau eines mittelalterlichen „Computers“ von Ramon Lllull wird in einer Ausstellung gezeigt. Das Archiv erhält als Vorlass Unterlagen von Christoph Hein – und die Schillerrede hält in diesem Jahr Anne Weber.
Auf dem Weg ins digitale Zeitalter: Der Nachbau eines mittelalterlichen „Computers“ von Ramon Lllull wird in einer Ausstellung gezeigt. Das Archiv erhält als Vorlass Unterlagen von Christoph Hein – und die Schillerrede hält in diesem Jahr Anne Weber. Foto: Chris Korner/DLA, privat, Thorsten Greve
Auf dem Weg ins digitale Zeitalter: Der Nachbau eines mittelalterlichen „Computers“ von Ramon Lllull wird in einer Ausstellung gezeigt. Das Archiv erhält als Vorlass Unterlagen von Christoph Hein – und die Schillerrede hält in diesem Jahr Anne Weber.
Auf dem Weg ins digitale Zeitalter: Der Nachbau eines mittelalterlichen „Computers“ von Ramon Lllull wird in einer Ausstellung gezeigt. Das Archiv erhält als Vorlass Unterlagen von Christoph Hein – und die Schillerrede hält in diesem Jahr Anne Weber. Foto: Chris Korner/DLA, privat, Thorsten Greve
Auf dem Weg ins digitale Zeitalter: Der Nachbau eines mittelalterlichen „Computers“ von Ramon Lllull wird in einer Ausstellung gezeigt. Das Archiv erhält als Vorlass Unterlagen von Christoph Hein – und die Schillerrede hält in diesem Jahr Anne Weber.
Auf dem Weg ins digitale Zeitalter: Der Nachbau eines mittelalterlichen „Computers“ von Ramon Lllull wird in einer Ausstellung gezeigt. Das Archiv erhält als Vorlass Unterlagen von Christoph Hein – und die Schillerrede hält in diesem Jahr Anne Weber. Foto: Chris Korner/DLA, privat, Thorsten Greve
Was soll rein in die Box? Diese Frage stellte DLA-Direktorin Sandra Richter (rechts) Theresia Walser, Karl-Heinz Ott (links) und Georg Klein. Foto: privat, Andreas Becker, Peter Hassiepen, privat
Was soll rein in die Box? Diese Frage stellte DLA-Direktorin Sandra Richter (rechts) Theresia Walser, Karl-Heinz Ott (links) und Georg Klein. Foto: privat, Andreas Becker, Peter Hassiepen, privat

Marbach. Das Deutsche Literaturarchiv (DLA) Marbach wird immer digitaler – und das bisweilen etwas unfreiwillig. Konnte die letzte Pressekonferenz im November zu aktuellen personellen und baulichen Themen immerhin noch zentral aus dem DLA hinaus in die Welt gefunkt werden, so waren am Mittwoch bei der Jahrespressekonferenz zum Programm die Teilnehmer aus unterschiedlichen Räumen auf der Schillerhöhe und von anderen Orten virtuell zusammengeschaltet. Schöne neue Pandemie-Welt. Dass das reale Begegnen mit Mensch und Material im Laufe des Jahres wieder möglich sein wird, hofft natürlich auch Direktorin Sandra Richter mit ihrem großen Team. „Die Zeit geht wie im Zeitraffer dahin“, sinnierte sie über die Krise. „Es ist derzeit schwer, sich in Raum und Zeit zu orientieren.“ Will auch heißen: Hinter den Kulissen geschieht viel, öffentlich sichtbar ist, wie in vielen Bereichen der Kultur, vergleichsweise wenig.

„Hybrid“ wird in diesem Jahr geplant, also für reale und virtuelle Formate, und das wahlweise oder parallel. Die Planung für 2021 sei wegen der Pandemie ganz bewusst kurzfristig angelegt, so der stellvertretende Archivleiter Jan Bürger. Vieles wurde auf Online-Formate umgestellt, hinzu kamen Corona-Modelle wie das Lyriktelefon in Zusammenarbeit mit dem Staatstheater. Doch digitale Formate bringen auch Vorteile: So sind Angebote wie die „Zoom-Kapsel“ (vorher: „Zeitkapsel“) über das Internet nun einem deutlich größeren potenziellen Zuschauerkreis zugänglich.

Einer der Silberstreifen am Horizont, die die Hoffnung auf baldige Besserung der Lage noch mit verstärken, ist das Projekt „Die Marbacher Box oder: Was könnte in das Literaturarchiv der Zukunft?“, das in diesem Jahr gleich zweimal – Ende April und Mitte September – stattfinden soll, und dabei, so der bange Wunsch, mindestens einmal vor Ort, als eine Art Open-Air-Festival. 14Schriftstellerinnen und Schriftsteller wie etwa Theresia Walser und Marcel Beyer packen ihre eigene „Kiste für Marbach“, über die sie dann vor Ort sprechen. Hinzu kommen sechs Beatbox- und Spoken-Word-Künstlerinnen mit spontanen Performances.

Als eine Ausstellung in diesem Jahr im Literaturmuseum der Moderne haben Museumsleiterin Heike Gfrereis und ihr Team die Schau „punktpunktkommastrich. Zeichensysteme im Literaturarchiv“ (19. September 2021 bis 27. Februar 2022) vorbereitet. Erzählt werden soll eine Geschichte der Digitalisierung des Wissens – vom mittelalterlichen „Computer“ von Ramon Lllull (um 1500) bis hin zum „Poesieautomaten“ von Hans Magnus Enzensbergers.

Als wäre das übliche DLA-Jahresprogramm noch nicht prall genug, musste ein Jubiläum coronabedingt ausgedehnt werden: Bereits im September entschied man, dass das Hölderlin-Jahr bis weit in 2021 hinein reichen solle, um nicht den Großteil der Veranstaltungen ersatzlos absagen zu müssen. So wird die Ausstellung „Hölderlin, Celan und die Sprachen der Poesie“ bis 1. August verlängert, auch das für 2020 geplante Literatursommer-Programm findet statt. „Wir versuchen zu retten, was zu retten ist“, betont Jan Bürger.

Auch in diesem Jahr wächst das Archiv selbst um bedeutende neue Bestände: So konnte der Vorlass des Schriftstellers Christoph Hein gesichert werden, der zur Wendezeit mit Werken wie „Die Ritter der Tafelrunde“ den Niedergang der DDR-Eliten literarisch abbildete. „Er ist ein Chronist der deutschen und europäischen Geschichte“, sagt Ulrich von Bühlow, Leiter des Archivs. „Wir sind sehr froh, dass wir das haben.“ Aus dem Verlagsarchiv von Reclam (Leipzig/Ditzingen) kommen bald 55000 Bände ins DLA. Darin sind Korrespondenzen prominenter Autoren, Verträge und Manuskripte sowie Bilder aus den Jahren 1867 bis 1965 ebenso enthalten wie ein Exemplar der ersten Nummer von Reclams Universal-Bibliothek, Goethes „Faust I“ von 1867. Auch von Marcel Reich-Ranicki (1920–2013) gibt es Neues – nämlich den zweiten Teil des Nachlasses mit Widmungs- und Leseexemplaren sowie Unterlagen, die zeigen, wie der berühmte Literaturkritiker arbeitete. Ein unverhoffter Zuwachs: „Wir dachten, wir hätten schon alles“, so von Bühlow.

Die Historie des DLA gründlich aufgearbeitet hat indes der Berliner Historiker Jan Eike Dunkhase. Von 2015 bis 2018 hat er zahlreiche unerschlossene Quellen im Marbacher gesichtet. Sein Buch „Provinz der Moderne. Marbachs Weg zum Deutschen Literaturarchiv“, das den Weg vom Schiller-Kult des 18. Jahrhunderts bis zum Bau des Archivgebäudes 1973 nachzeichnet, erscheint demnächst. Im Mittelpunkt stehen sollen allerdings nicht die Deutsche Schillergesellschaft oder das Archiv als vermeintlich anonyme Institutionen – sondern die Menschen, die sie prägen.

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