Logo

Vom Direktmandat zum Aus als Landtagsabgeordneter

Daniel Renkonen unterliegt bei der Nominierung für den Wahlkreis Bietigheim-Bissingen knapp seinem jungen Herausforderer Tayfun Tok, Gemeinderat aus Murr

Aufstellen zur ersten Wahl: Tayfun Tok (links) und Daniel Renkonen bei der Nominierung der Grünen im Wahlkreis Bietigheim-Bissingen. Tok siegt am Ende und hofft, ab März Renkonens Platz im Landtag einzunehmen. Foto: jsw
Aufstellen zur ersten Wahl: Tayfun Tok (links) und Daniel Renkonen bei der Nominierung der Grünen im Wahlkreis Bietigheim-Bissingen. Tok siegt am Ende und hofft, ab März Renkonens Platz im Landtag einzunehmen. Foto: jsw

Bietigheim-Bissingen. „Eisig.“ So lautet Daniel Renkonens erster Kommentar, nachdem er sich nach der Nominierung des Grünen-Kandidaten für seinen Wahlkreis wieder gefasst hatte. Und damit war weniger der ungewöhnliche Ort für eine solche Veranstaltung, die Bietigheimer Eishalle, gemeint. Sondern vor allem die Stimmung. Denn nach fast zehn Jahren im Landtag, zuletzt gar mit Direktmandat, war es das für den 50-Jährigen: Im Kampf um die Kandidatur für die Wahl im März unterlag er Tayfun Tok.

50 der 100 anwesenden Mitglieder votierten für den 34-jährigen Gemeinderat aus Murr, 47 für Renkonen, zwei enthielten sich, ein Wahlzettel war ungültig. Dass es knapp werden würde, war zwar erwartet worden. Renkonen, der zur Wahl 2016 keinen Gegner hatte, hatte sich vor seiner Vorstellung aber noch zuversichtlich gezeigt – sowohl für seine Kandidatur wie auch einen Sieg der Grünen bei der Landtagswahl.

Die Regierungsarbeit war es dann auch, die er in den Mittelpunkt stellte: ihre Erfolge mit der Verabschiedung des Klimaschutzgesetzes, wie es nur wenige andere Länder hätten, mit Gemeinschaftsschulen, die soziale Gerechtigkeit beim Lernen ermöglichten, mit Verbesserungen beim ÖPNV wie der VVS-Tarifreform.

Toks Rede hingegen war persönlich gefärbt. Viele Gespräche habe er mit Menschen geführt, die nun wirtschaftlich von der Pandemie bedroht seien, die aber sagten, dass er als Politiker von ihren Problemen doch nichts verstehe. „Ich möchte deine Probleme lösen“, so seine Antworten. Und da schon früh ansetzen, beim Thema Bildung, die noch immer zu sehr vom Geldbeutel der Eltern abhänge. Sein Weg mit Abitur und Studium sei nicht vorgezeichnet gewesen, als Sohn einer alleinerziehenden türkischen Mutter. Ein „Talentzentrum“ schwebt ihm vor, Scouts, die Schüler fördern und ihnen Wege aufzeigen, wie sie ein Studium finanzieren können. Und natürlich die Digitalisierung vorantreiben, eine Alternative zur gescheiterten Bildungsplattform Ella schaffen. Weitere wichtige Themen: die Zukunft der Autoindustrie weg von Verbrennungsantrieben, ein ÖPNV-Jahresticket und ein Radschnellweg nach Stuttgart. Einen Teil seiner 15 Minuten widmete er dem Thema Heimat. Steinmeier sei auch sein Präsident, das Grundgesetz seine Leitkultur und für ihn kein Widerspruch, zum Murrer Faschingsumzug zu gehen, zum VfB Stuttgart und freitags in der Moschee zu beten.

Seine Religion war auch Gegenstand der kurzen Fragerunde: Es heißt, er habe eine Verbindung zur umstrittenen Türkisch-Islamischen Union Ditib. Tok antwortete, er sei zwar kein Mitglied, könne aber seinen Glauben nicht ablehnen. Und wenn etwas gegen Deutschland gesagt werde, distanziere er sich: „Hass hat keinen Platz in deutschen Moscheen.“ Die Mitglieder applaudierten.

Ruhig blieb es dagegen nach der Frage an Renkonen, wo er Basisarbeit geleistet habe – auch zuvor schon war hinter vorgehaltener Hand Kritik geübt worden, dass sich vor allem er und Walter nur selten bei Terminen im Kreis hätten blicken lassen und zudem kein Wahlkreisbüro hier unterhalten, auch von einer Schlammschlacht und Intrigen ist die Rede. Renkonen zeigte sich verwundert über die geäußerten Vorwürfe, ebenso über die Behauptung, er habe in der Fraktion gegen eine Wahlrechtsreform gestimmt.

„Ich denke, ich habe keine schlechte Basisarbeit geleistet, das wurde überall bestätigt“, sagte er hinterher. Vielmehr habe Tok gesiegt, weil er „wohl die Herzen gewonnen hat“ – und viele neue Mitglieder aus dem Bottwartal, laut Tok etwa zehn. Der Murrer selbst ist nach der Wahl „überwältigt“ und sieht seine Präsenz vor Ort, die es auch weiter geben soll, als Grund. Noch bis Mitte Oktober ist er in Elternzeit, danach soll es richtig in den Wahlkampf gehen. Hoffentlich mit zeitlicher Unterstützung seines Arbeitgebers, einer Krankenkasse, sagt er – und mit Dr. Anne Posthoff aus Besigheim als Ersatzkandidatin. Sie hatte in ihrer Bewerbung eigentlich auf Renkonen gesetzt, setzte sich aber dennoch deutlich gegen Toks Unterstützerin Andrea Dötterer-Händle durch.

Info: Die Grünen im Wahlkreis Vaihingen wählen am 26. September. Es sei zwar jemand als Gegenkandidat angefragt worden, weiß Markus Rösler. Er sei aber momentan der einzige Bewerber.

Autor: