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Vom Fürsten und seinem bronzenen Sofa

Das Beste kommt zum Schluss. So jedenfalls wirkte es, als auf dem Freigelände des Keltenmuseums Bürgermeister Peter Schäfer die neue wissenschaftliche Publikation des Landesamts für Denkmalpflege (LAD) über das Hochdorfer Fürstengrab von LAD-Präsident Claus Wolf überreicht bekam: „Hochdorf X. Das bronzene Sitzmöbel aus dem Fürstengrab von Eberdingen-Hochdorf“.

Mit der bronzenen Totenliege aus dem Fürstengrab beschäftigt sich eine neue Publikation, die jetzt vorgestellt wurde: Unser Bild zeigt von links: Prof. Dr. Claus Wolf, Präsident des Landesamts für Denkmalpflege, Bürgermeister Peter Schäfer, Dr. Erwin
Mit der bronzenen Totenliege aus dem Fürstengrab beschäftigt sich eine neue Publikation, die jetzt vorgestellt wurde: Unser Bild zeigt von links: Prof. Dr. Claus Wolf, Präsident des Landesamts für Denkmalpflege, Bürgermeister Peter Schäfer, Dr. Erwin Keefer, Herausgeber des Bandes, Thomas Hoppe, Referatsleiter am Landesmuseum Württemberg und Museumsdirektor Prof. Dr. Thomas Knopf. Foto: Ramona Theiss

Eberdingen. In der wissenschaftlichen Auswertung des gesamten Grabfundes, die in der eigens aufgelegten „Hochdorf-Reihe“ ihren Niederschlag findet, fehlte auch 43 Jahre nach der Ausgrabung als einziges Fundobjekt aus der Grabkammer noch immer das bedeutendste Element des Inventars: die aus sechs Bronzeblechen genietete, auch in ihrem Unterbau höchst kunstvoll gearbeitete Totenliege des Keltenfürsten. Band zehn schließt diese Lücke – und lässt doch die abschließende Beantwortung der Frage offen, wofür das Objekt vor seiner finalen Verwendung als Totenliege genutzt wurde.

Dass es zuvor anderen Zwecken gedient hatte, scheint klar zu sein: als Bank, als eine von Reichtum und Macht kündende Sitzgelegenheit oder gar als repräsentativer Thronsitz. Vielleicht war das Möbelstück auch eher eine Liege, die der Muse diente und für Gelage oder vielleicht auch für die Liebe und heilige Hochzeiten Verwendung fand. Die Festlegung auf Sitzmöbel, die der Titel des Buches vornimmt, wird in dem Band selbst schon im Vorwort infrage gestellt und als Bronzemöbel bezeichnet. Mit einem Lächeln befand Museumsleiter Thomas Knopf, dass sich nun „jeder seine Gedanken darüber machen kann, was der Fürst mit dem Sitzmöbel gemacht hat“. Sicher sei aber, dass Hochdorf „der am besten erforschte Grabfund in Mitteleuropa ist, auch in der Forschungstiefe“.

Doch auch mit Band X sind längst nicht alle Rätsel dieses Jahrtausendfundes gelöst. Und schon fürs Symposium im Herbst, das zum 30. Geburtstag des Keltenmuseums stattfindet, ist ein „Kessel Buntes“ zu weiteren Forschungsergebnissen rund ums Grabinventar angekündigt. Die zentrale Bedeutung der Publikation zum bronzenen Sitzmöbel liegt für Autor und Mitherausgeber Erwin Keefer, der als Student bei der Ausgrabung 1978/79 Grabungszeichner war und den Band noch mit dem inzwischen verstorbenen Ausgräber Jörg Biel konzipiert hatte, denn auch darin, „dass dieses Möbel endlich beschrieben und auch im Bild verlässlich dokumentiert ist. Die Publikation ist grundlegend für die weitere Erforschung der keltischen Kultur und ihres Wesens“.

Kern des Sammelbandes über das „Sofa des Keltenfürsten“ ist ein Katalog zum Gesamtbild des Möbelstücks mit dank digitaler Verfahren faszinierend plastischen Abbildungen, etwa der Trägerfiguren aus der Unterkonstruktion des 2,75 Meter langen, 74 Zentimeter hohen 58 Zentimeter tiefen Objektes. Hinzu kommen detaillierte Abhandlungen etwa zum Befund, zur Bergung, Restaurierung und zu Fertigungstechniken, die auch beim Nachbau rekonstruiert wurden.

Andere Texte befassen sich mit den Textilanhaftungen auf dem Möbel, mit der Herkunft der Metalle und Details der Legierungen sowie mit kulturgeschichtlichen Aspekten zu südalpinen Vorbildern. Schließlich geht es auch um die Herkunft des ungewöhnlich großen Mannes, der dank der überreichen Ausstattung seines Hochdorfer Fürstengrabes bei der Entdeckung als „Tutanchamun aus dem Heckengäu“ durch die Weltpresse ging.

Für Claus Wolf wurde mit der Hochdorfer Entdeckung die Landesarchäologie „in eine andere Liga katapultiert“. Er justierte auch die Bedeutung des „Publikationswesens“ zum Fürstengrab: „Eine Fundstelle ist dann zu Ende gebracht, wenn über die schönen Funde fürs Museum hinaus das hier vorliegt: das Archiv der Ausgrabung.“ Fürs Landesmuseum Württemberg, das die Originale beherbergt, betonte Thomas Hoppe die Verantwortung im Umgang mit dem Fund: „Das Museum ist keine Abstellkammer für diesen archäologischen Schatz, sondern hat die Verpflichtung zum ständigen Weiterforschen.“

Im Nachgang zoomte Erwin Keefer das Prunkstück aus dem vor gut 2500 Jahren geschaffenen Hügelgrab ein wenig heran. Er zeigte sich überzeugt, „dass das Möbel, das aus ganz verschiedenen Elementen besteht, von Handwerkern aus dieser Gegend gefertigt wurde, die Erfahrung mit Kulturen von südlich der Alpen hatten“. Und die über ein Können und Geschick verfügten, „das mindestens gleichwertig mit dem von Sumerern und Etruskern war“, womit das Bronzemöbel aus dem Fürstengrab „ganz nah an diese frühen Hochkulturen heranrückt, mit denen die Kelten in starkem Kontakt waren“. Das sei der Horizont, in dem die Kelten insgesamt zu betrachten seien, auch deshalb müssten sie „endlich Gegenstand des Geschichtsunterrichtes an unseren Schulen werden“.

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