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Vom „leisen Sterben“ einer Branche

Noch ist kein Lockdown ausgerufen worden. Doch für viele Gastronomen und Veranstalter sind die strengen Regeln damit gleichbedeutend – aber ohne dass es wie bislang eine Kompensation für Einbußen gibt.

Die Gastrobranche fürchtet die weiteren Coronafolgen. Foto: stock.adobe.com
Die Gastrobranche fürchtet die weiteren Coronafolgen. Foto: stock.adobe.com

Kreis Ludwigsburg. Bei vielen Caterern und Gastronomen im Kreis steht das Telefon derzeit nicht still – doch nicht etwa, weil Bestellungen eingehen. Sondern vielmehr Absagen für Weihnachtsfeiern. Denn noch ist kein Lockdown ausgerufen worden. Schon die Aufforderung von Noch-Gesundheitsminister Jens Spahn Mitte November aber, Kontakte zu beschränken, habe vergleichbare Folgen gehabt, so Ines Emmert, Inhaberin des Asperger Catering-Unternehmens Weinbergkinder, die kurz danach schon sechs Absagen von Firmen bekam, rund 25000 Euro brechen ihr damit weg. Auch bei Bettina Schuster vom gleichnamigen Partyservice in Steinheim häufen sich diese Absagen, aktuell sei nichts übrig geblieben, und die jüngsten privaten Feiern seien deutlich kleiner geworden. Ähnliches ist schon jetzt von Restaurants zu hören, und mit möglichen weiteren Verschärfungen mit zusätzlichen Tests auch für Geimpfte und Genesene dürfte sich die ohnehin schon schwierige Lage weiter verschärfen.

Es sei natürlich absolut verständlich, dass man derzeit keine große Gaudi feiere. Aber die Regierung mache es sich nun einfach – ihre Branche hingegen sterbe leise, so Emmert. Denn anders als in den offiziellen Lockdowns im Frühjahr 2020 und dem vergangenen langen Winterhalbjahr gibt es nun, obwohl Spahn schon davon sprach, es sei „fünf nach 12“, durch den Verzicht auf ein offizielles Verbot auch keine Coronahilfen – 50 bis 60 Prozent habe das in den vergangenen Phasen ausgemacht. Und die Alternative bringt neue Probleme: „Wenn Caterer und gegebenenfalls auch Restaurants für gebuchte Veranstaltungen, welche aufgrund von ,gesundem Menschenverstand‘ – so Spahn – abgesagt werden, Stornogebühren berechnen, sind wir oftmals die Buhmänner“, sagt Emmert. „Aber was soll die Branche denn machen, um sich zu retten?“ Zumal es ja nicht nur um die Kosten von Lebensmitteln gehe, sondern auch den Zeitaufwand bei der Beratung.

Stornogebühren seien deshalb „absolut in Ordnung“, so Daniel Ohl, Sprecher des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga im Land. Denn die Branche, in der manche Betriebe fast ein Drittel ihres Jahresumsatzes in den Monaten November und Dezember machen, leide massiv, und die neuerlichen Beschränkungen seien, bei allem Verständnis, ein „brutaler Tiefschlag“.

Dehoga-Umfrage mit drastischen Ergebnissen

Und der lässt sich auch in Zahlen belegen: Vergangene Woche hatte der Dehoga eine bundesweite Umfrage unter seinen Mitgliedern gestartet, demnach setzten Hotels und Restaurants allein in den ersten beiden Novemberwochen 28,2 Prozent weniger um als im gleichen Zeitraum des Vorkrisenjahrs 2019, und fast 90 Prozent berichteten von coronabedingten Stornierungen von Weihnachtsfeiern. Der Verband setze sich deshalb „massiv“ dafür ein, dass die Überbrückungshilfe 3 auch über die Frist zum Jahresende hinaus verlängert werde – auch wenn die bisherigen Hilfszahlungen die Verluste zu keinem Zeitpunkt ausgeglichen hätten, so Ohl.

Und es könnte noch schlimmer kommen, mit im Raum stehenden 2G-Plus-Regelungen auch für Lokale, was ein „Lockdown durch die Hintertür“ bedeute, so die Befürchtung seines Verbandspräsidenten Guido Zöllick. „Hotels und Restaurants sind nachweislich keine Pandemietreiber. Und die Geimpften haben ihren Beitrag zur Pandemiebekämpfung bereits geleistet. Wir werden die vierte Welle nicht dadurch brechen, dass wir just von ihnen nun für jeden spontanen Restaurantbesuch einen Test verlangen.“ Auch sieht Zöllick die Gefahr, dass mit 2G Plus wieder mehr im Privaten ohne jegliche Hygienekonzepte und Kontrolle gefeiert werde.

Apropos: Sind nun nicht zumindest die Caterer im Vergleich zu den Restaurants im Vorteil, weil sie den Firmen eher anbieten können, Häppchen-Teller oder Ähnliches zusammenzustellen, die die Mitarbeiter ausgeteilt an ihre Plätze bekommen, wie das 2020 unter anderem einige Kommunen gemacht haben anstelle des Essens nach Gemeinderatssitzungen? Ines Emmert hat das zumindest versucht: Schon für die Weihnachts- und Silvesterzeit 2020 hatte sie ein Tapas-Paket angeboten, das von Privatpersonen sehr gut angenommen worden sei, und zwei der sechs Firmen hätten nun angekündigt, sich über die Alternative wenigstens Gedanken zu machen. Bettina Schuster hingegen wurde ganz abgesagt – Stornogebühren will sie dennoch nicht nehmen, auch wenn die Absage erst eine Woche vorher komme. „Wir möchten ja, dass die Kundschaft wiederkommt“, sagt sie. Darauf hofft natürlich auch Ines Emmert – wenn sie es bis zur nächsten Hochsaison überhaupt schafft. Die Altersvorsorge sei fast aufgebraucht, und wenn es bis März keine Besserung gebe, werde sie die Reißleine ziehen. „Und dann verabschiede ich mich von der Gastrobranche.“

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