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Weg von großen Schlachtfabriken

Ein Möglinger Landwirt und seine Söhne haben genug von Tiertransporten und Schlachtbetrieben wie Tönnies. Sie zerlegen ihre Schweine wieder selbst – und nehmen damit eine Sonderstellung ein.

Fleischer, die noch selber schlachten: Werner Brosi und seine Söhne Thomas und Andreas in ihrem neuen Schlachthaus in Möglingen, in das sie rund 1,3 Millionen Euro investiert haben. Foto: Holm Wolschendorf
Fleischer, die noch selber schlachten: Werner Brosi und seine Söhne Thomas und Andreas in ihrem neuen Schlachthaus in Möglingen, in das sie rund 1,3 Millionen Euro investiert haben. Foto: Holm Wolschendorf

Möglingen. Dösend liegen die Schweine des Möglinger Bauern Werner Brosi, 59, im Schatten. Wenn es ihnen zu warm wird, lässt Brosi sie von oben mit kühlem Wasser berieseln. Rund ein halbes Jahr sind die Tiere bei ihm. Hier kommen sie zur Welt, werden gemästet und geschlachtet, wenn sie etwa 100 Kilogramm schwer sind.

Das neue Schlachthaus ist keine 50 Meter entfernt – und seit Kurzem fertig. Brosi und seine beiden Söhne Thomas und Andreas, 29 und 25, fertigen gerade Maultaschen, die im Hofladen verkauft werden. Sie haben rund 1,3 Millionen Euro in ihren Hof und die etwa 150 Quadratmeter große Landschlachterei investiert – um auf Transporte in den Schlachthof nach Gärtringen, und den Stress für die Schweine verzichten zu können. „Der respektvolle Umgang mit und die Wertschätzung für unsere Tiere sind uns wichtig“, sagt Thomas Brosi, der wie sein Vater Metzgermeister und Landwirt ist.

Der Zeitgeist weht jetzt günstig

Werner Brosi hat in der Vergangenheit aber auch mitbekommen, wie ein kommunaler Schlachthof nach dem anderen zugemacht hat: in Ludwigsburg, Stuttgart oder Hemmingen. Davon wollte er nicht mehr abhängig sein – und auch nicht von Schlachtfabriken, die auf billig getrimmt sind.

Der Zeitgeist ist gerade auf seiner Seite. Corona und die Infektionsserien wie bei Tönnies haben dafür gesorgt, dass viele Menschen zu regionalen Produkten greifen. „Die Leute vertrauen uns“, sagt Andreas Brosi, der Metzger, Fleischsommelier und Ernährungsberater ist. „Weil sie wissen, wo unsere Produkte herkommen.“ Er genieße das Wohlwollen, das ihm die Menschen entgegenbringen und hofft, dass „das jetzt nicht nur acht Wochen so anhält“. Die Befürchtung, dass durch die Skandale in den großen Fabriken auch kleine Landmetzgereien in Sippenhaft genommen werden, habe sich jedenfalls nicht bewahrheitet.

In der Fleischbranche nehmen die Brosis eine Sonderstellung ein. Das sagt Wolfgang Herbst, der Obermeister der Fleischerinnung und Chef einer Metzgerei in Besigheim. Herbst schlachtet seit zwei Jahren nicht mehr selbst. Er bezieht sein Fleisch aus einem genossenschaftlichen Schlachthof in Göppingen. „Dort geht es reell zu“, sagt er. 250 Schweine werden am Tag zerlegt – bei Tönnies sind es rund 30.000.

Die Innung verliert Mitglieder

Über die Brosis sagt Herbst: „Bodenständige Leute und gute Metzger.“ Aber eher nicht beispielhaft. „Wer selbst schlachten will, braucht eigene Tiere und muss viel Geld investieren.“ Das können und wollen viele nicht mehr. Anfang der 90er Jahre gehörten der Ludwigsburger Fleischerinnung 140 Betriebe an, jetzt sind es laut Herbst gut 30.

Auch die Brosis standen vor der Entscheidung, zu expandieren oder es sein zu lassen. Sie entschieden sich für Schritt eins. „Ich hatte Reserven“, sagt Werner Brosi, seit mehr als 20 Jahren Witwer. „Das.Motto bei uns war: zusammenhalten und anpacken. So haben auch meine Söhne Freude an dem Beruf gefunden.“

Am kommenden Freitag und Samstag wollen sie die Modernisierung ihres Hofs im Kornfeld in Möglingen feiern. Große Aktionen lässt Corona nicht zu. Um eine reine Männerwirtschaft handelt es sich bei den Brosis übrigens nicht mehr: Andreas Brosi hat zu Wochenanfang geheiratet.

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