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Wein sucht Wege aus der Krise

Die Pandemie setzt auch Wengerter und ihre Weine unter Druck. Aber nicht alles ist schlecht: Eine württembergische Weinprinzessin aus Beilstein etwa wird zur Dauermonarchin.

Leben kehrt in die Weinberge des Neckartals und am Rande des Strombergs zurück: Die Reben haben längst zum Austrieb angesetzt. Die Weinprinzessin Franziska Pfizenmayer trägt ihre Krone derzeit aber nur vor dem Computer. Archivfotos: Drossel, privat
Leben kehrt in die Weinberge des Neckartals und am Rande des Strombergs zurück: Die Reben haben längst zum Austrieb angesetzt. Die Weinprinzessin Franziska Pfizenmayer trägt ihre Krone derzeit aber nur vor dem Computer. Foto: Drossel, privat
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Kreis Ludwigsburg. Franziska Pfizenmayer aus Beilstein ist eine Weinprinzessin im Homeoffice. Bevor die Verkostung losgeht, richtet sie sich ihre Krone und schlüpft in ein elegantes Kleid. Früher fiel die Auswahl für Weinfeste auch mal auf Dirndl. Dann setzt sich Pfizenmayer, 27, vor ihren Rechner und hält ihr Glas in die Kamera. Digital Wein verkosten mit der württembergischen Weinprinzessin – willkommen im Frühjahr 2021. „Das geht gut“, sagt sie. Um die Auftritte aufzuzählen, auf denen Pfizenmayer in letzter Zeit richtig mit Menschen in Kontakt gekommen ist, reichen ihr zwei Hände.

Ihre Regentschaft als württembergische Weinprinzessin beginnt im Dezember 2019 im Künzelsauer Carmen-Würth-Forum, auf einer Gala mit 400 Gästen. Die Musik kommt von der Schlagersängerin Madeline Willers. Die Beilsteinerin, die für die örtliche Volksbank arbeitet, ahnt damals nicht, dass sie auch anderthalb Jahre später noch zu den wichtigsten Repräsentantinnen des württembergischen Weins gehört. Seit Menschengedenken sind die Amtszeiten auf ein Jahr begrenzt. „Ich kenne keine, die das so lange gemacht hat wie wir“, sagt Pfizenmayer. Damit meint sie die Weinkönigin Tamara Elbl und die zweite Prinzessin Henrike Heinicke. Noch ist das Ende für die Hoheiten offen.

Das gilt auch für die württembergischen Wengerter – und wie sie einmal die Krise bewerten werden. Die These: Im Lockdown, wenn sich die Weintrinker in den eigenen vier Wänden einigeln, müssen auch die Regale stets gut gefüllt sein, was sich positiv auf den Absatz auswirkt. Anruf bei Hermann Morast, dem Geschäftsführer des Weinbauverbandes Württemberg. Die Frage: Gehört Württemberger Wein zu den Gewinnern der Pandemie? Morast räuspert sich, dann sagt er: „Meldungen, die vermitteln, dass der Weinabsatz gestiegen ist, können wir nicht bestätigen. Wir erleben eine andere Entwicklung.“

Bei den Anstellungen zu den Qualitätsweinprüfungen erleben die Weinmanager einen signifikanten Rückgang um acht Prozent. Besonders leiden laut Morast Betriebe, die ihre Tropfen vor allem auf Festen oder in der Gastronomie abgesetzt haben. Am Dienstag teilen zum Beispiel die Hohenhaslacher Wengerter mit, dass ihr Tag der Weingüter, an dem die Menschen mit Gläsern in der Hand durch den Flecken flanieren, coronabedingt ausfallen wird. Das Winzerfest in Besigheim ist schon länger abgeblasen. Also Riesling, Trollinger oder Lemberger, die württembergischen Topsorten, was die Fläche angeht, alleine trinken? „Dieses Weinerlebnis ist so nicht gewollt“, sagt Morast.

Immer herausfordernder werden für die Weingärtner im Neckartal und am Stromberg offenbar auch die äußeren Umstände. Zu den Engpässen bei den Saisonarbeitskräften gesellten sich im vergangenen Jahr Frostschäden und im Sommer Hitze, die die Flüssigkeit in den Trauben verdunsten ließ. Das Resultat: eine geringere Ernte. Immerhin: Die Qualität stimmte. Vor wenigen Wochen entzündeten nun einige Leuchtfeuer in den Weinbergen, um die jungen Triebe vor dem Erfrieren zu retten. Minusgrade hatten den Pflanzen im April schwer zugesetzt.

Aber es gibt laut dem Geschäftsführer Morast auch Erzeuger, die eher auf der Sonnenseite stehen. „Eklatant höher“ sei der Absatz dort, wo an Supermärkte, Discounter oder andere Lebensmittelgeschäfte geliefert worden ist. „Diese Geschäfte waren ja das ganze Jahr offen“, so der Experte. Darüber hinaus halte der Trend zu Roséweinen an. „Hier können wir liefern“, sagt Morast. Zuspruch erfährt anscheinend auch die „Kulturlandschaft Weinberg“, wie es der Chef des Württembergischen Weinbauverbandes nennt. Gemeint ist: die Schönheit der Reben und ihre Anziehungskraft für Wanderer und andere Naherholungssuchende.

In Beilstein ereilt die Langzeitmonarchin Pfizenmayer unterdessen die Frage, ob sie nicht auf unbestimmte Zeit Weinprinzessin bleiben könnte. Die junge Frau winkt ab. „Nächstes Jahr sollen es auch mal andere machen“, sagt sie schmunzelnd, „auch wenn ich den Württemberger Wein gerne stärker außerhalb repräsentiert hätte.“ Im kommenden Dezember könnten Neuwahlen stattfinden, wenn Corona es will. Vor ihrer Kür trug Pfizenmayer ja schon zwei Jahre lang den Beilsteiner Wein über die Stadtgrenzen hinaus, dabei stammt sie gar nicht aus einer Winzerfamilie. Als Kind half sie Freunden und Bekannten bei der Traubenlese. Später stieg Pfizenmayer als Aushilfe beim Weingut Amalienhof in Heilbronn ein.

Die 27-Jährige ist nicht nur Monarchin, sie hat auch eine stark ausgeprägte demokratische Ader. Für die FDP macht sie Politik im Beilsteiner Gemeinderat. Dazu kommen Vereine und die Feuerwehr. Sie sagt: „Ich bin total verwurzelt im Ort.“

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