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Wenn die Künste den Spagat üben

Ziemlich abgedreht: Das Verhältnis von Literatur und Film steht im Fokus der Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne. Fotos: Andreas Becker
Ziemlich abgedreht: Das Verhältnis von Literatur und Film steht im Fokus der Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne. Fotos: Andreas Becker
Ziemlich abgedreht: Das Verhältnis von Literatur und Film steht im Fokus der Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne. Fotos: Andreas Becker
Ziemlich abgedreht: Das Verhältnis von Literatur und Film steht im Fokus der Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne. Fotos: Andreas Becker
Ziemlich abgedreht: Das Verhältnis von Literatur und Film steht im Fokus der Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne. Fotos: Andreas Becker
Ziemlich abgedreht: Das Verhältnis von Literatur und Film steht im Fokus der Ausstellung im Literaturmuseum der Moderne. Fotos: Andreas Becker
Seit der Erfindung des Kinos stehen Film und Literatur in einer spannungsreichen Beziehung. Die neue Ausstellung „Abgedreht“ im Marbacher Literaturmuseum der Moderne zeichnet die Entstehung einiger prominenter Produktionen nach – von Kästners „Das doppelte Lottchen“ bis hin zu „Babylon Berlin“.

Marbach. Darüber, was sich so alles in den heiligen Hallen des unterirdischen Archivs auf der Schillerhöhe finden lässt, haben Sandra Richter, Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, und Museumsleiterin Vera Hildenbrandt in den vergangenen Monaten einmal mehr nicht schlecht gestaunt. „Eigentlich ist das Literaturarchiv auch ein Filmarchiv“, erklärt Richter beim Rundgang durch die neue Ausstellung „Abgedreht“ im Literaturmuseum der Moderne. Denn aus dem riesigen Grenzbereich zwischen Literatur, Drehbuch und Filmprojekt gibt es darin unzählige Archivalien, die die Entstehung legendärer Leinwanderfolge nachzeichnen lassen – mitsamt aller menschlicher und künstlerischer Dramen, die mit diesen mitunter verbunden waren. Gezeigt werden im Foyer sowie in zwei Räumen im Untergeschoss nun rund hundert Exponate, darunter Dokumente, Briefe, Drehbücher, Abrechnungen und Fotos, die ein Schlaglicht auf das oft schwierige Verhältnis von Literaturvorlagen und deren Verfilmungen werfen.

Was bleibt vom literarischen Werk, was geht verloren oder kommt gar hinzu, wenn dieses verfilmt wird? Und was geschieht mit der Fantasie des Lesers, wenn imaginierte Figuren und Räume plötzlich real werden? Diese Fragen schweben laut Vera Hildenbrandt über der Ausstellung. Exemplarisch werden hier sechs Projekte aus den vergangenen knapp hundert Jahren deutscher Filmgeschichte näher beleuchtet: „Der blaue Engel“ (1930), „Das doppelte Lottchen“ (1950), „Jonas“ (1957), „Der Polenweiher“ (1986), „Malina“ (1991) und „Babylon Berlin“ (ab 2017). Flankierend sind an mehreren Stationen mittels kleiner von der Decke herabhängender Projektoren diverse Filmszenen zu sehen und zu hören.

Frappierend ist die völlig unterschiedliche Haltung der jeweiligen Schriftsteller zu den Filmprojekten. Eine „komplizierte, manchmal zerrüttete Beziehungsgeschichte“ attestiert der Filmwissenschaftler Michael Töteberg, der bei der Ausstellungseröffnung mit Regisseur Volker Schlöndorff sprechen wird, diesen beiden sich bisweilen überlappenden Sphären, und verweist auf den Schriftsteller Martin Walser, der einst erklärt habe, dass es Literaturverfilmungen eigentlich gar nicht gebe – denn ein Roman bleibe immer ein Roman. Diese Distanzierung ist so manchen Autoren eigen, anderen wiederum liegt sie völlig fern. „Der blaue Engel“ mit Schauspielerin Marlene Dietrich basiert auf Heinrich Manns „Professor Unrat“, Carl Zuckmayer schrieb das Drehbuch – über die Frage, wer welchen Anteil am Filmerfolg habe und ob die Umsetzung geglückt sei, wird anschließend fleißig diskutiert. Dass der Roman in der Folge bisweilen unter dem Filmtitel erscheint, gefällt nicht jedem.

Als höchst beweglich in Sachen Medienwechsel erweist sich Erich Kästner. Schon 1937 schlug er „Zum Verwechseln ähnlich“ einem US-amerikanischen Filmagenten als Stoff vor – vergeblich. Auch bedingt durch ein Schreibverbot während der NS-Zeit konnte er erst 1949 eine neue Fassung unter dem Titel „Das doppelte Lottchen“ als Roman für Kinder herausbringen – auf dessen Basis er wiederum das Drehbuch für den dazugehörigen Film verfasste, in dem er sogar als Erzähler in Erscheinung trat. Unterlagen aus den Fünfzigern zeigen, dass Kästner überaus gut daran verdiente, womit er die eher dürren Jahre gewissermaßen nachholen konnte. „Jeder Huster kostet einen Taler“, formulierte der Schriftsteller einmal augenzwinkernd. Die Rolle der Ufa-Produktion als Propagandamaschine der 30er und 40er wird in der Marbacher Schau ebenso beleuchtet wie Hollywood als Magnet und Fluchtpunkt – wo sich der Schriftsteller Alfred Döblin nach seiner Pariser Zeit vorübergehend und eher mühsam als Drehbuchautor verdingte.

Einen avantgardistischen Ansatz wählte Ottomar Domnick nach dem Krieg mit seinem Film „Jonas“, bei dem Text – unter der Beteiligung Hans Magnus Enzensbergers –, Bild und Musik von Beginn an gemeinsame gedacht werden. Mit vielen Preisen bedacht, ist er heute kaum noch bekannt. Das kann man von der Serie „Babylon Berlin“, die auf den Romanen von Volker Kutscher über das Berlin der 20er Jahre basieren, nun nicht sagen – ein regelrechter Hype setzte ab 2017 ein. Dass Literatur und Film eben doch oft zwei Welten seien, das sehe man an dieser Serie deutlich, sagt Museumsleiterin Hildenbrandt. Zwar war der Autor einverstanden mit der Idee der Verfilmung, gleichzeitig distanzierte er sich auch bisweilen davon – auch weil Hauptdarsteller Volker Bruch nicht sein Favorit gewesen war. Der Fokus liegt in der Ausstellung auf dem Aufwand, literarisch erdachte Räume zum Leben zu erwecken: Ein Plan zeigt den Aufbau der „Alten Berliner Straße“, die in Potsdam gleich mehrere Viertel der Metropole für den Film lebendig werden ließ.

Info: Die Ausstellung „Abgedreht. Literatur auf der Leinwand“ im Literaturmuseum der Moderne in Marbach wird am Sonntag, 25. September, um 15 Uhr im Tagungsbereich des Archivgebäudes eröffnet. Sie ist anschließend noch bis 11. März 2023 zu sehen.