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Wie man schlaflos überleben kann

In den Ruinen: Klanglich stark, aber oberflächlich illustriert. Foto: Matthias Baus/p
In den Ruinen: Klanglich stark, aber oberflächlich illustriert. Foto: Matthias Baus/p
Jelineks „Die Bienenkönige“ und Mahlers „Lied von der Erde“ zusammen in der Oper

Stuttgart. Ein Wesen aus dem Weltraum betritt die Ruinen einer Zivilisation, um das Sterben unseres Planeten Erde zu erforschen, und findet einige Überlebende. Das ist das äußere Konstrukt der neuesten Produktion der Stuttgarter Oper, die Elfriede Jelineks Prosatext „Die Bienenkönige“ mit Gustav Mahlers sinfonischem „Lied von der Erde“ verkoppelt: ein Abend, der musikalisch weit mehr überzeugt als szenisch.

„Da haben wir also wieder mal einen, der sich selber zerstört hat“: So beginnt Jelineks dystopischer Monolog über die zukünftigen Folgen einer die Welt bedrohenden technologischen Katastrophe, die in gesellschaftlicher Perversion und Apokalypse endet. Die Schauspielerin Katja Bürkle spielt diesen gut halbstündigen Text in einer Art Baugrube (Bühne: Jo Schramm), in die beim Beginn des „Trinklieds vom Jammer der Erde“ die vier Mahler-Protagonisten hinabsteigen.

„Terrana2“ wird zur Arena der Emotionen zwischen Vergänglichkeit und Ekstase, Aufbruch und Untergang. Wirkt die Erzählung Bürkles, ironisch unterkühlt dargeboten und darstellerisch pointiert, zunächst wie ein ausgedehnter Prolog zum musikalischen Hauptteil der Aufführung, wird sie als Rahmenhandlung am Schluss wieder aufgegriffen: Unter einer riesigen, glitzernden Bienenwabe erscheint die Schauspielerin wieder, nun im insektenförmigen Panzer, und dirigiert die Überlebenden auf ihren Weg in die Unendlichkeit. „Ewig … ewig“ klingt der letzte Satz von Mahlers Lied-Symphonie aus.

Um Gustav Mahlers „Das Lied von der Erde“ zu inszenieren, nimmt der Regisseur David Herrmann die düstere Science-Fiction-Utopie Elfriede Jelineks zum Ausgangspunkt für das Sänger-Quartett. Statt Tenor und Altistin (oder Bariton), wie von Mahler im Wechsel der sechs Teile komponiert, sind es vier Protagonisten, auf die die Orchesterlieder verteilt werden. Thomas Blondelle – kostümiert wie ein verkommener Jedi-Ritter mit Plastik-Applikationen – beginnt mit dem „Trinklied vom Jammer der Erde“: Mühsam wird das bebildert mit Wein aus der Thermoskanne und Müsli löffelnden Gestalten, doch sängerisch eindrucksvoll ist das „Dunkel ist das Leben, ist der Tod!“ des Tenors. Das Staatsorchester im halb hochgefahrenen Orchestergraben spielt dazu unter Cornelius Meisters anspornender Leitung die kammermusikalische Schönberg-Fassung des Stücks: griffig, farbig, klangintensiv.

Evelyn Herlitzius besingt, kauernd vor ihrem Pflanzbeet und der erloschenen Lampe, die im Gedicht aus Hans Bethges „Die chinesische Flöte“ vorkommt, den „Einsamen im Herbst“, ihr eindringlich sonorer Mezzosopran vermittelt Trauer und Verzweiflung. Gehüllt in die Fetzen eines weißen Hochzeitskleides, ist sie der stärkste Kontrast zum pinkrosa Fitness-Outfit Simone Schneiders, die ihren Sopran im Lied „Von der Schönheit“ üppig leuchten lässt, nachdem der Bariton Martin Gantner – mit Wundverbänden verpflastert – der imaginären Szenerie „Von der Jugend“ heftige Fröhlichkeit entlockt.

Was Cornelius Meister mit dem Staatsorchester an differenzierter Darstellung beiträgt, findet kaum Entsprechung in der Personenführung. Endzeitstimmung wird oberflächlich illustriert, so auch im halbstündigen Schlusssatz „Abschied“. Als Obdachlose verkriechen sich die vier Überlebenden unter ihren Decken, schlaflos und voller Unruhe folgen sie der tief lotenden Poesie – „O Schönheit! O ewigen Liebens-, Lebenstrunk’ne Welt!“ – und Expressivität des Klangs. Jeder singt von diesem Abschied, und Mahlers Unendlichkeitsmusik tönt: „Allüberall und ewig blauen licht die Fernen…“

Info: Weitere Aufführungen heute sowie am 7. und 14. November.