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„Wir stehen vor einem Scherbenhaufen“

Es ist ein Umstand, der kaum zu erklären ist: Während Gesangs- und Musikvereine ihren Betrieb wieder aufnehmen können, ist das Singen und das Musizieren mit Blasinstrumenten an den Schulen nach wie vor verboten. Jetzt schlagen die Schulleiter Alarm.

Chorprobe in Zeiten von Corona: Die Sänger müssen auf Abstand gehen. Deshalb proben die Abendsterne mit ihrem Chorleiter Jörg Thum auf dem Schulhof der Eglosheimer Hirschbergschule. So könnte Chorunterricht auch an Schulen denkbar sein. Foto: Holm Wo
Chorprobe in Zeiten von Corona: Die Sänger müssen auf Abstand gehen. Deshalb proben die Abendsterne mit ihrem Chorleiter Jörg Thum auf dem Schulhof der Eglosheimer Hirschbergschule. So könnte Chorunterricht auch an Schulen denkbar sein. Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. „Wir stehen vor einem Scherbenhaufen!“ Wolfgang Medinger, Schulleiter des Goethe-Gymnasiums Ludwigsburg, versteht die Welt nicht mehr. „Das, was in der Schule verboten ist, ist in einem Verein, einer Kirche oder einer Jugendmusikschule erlaubt.“ Die Rede ist vom Singen. Das Goethe ist ein Gymnasium mit Musik-Profil. In den Klassen fünf bis sieben können Schüler den Musikschwerpunkt wählen und haben dann statt der üblichen zwei Stunden Musik drei Stunden. Etwa zwei Drittel der Kinder wählen nach Medingers Worten diesen Schwerpunkt. Rund die Hälfte davon entscheidet sich für Gesang. „Da man jetzt nicht mehr singen darf, wissen wir nicht, wie es mit diesem Schwerpunkt weitergeht.“ Für die Schule bedeute das einen „enormen Qualitätsverlust“, so Medinger.

Auch im kommenden Schuljahr soll es bei dem Verbot bleiben. „Nach derzeitigem Stand ist Singen und das Spielen von Blasinstrumenten im neuen Schuljahr in geschlossenen Räumen nicht möglich“, teilt das Kultusministerium am Mittwoch auf Anfrage unserer Zeitung mit.

Der Landesmusikrat Baden-Württemberg hat zusammen mit seinen Mitgliedern einen offenen Brief an Kultusministerin Susanne Eisenmann gerichtet. Darin wird um eine dringende Überarbeitung des Erlasses und eine den derzeitigen Umständen entsprechende Wiederaufnahme von praktischer musikalischer Arbeit und Ensemblearbeit gefordert. Bei der aktuellen Verordnung handele es sich „um nichts Geringeres als ein vollständiges Shutdown für sämtliche Chor- und Ensemblearbeit an allen Schulen des Landes.“ In ihrem Schreiben werfen die Unterzeichner der Landesregierung vor, „weit über das Ziel hinausgeschossen“ zu sein.

Das Kultusministerium begründet seine Vorgaben „einzig und alleine aufgrund des erhöhten Infektionsrisikos durch die vermehrte Bildung von Aerosolen und den entsprechenden Erkenntnissen aus Wissenschaft und Medizin.“

Jörg Thum ist Leiter mehrerer Chorklassen in Großbottwar und unter anderem Chorleiter der Ludwigsburger Abendsterne. Er hat für die harte Linie des Ministeriums kein Verständnis: „Da geht ein ganz großes Kulturgut kaputt.“ Er ist der Meinung, dass das Singen an Schulen mit einem vernünftigen Hygienekonzept möglich wäre. Notwendig sei es allemal. Auch wenn das Singen zum Beispiel in Vereinen wieder möglich ist, ganz uneingeschränkt läuft das noch nicht. „Wir dürfen mit maximal 20 Personen singen und müssen einen entsprechenden Abstand gewährleisten.“ Die Abendsterne haben deshalb zum Beispiel am Montagabend im Hof der Eglosheimer Hirschbergschule geprobt. „Mit anderen Chören singe ich im Parkhaus.“

Die Jugendmusikschule Ludwigsburg setzt in Sachen Gesang auf Einzelunterricht. Allerdings liegen auch hier die Kooperationen mit Schulklassen vorerst auf Eis. „Wir sind mit den Schulen im Gespräch und schauen, was wir möglich machen können. Vielleicht gibt es die Möglichkeit, an einem anderen Ort zu üben“, sagt die Leiterin der Jugendmusikschule, Christiane Schützer. Das Musical-Projekt mit der Sophie-Scholl-Schule beispielsweise finde statt, „allerdings nur mit zehn bis 20 Schülern statt wie geplant mit 180.“

Für Wolfgang Medinger vom Goethe-Gymnasium ist das keine Alternative. Die Richtlinie des Landes zerschlage alles, „wofür schulischer Musikunterricht steht“. Das Konzept des Ministeriums „opfert eine Ensemble-Kultur, die über Jahrzehnte gewachsen ist und unser Schulleben entscheidend prägt, einer diffusen Bedrohungslage.“

Medinger hofft auf eine Vereinheitlichung der Verordnung, so dass der Musikunterricht an Schulen dem Singen und Musizieren in Chören, Vereinen und Kirchen gleichgestellt wird.

Seit Mittwoch können Medinger und seine Kollegen neue Hoffnung schöpfen: „Wir prüfen Lösungen, ob und wie wir im neuen Schuljahr an den Schulen auch Singen und Musizieren mit Blasinstrumenten ermöglichen können. Etwa mit großen Abständen, zum Beispiel im Freien oder in großen, stets gut gelüfteten Räumen. Dadurch könnte ein größerer Abstand zwischen den Sängern oder Musikern gewahrt werden; auch eine versetzte Aufstellung mit sehr großen Abständen, um die Gefahren durch Aerosolausstoß zu minimieren, ist in diesem Zusammenhang ein denkbarer Lösungsansatz. Auch für die Blasmusik, etwa für die Bläserklassen an den Schulen, prüfen wir entsprechende Lösungen, die sich an den Vorgaben für die Musikschulen orientieren“, so das Ministerium.

Info: Aktuell läuft eine Onlinepetition unter dem Motto „Rettet die Schulmusik“. Sie wurde bereits von über 19000 Personen unterzeichnet.

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