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„Wir verlieren Geld für ein bis zwei Jahre“

Keine Neukunden wegen Zwangsschließungen – Fitnessstudios können Vertragskündigungen nicht kompensieren – Zwei Inhaber aus dem Kreis berichten

Zwei Betreiber von Fitnessstudios im Kreis Ludwigsburg kämpfen, wie ihre Kollegen bundesweit, mit den Folgen der Coronakrise: Milko Hess (links) in Bietigheim-Bissingen und Gerhard Jeske in Ludwigsburg. Fotos: p/Andreas Becker
Zwei Betreiber von Fitnessstudios im Kreis Ludwigsburg kämpfen, wie ihre Kollegen bundesweit, mit den Folgen der Coronakrise: Milko Hess (links) in Bietigheim-Bissingen und Gerhard Jeske in Ludwigsburg. Foto: p/Andreas Becker
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Ludwigsburg/Bietigheim-Bissingen. Seit März dieses Jahres sei er insgesamt mehr als 1000 Kilometer gejoggt, sagt Milko Hess. Das körperliche Training ist seine Methode, um in der Coronakrise den Kopf freizubekommen – oder, wie Hess sagt, zu „klaren Gedanken“ zu kommen. Denn die Frage, wie es beruflich für ihn weitergeht, schwebt in diesem Herbst und Winter wie ein Damoklesschwert über ihm – in einem Jahr, in dem er coronabedingt Umsatzeinbußen von 20 bis 25 Prozent zu verzeichnen hat.

Hess ist Inhaber eines medizinischen Fitnessstudios in Bietigheim-Bissingen. Im Frühjahr, während des ersten Corona-Lockdowns, musste seine Einrichtung für mehrere Wochen schließen, wie alle Fitnessstudios in Deutschland. Sie sind jetzt, im zweiten Lockdown, wieder geschlossen. „Wir stehen vor einem Chaos“, beschreibt Hess seine berufliche Situation.

Der 61-Jährige betont, dass die Infektionszahlen wieder sinken, Menschen vor dem Virus geschützt werden müssten und Einschnitte in das öffentliche Leben deshalb notwendig seien. Kein Verständnis aber hat er dafür, dass dafür große Teile der Wirtschaft heruntergefahren würden: „Unser Gesundheitssystem kann nur mit einer gesunden Wirtschaft getragen werden.“

So verstehe er nicht, dass im November auch Fitnessstudios wieder schließen mussten. Dort werde das Virus nicht verbreitet, betont Hess – und beruft sich dabei auch auf den Deutschen Industrieverband für Fitness und Gesundheit. Der teilt mit, dass Fitnessstudios in Deutschland „keine Orte primärer Infektionsquellen“ seien, was Studien belegen würden. Betreiber von deutschen Fitnessstudios hätten umfangreiche Hygienemaßnahmen getroffen und so das Infektionsrisiko „deutlich reduziert“. Studios hätten deshalb nicht geschlossen werden müssen.

Er habe, sagt Hess, im Sommer in seinem Fitnessstudio etwa 20000 Euro in spezielle Vorkehrungen investiert – geprüfte Reinigungsgeräte filtern Aerosole und damit Viren aus der Luft, zwischen den Geräten sind große Plastikfolien gespannt, und jedes einzelne wird nach einer Nutzung desinfiziert. Das Putzteam sei angewiesen, für einen „Hygienestandard eins plus“ zu sorgen. All diese Maßnahmen seien mit der zweiten Zwangsschließung quasi umsonst gewesen, sagt Hess. Zudem sei körperliches Training gerade in einer Krise wie jetzt wichtig: „Sportliche Aktivität, gezielter, kontrollierter Sport stärkt das Immunsystem und die Abwehrkräfte.“ Diese Form der Gesundheitspflege werde Millionen von Mitgliedern mit den Fitnessstudio-Schließungen genommen. Im zweiten Lockdown bietet Hess seinen Mitgliedern Onlinekurse an – zu Themen wie Rückenschule, Yoga und Kochen. „Damit wollen wir die Leute bei Laune und Gesundheit halten“, sagt Marketingleiter Mathias Hinz.

Er und Hess kritisieren die Politik außerdem für ihr Vorgehen bei den sogenannten Novemberhilfen, mit denen der Staat Unternehmen finanziell unterstützt, die in diesem Monat geschlossen sein mussten. Die Nothilfe konnte erst am vergangenen Mittwoch beantragt werden – „viel zu spät“, sagt Hess, „wir benötigen das Geld spätestens jetzt“. Miete und Gehälter müssten nun gezahlt werden, und Kurzarbeit für seine Mitarbeiter habe er diesmal nicht beantragt, in der Annahme, dass die Novemberhilfen schnell, also in der ersten Monatshälfte, an Unternehmen fließen. Zudem seien die Nothilfen mit bürokratischem Aufwand verbunden – sie müssen elektronisch von Steuerberatern, Wirtschafts- oder Buchprüfern oder Rechtsanwälten beantragt werden, die dafür wiederum bezahlt werden müssten. Dieses Honorar, sagt Hess, schmälere den Betrag, der Unternehmen letztlich als Nothilfe zur Verfügung stehe – wann auch immer dieser ausgezahlt werde.

Gerhard Jeske glaubt, dass er die Novemberhilfe in diesem Jahr nicht mehr überwiesen bekommt. Die monatlichen Fixkosten, etwa Miete und Mitarbeitergehälter, werden aber schon jetzt, zum Monatsende, fällig. Auch Jeske bezeichnet das Vorgehen der Politik als planlos, die Bedingungen für den Antrag auf Nothilfe seien bis zu dieser Woche nicht transparent genug gewesen. Er fühle sich wie auf einem „Blindflug durch den Nebel, denn ohne genaue Informationen ist es schwierig, irgendwelche unternehmerische Entscheidungen zu treffen“.

Jeske ist Geschäftsführer des gesundheitsorientierten Life-Fitnessstudios in Ludwigsburg. Während des Lockdowns täglich in eine leere, dunkle Einrichtung zu kommen, „ist mental deprimierend“. Auch frustriere ihn, dass derzeit „keine marktwirtschaftlichen, sondern nur noch politische Gesichtspunkte gelten. Wir haben nichts falsch gemacht und müssen trotzdem schließen, das ist als Unternehmer schwer zu verstehen“, so Jeske. Zumal auch er ein Hygienekonzept für sein Studio erstellt und umgesetzt habe und es ein „extrem geringes Risiko“ gebe, sich in Fitnessstudios mit dem Coronavirus zu infizieren.

Auslaufende Verträge, die von Mitgliedern nicht mehr verlängert werden, treffen auch den Geschäftsführer und sein Studio; das größte Problem aber sei, dass diese Kündigungen, die es üblicherweise immer gebe, nun nicht mehr durch Neuverträge ausgeglichen würden: „In geschlossenen Fitnessstudios können sich keine neuen Mitglieder anmelden. Diese Kunden fehlen uns die nächsten ein bis zwei Jahre“ – Verträge laufen in der Regel über zwölf oder 24 Monate. „Wir verlieren also Geld für die nächsten ein oder zwei Jahre, und wir können das nicht kompensieren“, so Jeske. Dieser „Verlust Monat für Monat wird die Fitnessbranche wahrscheinlich nachhaltig schädigen“.

Life-Mitarbeiter drehten während der Lockdowns Fitnessvideos und stellten sie online, über einen externen Anbieter konnten Mitglieder des Studios an Onlinekursen teilnehmen. Sie erhalten für die Wochen der Studio-Zwangsschließung außerdem eine Kompensation – in Form beitragsfreier Trainingszeiten, die individuell vereinbart werden.

Geschäftsführer Jeske, wie Kollege Hess 61 Jahre alt, hofft nun, dass Fitnessstudios wenigsten im Januar wieder öffnen dürfen – dem Monat, in dem sich jährlich die meisten neuen Mitglieder anmelden.

Zusatzinfo:

Verbraucher, die in den Lockdowns nicht in ihren Fitnessstudios trainieren konnten, haben ein Recht auf Entschädigung für bereits bezahlte Beiträge. Wenn Mitglieder den Fitnessvertrag vor dem 7. März geschlossen und die Mitgliedsbeiträge bereits bezahlt haben, kann der Studiobetreiber anstelle der Rückzahlung auch einen Wertgutschein für diese Beiträge herausgeben. Das teilt die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg mit. (red)

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