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Zeuge sagt nur unter Polizeischutz aus

Im Prozess gegen einen spanischen Lkw-Fahrer spricht „Buffalo Jump“, das führende Mitglied eines zerschlagenen Drogenrings

Markgröningen/Stuttgart. Ein Zeuge, der unter Polizeischutz steht und von einer vierköpfigen Eskorte in den Verhandlungssaal geleitet wird, ist auch am Landgericht Stuttgart nicht alltäglich. Im Prozess gegen  den spanischen Lastwagenfahrer Antonio M., der auch in einer Markgröninger Lagerhalle  80 Kilo Marihuana abgeladen haben soll, verursachte die Ankunft dieses Zeugen spürbare Anspannung bei der Polizei.

Der Bereich vor dem Gerichtssaal war abgesperrt, Zuschauer mussten durch eine Sicherheitsschleuse, Pressevertreter durften nur Stift und Block mitnehmen. „Wir haben eine Fürsorgepflicht gegenüber dem Zeugen“, sagte der Richter. Denn dieser Zeuge, Boris J., gehörte zur Führungsebene eines großen Drogen- und Waffenhändlerrings, den die Polizei zerschlagen hat – und: Er hat „gesungen“. Andere Mitglieder der Gruppe stehen derzeit in Heilbronn vor Gericht.

Der spanische Lkw-Fahrer wird beschuldigt, Kurierfahrer gewesen zu sein; er bestreitet allerdings, irgendetwas von Drogen in einem Geheimversteck seines Fahrzeugs gewusst zu haben, lediglich illegale Geldtransporte räumt er ein. Die Aussage des Zeugen Boris J. sollte diese Einlassung erschüttern.

Außer von vier Beschützern wird Boris J. von einem Zeugenbeistand und einem Dolmetscher begleitet, der die leisen Aussagen des Zeugen aus dem Serbokroatischen ins Deutsche übersetzt. Er ist dunkelblond, 27 Jahre alt und ist im Februar 2020 „in den Grashandel“ eingestiegen. Die nötigen Kenntnisse, sagt er, habe ihm Sven S. beigebracht, ein 27-Jähriger aus Lauffen, der als einer der beiden Köpfe des Drogenrings gilt; der zweite hat sich in die Türkei abgesetzt.

Boris J.s Aufgabe sei es gewesen, Fahrer zu organisieren, die Lagerhallen vorzubereiten – außer in Markgröningen gab es noch welche in Neckarwestheim, Horb und Rottenburg – und „dem Sven“ beim Geldzählen zu helfen. Das Ausladen der Ware aus dem Geheimversteck besorgte der Chef selbst.  Ein- bis zweimal pro Woche erwartete die Gruppe Lkw aus Spanien, der Vorgang war immer der gleiche.  

Es gab zwei bis drei Fahrer, die in Spanien ganz legale Ware aufnahmen: Gemüse oder Obst, im Fall von Antonio M. hatte es sich um Thunfisch gehandelt. Unter der Ladefläche befand sich eine etwa 15 Zentimeter hohe zweite Ebene, in die man flache Metallwannen wie große Backbleche schieben und an Stahlseilen wieder herausziehen konnte. In diesem Geheimversteck wurden aus Spanien jeweils Gebinde von 80 Kilo Marihuana unterschiedlicher Sorten exportiert.

Die Fahrt ging über Frankreich nach Deutschland. Unterwegs bekam der Fahrer via abhörsicherem Kryptohandy Anweisungen, welche Lagerhalle er ansteuern sollte. Die Männer sprachen sich mit Decknamen an, Boris J. nannte sich „Buffalo Jump“. Inzwischen hat die Polizei diesen Messengerdienst geknackt.

In dem nun leeren Geheimversteck reiste Geld zurück nach Spanien, in der Regel rund 300 000 Euro, in flachen Päckchen, vakuumverschweißt.

Die Fahrer, sagt der Zeuge, hätten keine Ahnung gehabt, wie das Versteck aufgeht, die  meisten hätten aber beim Ausladen geholfen. Und gewusst, was sie da transportieren, hätten sie alle ganz genau: „Die sind ja auch ziemlich gut bezahlt worden dafür!“ Von 30000 Euro pro Tour sei die Rede gewesen. Der Angeklagte Antonio M. hatte gesagt, er habe lediglich 1500 Euro bekommen – und von Drogen nichts gewusst.

Mitte Februar dieses Jahres hatte die Polizei Antonio M. an einer Autobahnraststätte aus dem Verkehr gezogen. Im Geheimversteck lagen 280000 Euro und einige Krümel Marihuana – eine Aussage, die vor Gericht Verwirrung auslöste.

Denn am vorherigen Verhandlungstag hatte ebenfalls ein Polizist als Zeuge ausgesagt, man habe zwar DNA-Spuren des Angeklagten, aber überhaupt keine Drogenspuren gefunden. Da werde ja wohl kaum einer zwischendurch mal geputzt haben, merkte Antonio M.s Verteidiger sarkastisch an.

Der Prozess wird fortgesetzt.

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