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Zum Sonntag Die große Chance einer Kleinigkeit

Es war einmal wieder so weit. Der Termin steht in roten Lettern in meinem Kalender. Ich weiß, dass es für mich keine Ausreden gibt und ich ihn wahrnehmen muss: den Termin mit meinem Zahnarzt. Eigentlich mag ich meinen Zahnarzt: Als Mensch ist er mir sympathisch und als Mediziner hat er mir schon oft geholfen, als ich große Schmerzen hatte. Warum also diese Furcht? Es geht doch nur um eine Routineuntersuchung, sage ich mir. „Bist du ein Mann oder eine Maus?“, frage ich mich und bleibe mir am Schluss die Antwort schuldig.

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Manch einer von uns wartet auf Hilfe.Foto: privat
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Ludwigsburg. Es kommt dann aber so, wie es zu erwarten war: Abends sitze ich brav, pflichtbewusst und artig mit frisch geputzten Zähnen im bequemen Patientensessel und warte auf meinen Zahnarzt. Okay, ich gebe es zu: Das klingt entspannt und relaxed, innerlich war ich aber etwas angespannt.

Als mein Zahnarzt den Behandlungsraum betritt und mich begrüßt, rutscht es unreflektiert aus mir heraus: „Guten Abend, Herr Doktor. Wie geht es Ihnen heute?“

Auf einmal bleibt er stehen und sammelt sich. „Wissen Sie“, sagt er zu mir, „das hat mich hier eigentlich noch nie jemand gefragt.“ Und dann erzählt er mir, was ihn zurzeit beschäftigt, wo er sich Sorgen macht und was er kürzlich erlebt hat.

Eine kleine, harmlose Frage hat bei ihm eine große Lebensfrage an die Oberfläche gespült und zu einer Suche nach Orientierung, Werten und Antworten geführt.

In der Tageslosung für den heutigen Samstag steht: „Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan“ (Matthäus 25, 45). Anderen Menschen zu helfen beginnt damit, dass wir den anderen wahrnehmen und uns Zeit für ihn nehmen. „Wie geht es Ihnen?“ kann in der Tat der erste Schritt unserer Hilfestellung sein.

Vater im Himmel, schenke mir doch den Blick für den anderen Menschen und den Mut, auf diesen zuzugehen und das Gespür, das für die Person Richtige zu tun.

Horst Buchholz

Prädikant

Evangelische Kirchenpflege Ludwigsburg