Ludwigsburg. Marbach. Dass Raik Singer an diesem sonnigen Nachmittag auf dem Marbacher Burgplatz steht, um über sein Engagement bei den ersten Theaterfestspielen der Stadt zu sprechen, ist, wie so vieles im Leben, eigentlich einem Zufall geschuldet. Umso mehr freut sich der Heilbronner Schauspieler, in der Schillerstadt zu den Ursprüngen der Schauspielerei zurückzukehren. Und das kam so: Philipp Wolpert, neben Tobias Frühauf einer der beiden jungen Intendanten, machte vor einiger Zeit eine Hospitanz am Heilbronner Theater, wo Singer Ensemblemitglied ist. Man kannte sich, flüchtig. Als die Planungen für die Festspiele begannen und er von Singers auslaufendem Vertrag hörte, griff Wolpert zum Hörer. „Ich dachte erst an einen Scherz“, gibt Singer lachend zu. Ein solch ambitioniertes Projekt, das Hand und Fuß hat, hatte er nicht erwartet. Und doch sagte er gleich zu.
Nun setzt sich der 54-jährige gebürtige Leipziger zweimal täglich, sechs Tage die Woche, auf sein Motorrad und fährt von Heilbronn nach Marbach, um im alten Kino für zwei der insgesamt vier Inszenierungen – „Emilia Galotti“ und „Der kleine Prinz“ – zu proben. Seit Mitte Mai wird zusammen gearbeitet, das sei zeitlich knapp bemessen, sehr komprimiert, findet der erfahrene Schauspieler. Für sein Marbacher Engagement muss sich Singer überhaupt in mancher Hinsicht umgewöhnen – raus aus der Komfortzone, lautet die Devise. Vieles hat sich über die Jahre am Theater eingefahren, er ist es gewohnt, klare Anweisungen zu erhalten, die er nur noch umsetzen muss. Hier, wo Profis, Newcomer und Laien zusammenwirken, wird Theater aber als offener Prozess begriffen, das Bühnenbild, die Dialoge, fast alles. In Stein gemeißelt ist nichts, manches läuft gar ein wenig chaotisch ab. „Das ist schon etwas anderes als am Stadttheater, wo man alles mundgerecht serviert bekommt“, sagt Singer schmunzelnd. Also geht es für Singer zurück zu seinen Wurzeln, dahin, wo für ihn das Schauspielern einst anfing. Ein anstrengender, aber lohnender Prozess, wie er findet. „Ich bin als kreativer Schauspieler gefragt, mit vielen Freiheiten, das gefällt mir sehr gut.“
Bei den Gandersheimer Domfestspielen hat er vor ein paar Jahren schon mal Open-Air-Erfahrung gesammelt, er hat das in guter Erinnerung. Es gibt weniger Konventionen, die Zuschauer bringen sich bei Bedarf eine Jacke und etwas zum Essen mit, bei hoffentlich gutem Wetter. „Freilufttheater hat einen ganz besonderen Charme, es gibt diese Gemeinschaft mit dem Publikum, das über die Bühne zu kriegen“, schwärmt er.
Die beiden Intendanten seien echte Energiebündel, findet Singer, mit viel Mut, etwas ganz Eigenes zu machen, mit Leuten, die „darauf Bock haben“. Erfrischend seien vor allem die dezidiert modernen Ansätze, die sich in den größtenteils komplett neuen Textfassungen und den zeitgemäßen Inszenierungen widerspiegeln. Kurz, knackig und von religiösen Zuschreibungen entrümpelt der „kleine Prinz“, in dem Singer den Piloten spielt. Odoardo Galotti, den Vater im zweiten Stück, mimt er zum ersten Mal. Eine interessante Figur sei das: „Er passt zu mir, auch seine Ansätze sind mir nicht ganz fremd – dieses Pendeln zwischen Verantwortung und Schutz gegenüber seiner Tochter.“ Galotti als Unterdrücker – das sei indes oft viel zu eindimensional verkörpert. Das will er in Marbach anders machen. Weil seine ganz eigene Perspektive gefragt ist.
Marbach mit seiner großen literarischen Tradition biete beste Bedingungen für ein solches Theaterfestival, findet der 54-Jährige, nicht auszuschließen sei es, dass es sich etabliere. Zumal mit diesem eigenen Ansatz als Markenkern. Singer selbst will sich beruflich neu orientieren – weg vom festen Engagement, auch ein Stück weit weg von der klassischen Schauspielerei. Da bietet Marbach den idealen Übergang. Das Stadttheater, ganz allgemein, stoße aktuell an Grenzen, findet er, weil vielerorts die finanziellen Mittel fehlen und die Taktung für die Schauspieler viel zu dicht sei. Das Theater müsse weg vom Fließband. Gleichzeitig sagt er mit Blick auf Marbach, wo vieles durch den Idealismus der Beteiligten getragen wird: „Das hier allein kann nicht die Alternative sein – aber wichtige kreative Impulse setzen.“
Info: Die Theaterfestspiele beginnen am kommenden Donnerstag, 28. Juni. Weitere Infos unter www.marbacher-theaterfestspiele.de.
