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Das Handwerk fordert mehr Unterstützung von der Politik. Thomas Hoefling nennt Schwerpunkte

Das Handwerk fordert mehr Unterstützung von der Politik. Thomas Hoefling, der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Region Stuttgart, nennt Schwerpunkte.

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Herr Hoefling, das Handwerk fordert von der Politik Investitionsprogramme. Welche Bereiche sollen Schub bekommen?

Zwei Bereiche sind uns besonders wichtig. Zum einen sind es Investitionen in die Bildung. Wir haben enormen Nachholbedarf bei der Ausstattung, modernen Lehrmethoden oder individueller Förderung. Hinzu kommt ein enormer Sanierungsstau an Schulen und Berufsschulen. Zum anderen brauchen wir Investitionen in die Infrastruktur, angefangen bei Verkehrswegen über einen beschleunigten Breitband- und Mobilfunkausbau bis hin zur Digitalisierung der Verwaltung.

Was fordert das Handwerk von der Politik, um seine Betriebe in den Transformationsprozess hin zur E-Mobilität einzubinden?

Mittelbar betroffen vom Transformationsprozess sind vor allem Kfz-Handwerke und handwerkliche Zulieferer. Herausfordernd ist für sie, dass noch nicht ganz klar ist, wie schnell und in welche Richtung genau die Transformation verläuft. Es herrscht also noch viel Unsicherheit. Deshalb benötigen sie Informationen und Orientierung, Unterstützung in strategischen Fragen und Fragen der Aus- und Weiterbildung. Nötig ist außerdem ein Ausbau der Ladeinfrastruktur.

Das Handwerk will in der Öffentlichkeit sichtbarer werden. Welche Maßnahmen kann Ihrer Ansicht die Politik in Gang setzen, damit dieses Vorhaben gelingt?

Baden-Württemberg braucht wieder einen eigenen Mittelstandsbeauftragten, der sich auch explizit um das Handwerk kümmert. Sichtbarer würde das Handwerk mit einem eigenen Motiv in der Landes-Imagekampagne. Seit Jahren läuft die Kampagne erfolgreich. Durch ein solches Motiv kann der nicht unerhebliche Beitrag deutlich gemacht werden, den das Handwerk für die Wirtschaft im Land leistet.

Was erwarten Sie von der künftigen Landesregierung zur Unterstützung von Firmengründungen und der Unternehmensnachfolge?

Wir haben die Einführung der Meisterprämie sowie der Meistergründungsprämie sehr begrüßt und wünschen uns, dass diese verstetigt werden. Sie sind ein wichtiger Baustein für Meisterabsolventen und junge Gründer. Günstige Kredite und Beratungsangebote für Handwerker, die einen Betrieb übernehmen wollen, sind eine weitere bewährte Unterstützung. Die aktuelle Situation erfordert besondere Maßnahmen, etwa Bürgschaftsprogramme für Betriebe, die sich durch Corona verschuldet haben. Damit könnte der Unternehmenswert erhalten und Betriebe sowie Arbeits- und Ausbildungsplätze geschützt werden.

Wie könnte die Politik das Handwerk bei der Suche nach Fach- und Nachwuchskräften unterstützen?

Nachholbedarf besteht leider immer noch bei der Gleichstellung von beruflicher und akademischer Bildung. Jugendlichen, Eltern, aber auch Lehrern müssen wir verdeutlichen, dass das Handwerk attraktive Karrierewege bietet, die sich hinter keinem Studium verstecken müssen. Dazu muss die Berufsorientierung an Gymnasien ausgebaut werden. Für Jugendliche in der Ausbildung sollte es außerdem ein 365-Euro-Azubi-Ticket geben.

Die Kammer hat die Initiative „Frauen im Handwerk“ ausgerufen. Wie könnte die Politik dabei helfen, dass sich mehr Frauen einen Handwerksberuf wählen?

Um ein Umdenken in Gang zu bringen, fordert das Handwerk seit langem eine geschlechtergerechte Berufs- und Studienorientierung ein. Noch viel zu häufig werden in der Berufsorientierung und -beratung nicht vordergründig die Fähigkeiten der Jugendlichen in den Blick genommen und daraus attraktive Berufswege für sie aufgezeigt, sondern – teils unbewusst – geschlechterangepasste Berufswege vorgeschlagen. Es müssen Klischees aufgeweicht werden, sowohl bei den Jugendlichen selbst, deren Eltern, aber auch bei den Lehrenden. Die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für viele Frauen, aber auch Männer, noch nicht zur Zufriedenheit gelöst. Deshalb brauchen wir in Kitas und Schulen zusätzliche und qualitativ gute Ganztagsangebote.

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