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Interview

Interview mit Marjoke Breuning, Vizepräsidentin des BWIHK: „An dualer Bildung hängt unser Wohlstand“

Nach Ansicht von Marjoke Breuning, Vizepräsidentin des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertags (BWIHK), dem Dachverband der zwölf Industrie- und Handelskammern im Land, braucht es eine zukunftsweisende Innovationspolitik und einen Strukturwandel im Handel.

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Frau Breuning, wie klappt die Zusammenarbeit mit der Landesregierung?

Die Zusammenarbeit der IHK-Organisation mit dem Land ist gut und vertrauensvoll, vor allem mit dem Wirtschaftsministerium. Unsere Stimme wird wahr- und ernst genommen. Zum Beispiel beim Corona-Soforthilfeprogramm, bei der Verbesserung der Digitalisierungsprämie, beim Start-up-Gipfel BW, beim Dialogprojekt „Handel 2030“ oder auch bei der Roadmap Wasserstoff und der Landesplattform „H2BW“, um nur einige Themen zu nennen.

Wo hat es am meisten gehakt?

Die Coronapandemie hat Schwächen aufgezeigt, die aber nicht allein auf die Landesregierung zurückzuführen sind. Vor dem Hintergrund von Corona hätte ich mir im Nachhinein gewünscht, dass wir beim Dialogprojekt „Handel 2030“, das ja von Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut initiiert wurde, weitergekommen wären, als wir heute sind. Corona hat gezeigt, wie wichtig eine Offensive zum Schutz und Erhalt der Innenstädte mit ihren vielfältigen Angeboten ist. Auch beim Thema Breitband- und Glasfaserausbau ist von Vergabe bis zum Ausbau der letzten Meile mehr Tempo und weniger Bürokratie notwendig.

In einem Impulspapier zur Wahl dringt der BWIHK ja auf passgenaue Konzepte und Förderungen für den Einzelhandel, um dort den Strukturwandel voranzubringen. Was ist damit gemeint?

Der Innenstadthandel muss umdenken. Zentren sind gesellschaftliche und kulturelle Mittelpunkte. Um sie zu erhalten, brauchen wir jetzt ganzheitliche Konzepte, die alle Gewerke und Angebote verbinden. Förderung von Regionalität und Innovation, etwa neue Serviceangebote; nachhaltige Logistikkonzepte; Stadt- und Tourismusmarketing plus Wirtschaftsförderung verzahnen. Politik und Verwaltung müssen verstärkt in ÖPNV, mehr Park&Ride sowie intelligente Park- und Verkehrskonzepte investieren. Der stationäre Einzelhandel kämpft zudem gegen die Übermacht des Onlinehandels. Bedürfnisorientierung und kundenorientierte Beratung bleiben da auf der Strecke. Stationäre Händler haben durchaus nachgerüstet und eigene Webshops geschaffen. Dennoch wird der Wettbewerb verzerrt, weshalb faire Bedingungen zwischen Online- und Offlinehandel hergestellt werden müssen.

Was heißt das konkret?

Viele Netzverkäufer haben keine Kosten für Miete oder Personal wie der stationäre Handel, der auch noch viele andere Kosten hat, beispielsweise für Beratung und wechselnde Deko, oder er darf auch keine Plastiktüten mehr verwenden. Das ist ungerecht. Unter den Händlern gibt es Stimmen, die sich für unterschiedliche Mehrwertsteuersätze für Online- und Offlinehandel sowie eine Umweltabgabe auf Onlineverpackungen aussprechen.

Der BWIHK fordert eine zukunftsweisende Innovationspolitik. Wo besteht hauptsächlich Handlungsbedarf?

Bislang tragen Unternehmen über 80 Prozent der Investitionen. Doch der Technologiebeauftragte des Landes hatte bereits vor einiger Zeit festgestellt, dass die Innovationsdynamik Baden-Württembergs insgesamt stagniert, Disruptionen, also radikal neue Innovationen, hier eher selten entstehen und der industrielle Mittelstand immer weniger in Forschung und Entwicklung investiert. Große Firmen wie Bosch, Daimler oder Trumpf investieren zwar enorm. Das können kleine und mittlere Unternehmen (KMU) nicht leisten. Sie laufen Gefahr, bei manchen technologischen Entwicklungen abgehängt zu werden. Deshalb setzen wir auf Kooperationen von KMUs mit Hochschulen und Forschungsinstituten, was auch von der Landespolitik unterstützt wird. Es geht darum, den Wissenstransfer von den Hochschulen in die Wirtschaft zu bringen. Da gibt es ja schon gute Beispiele wie das Cyber Valley oder der Förderwettbewerb KI-Innovationspark.

Wichtig ist dabei auch, dass die Hochschulen mit öffentlichen Investitionen für den Technologietransfer gestärkt werden. Wir haben deshalb die Etablierung von Technologietransfermanagern an Hochschulen mit Schwerpunkt KMU angeregt. Es gibt auch schon öffentliche Zuschussprogramme. Wichtig ist aber, dass die Zuschussförderung weiter möglichst technologieoffen erfolgt.

Sie wollen die berufliche Bildung über digitale Lernplattformen stärken. Passiert da noch zu wenig?

Lernplattformen werden seit vielen Jahren schon in der beruflichen Weiterbildung eingesetzt. Auch Firmen nutzen vielfach eine eigene webbasierte Lernumgebung, die Kommunikation zwischen Lernenden und Lehrenden ermöglicht. In der Coronakrise haben Onlineangebote noch einen deutlichen Schub bekommen, auch an den Schulen. Wir sind aber weit entfernt von einer stabilen Gesamtlösung. Es müssen Konzepte entwickelt werden, um den Einsatz von Lernplattformen schulübergreifend mit hoher Qualität sicherzustellen. So kann auch die berufliche Aus- und Weiterbildung kontinuierlich gestärkt und lebenslanges Lernen gefördert werden. Das ist gerade für die Gewinnung von Fachkräften wichtig. Denn am Erfolg der dualen Bildung, was übrigens der Markenkern der IHK-Arbeit ist, hängt auch das Wohl der regionalen Wirtschaft und somit unser Wohlstand ab.

Ein Ärgernis aus Sicht der IHKs ist es, dass Meister- oder Weiterbildungsabschlüsse der IHK nicht den Handwerksmeistern gleichgestellt sind und daher auch keine Meisterprämie gewährt wird. Wieso gibt es diesen Unterschied?

Dafür gibt es für uns bis heute keine schlüssige Erklärung. Eine Konditormeisterin bekommt nach ihrem Abschluss eine Prämie von 1500 Euro, ein Küchenmeister aber nicht. Das lässt sich Teilnehmern einer Meisterprüfung nicht vermitteln – zumal andere Bundesländer allen einen Bonus gewähren. Als Argument wird immer ins Feld geführt, im Handwerk sei der Meisterbrief die Voraussetzung zur Betriebsführung. Aber wir beobachten mit Sorge, dass es etwa in der Gastronomie kaum noch Fachkräfte gibt. Hier fehlen die Anreize und es muss nachgebessert werden.

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