Gericht
Ludwigsburg | 21. August 2018

Mutmaßlicher Drängler lässt es auf Gutachten ankommen

Mit einem Einspruch gegen einen Strafbefehl über 600 Euro wegen Nötigung ist ein 31-Jähriger aus Neckarweihingen vor das Ludwigsburger Amtsgericht getreten. Er bestreitet, derjenige zu sein, der einen anderen Autofahrer bedrängt und diesem gegen das Fahrzeug geschlagen und getreten hat.

Die Stuttgarter Staatsanwaltschaft wirft dem Neckarweihinger vor, am 1. September vergangenen Jahres einen anderen Autofahrer so bedrängt zu haben, dass dieser praktisch nicht mehr anders konnte, als vor ihm durch den Blitzer zu rasen. Dem Gericht liegt ein Blitzfoto vor, aber der Beschuldigte sagt: „Das bin ich nicht.“ Jetzt soll ein Gutachten klären, ob dem so ist.

Begonnen habe alles an jenem Abend gegen 21.15 Uhr in der Stuttgarter Straße, wo der Angeklagte zu dicht auf einen 26-Jährigen aus Benningen aufgefahren sei. Auf der B 27 stadtauswärts Richtung Kornwestheim, so die Anklage, hätte der Neckarweihinger dem Benninger ständig die Lichthupe gegeben. Und diesen, der keine Lücke auf der rechten Fahrspur fand, zum Schnellfahren gezwungen. Geblitzt wurden alle beide. Zuerst der Benninger mit 112 Stundenkilometern und eine Sekunde später der Neckarweihinger mit 108 Sachen.

An einer roten Ampel in Feuerbach, so die Staatsanwaltschaft, sei der Neckarweihinger aus seinem Wagen ausgestiegen, um mit der Hand gegen die Scheibe des Benningers zu schlagen und mit dem Fuß gegen dessen Fahrertüre zu treten. Der Benninger verriegelte sein Fahrzeug von innen und ging schließlich zur Polizei.

„Ich bin nicht mit dem Auto gefahren an jenem Tag“, sagte der Neckarweihinger. Dieses Fahrzeug hätten auch seine Freunde und seine ganze Familie benutzt. „Ich weiß, wer gefahren ist“, informierte der Neckarweihinger das Gericht. „Aber dazu möchte ich mich nicht äußern.“ Das Geld für den Bußgeldbescheid, setzte der Beschuldigte hinterher, hätte er sich von dem tatsächlichen Fahrer wieder geholt. Richterin Wortelen-Falck schaute sich das Blitzfoto an und meinte: „Ich würde schon sagen, dass Sie das sind.“ „Ich bin das nicht“, konterte der Angeklagte.

„In der Unterführung beim Blüba fuhr mir einer dicht hinten auf“, trat der vermeintlich geschädigte Benninger in den Zeugenstand. „Stockender Verkehr“, dachte ich zuerst. Doch dann sei der Drängler „immer aggressiver“ geworden. Ihm sei „unwohl“ gewesen, schilderte der Benninger, wie er ständig vergeblich versucht habe, auf die rechte Fahrspur zu kommen. Auf Höhe Kornwestheim sei er auch noch geblitzt worden. Danach habe er eine Lücke nach rechts erwischt und bis Stuttgart-Feuerbach sei es eigentlich recht ruhig gewesen. An der roten Ampel in Feuerbach aber hätte es auf einmal einen Schlag und einen Tritt gegen sein Auto gegeben.

„Ich bin sitzengeblieben und habe das Auto von innen verriegelt“, erzählte der Benninger als Zeuge weiter. Der Polizei konnte er vor lauter Angst nur eine ungefähre Personenbeschreibung abgeben. Er habe sich „psychisch angegriffen gefühlt“, erklärte der Benninger. Der Mann habe ihn so bedrängt, dass es ihm gar nicht mehr wichtig gewesen sei, selber auf die Verkehrsregeln zu achten. Er hätte „dieser Situation nur noch entfliehen“ wollen.

Aufgrund des Strafverfahrens gegen den Neckarweihinger musste der Benninger seinen Bußgeldbescheid wegen Geschwindigkeitsüberschreitung erst einmal noch nicht bezahlen. Ein Polizeibeamter berichtete, er hätte den Angeklagten erst gar nicht zu Gesicht bekommen. Sein Klingeln an der Haustüre sei als nicht erlaubte „Unverschämtheit“ bezeichnet worden und auf viermalige Vorladung sei der Neckarweihinger nicht erschienen. Am Ende hätte er diesen übers Internet ermittelt.

Der Neckarweihinger wollte vor Gericht auch nicht sagen, wo er zur Tatzeit war. Er lässt es auf ein anthropologisches Gutachten ankommen. Bei dem Fortsetzungstermin kommt ein Sachverständiger und vergleicht sein Gesicht mit dem auf dem Blitzbild. Sind die Merkmale übereinstimmend, so muss der Neckarweihinger dieses Gutachten bezahlen – und seine Strafe.

Heike Rommel
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