Bietigheim-Bissingen. Diese drei Buchstaben waren mehr als nur ein Autorenkürzel, unter Kollegen bildeten sie vielmehr einen oft und gerne gebrauchten Spitznamen – und waren nicht zuletzt eine echte Marke: aba. „An dem Thema ist der Aba dran, Text kommt“ – das war in den über 20 Jahren, in denen Arnim Bauer als kritischer Berichterstatter, insbesondere für das Kulturressort unserer Zeitung, unermüdlich im Einsatz war, ein in der Redaktion häufig gesagter wie gedachter Satz. Seine große Erfahrung, seine besondere Expertise und seine Kontakte in die vielfältige Kulturszene der Region und darüber hinaus werden künftig schmerzlich fehlen. Im Alter von 66 Jahren ist er unerwartet gestorben.
Arnim Bauer war nicht einfach ein freier Mitarbeiter unter vielen, sondern deutlich mehr: In der Kulturbranche – von seiner Wahlheimat Bietigheim-Bissingen und Ludwigsburg über Stuttgart, Esslingen bis nach Heilbronn – war er, das kann man besonders für die Bereiche Theater und Kabarett sagen, gewissermaßen das Gesicht unserer Redaktion. Über Jahre gewachsene Netzwerke waren dabei wichtig, wenn nicht gar zentral für seine Arbeit. So traf er noch vor wenigen Wochen den österreichischen Kabarettisten und Schauspieler Josef Hader in Stuttgart wieder zu einem Interview anlässlich der anstehenden Auftritte im Theaterhaus. „Das war mal wieder ein tolles Gespräch“, berichtete der Kollege anschließend hörbar vergnügt.
Am Ende zählte nur die Kunst
Einen engen Kontakt pflegte er auch zu den Intendanten der einschlägigen Bühnen, ob es nun der Ludwigsburger Theatersommer war, das Staatsschauspiel, die Stuttgarter Schauspielbühnen, das Theater der Altstadt, die Rampe, das Figurentheater Fitz, die Tri-Bühne, die Württembergische Landesbühne Esslingen oder das Theater Heilbronn. Aber auch zum ambitionierten Laientheater, mit dem er oft haderte, wenn er den Eindruck hatte, dass dieses unter seinen Möglichkeiten blieb.
Der gebürtige Heilbronner war enorm kommunikationsfreudig, gesellig, mit fast jedem in der Kulturszene per Du, so schien es. Und doch alles andere als ein blinder Schmeichler. Arnim Bauer arbeitete getreu der alten Weisheit: Man muss die Meinung des Rezensenten keineswegs teilen, aber ihr zumindest argumentativ folgen können. Seine Texte zeichnete aus, dass er stets ein klares, ehrliches Urteil über das Theaterstück, die Performance oder das Konzert fällte, hart in der Sache, aber den Protagonisten grundsätzlich zugewandt.
Zwischen Rettungswagen und Nahverkehr
Er konnte dabei auch mal ungehalten werden, gar brodelnd, wenn es ihm um Grundsätzliches ging, etwa um den von ihm häufig kritisierten Trend im modernen Schauspiel, sich auf der Bühne durchgehend so lautstark auszutauschen, dass der Text am Ende kaum noch verständlich sei. „Die Schauspieler lernen ihr klassisches Handwerk oft nicht mehr“, klagte er immer wieder. Und er schrieb das auch so ähnlich. Auch wenn er beim Schreiben oft eine gehörige Portion Selbstbewusstsein ausstrahlte: Am Ende zählte für ihn nur die Kunst selbst.
Dass Arnim Bauer Kulturjournalist werden würde, war zunächst nicht abzusehen, vielmehr folgte er auf bisweilen verschlungenen Pfaden seinen so vielfältigen wie ausgeprägten Interessen. Nach seiner Gymnasialzeit in Bietigheim-Bissingen machte er Ende der 70er eine Ausbildung zum Rettungssanitäter beim Deutschen Roten Kreuz in Ludwigsburg, gefolgt von einer Ausbildung zum Heilpraktiker. Ende der 80er holte Bauer seine Fachhochschulreife nach und begann an der Heilbronner FH ein Studium der Verkehrsbetriebswirtschaft mit dem Schwerpunkt Personennahverkehr, das er fünf Jahre später mit dem Diplom abschloss. Während des Studiums beendete er zudem erfolgreich seine Ausbildung zum Rettungsassistenten.
Dienstliche und private Reisen an die Seen
Zu einer jener zahlreichen Entscheidungen, die, typisch für ihn, langsam in ihm reiften und dann ganz plötzlich in die Tat umgesetzt wurden, gehörte sein Einstieg in den Journalismus Mitte der 90er. Bauer, der sich immer schon für Musik, dann zunehmend auch für Theater interessierte, schrieb bald über Themen aus den Bereichen Kultur, Gesundheit und Wirtschaft, seit 2001 fast ausschließlich für unsere Zeitung.
Doch auch sein Studienfach ließ ihn nie los: Auch für die Dampferzeitung im schweizerischen Luzern war er journalistisch tätig, zudem fachlich beratend immer wieder für die Bodensee-Schifffahrt. Von seinen teils dienstlichen, teils privaten Reisen an die Seen schwärmte er danach immer, wenn man mit ihm sprach, er schien erholt, vielleicht irgendwie auch emotional gerüstet für das mitunter harte Brot des Kulturkritikers, der es berufsbedingt einigen nie ganz recht machen konnte – und auch nicht wollte. Mit ganzer Leidenschaft im Gegenwind zu stehen, das verband seine verschiedenen beruflichen Tätigkeiten.
Mal Gütesiegel, mal Verriss
Eigenwillig war Arnim Bauer mit Sicherheit, das hätte er wohl selbst unterschrieben, ein streitbarer, mitunter auch mal streitlustiger Vollblutjournalist. Das Spektrum der Resonanz auf seine Texte war breit, für nicht wenige Leser, das war bekannt, kam eine lobende Besprechung einem „Gütesiegel“ gleich. Auf der anderen Seite gab es – sicherlich auch mal kulturpolitisch oder institutionell motiviert – erboste Leserbriefe, wenn etwas verrissen wurde.
Mit einem langgezogenen „Soooo…“ anstelle einer formellen Begrüßung begannen viele Telefonate mit ihm, es ging gleich ums Wesentliche, und doch schweifte man schnell und oft ab ins Kultur- und Tagespolitische, in die vielen kleineren und größeren Sorgen der Menschheit. Dabei war Arnim Bauer, der zwei erwachsene Kinder und eine Enkelin hinterlässt, immer fest in seinen eigenen, auch politischen Überzeugungen, oft gegen den Mainstream, dabei aber ganz undogmatisch. Dass Gespräche länger dauerten als anfangs gedacht oder geplant, war mehr die Regel als die Ausnahme. Arnim Bauer hinterlässt eine große Lücke.
