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Inklusion

Abbruch der Reise seines Lebens

Die Enttäuschung ist groß. Eigentlich sollte Jürgen Pansin jetzt mit Sven Marx auf dem Tandem sitzen und jeden Tag ein Stück näher in Richtung Tokio radeln, wo sie im August bei den Paralympischen Spielen eine Inklusionsfackel überreichen wollten. Doch die beiden Männer schafften es nur bis ins polnische Warschau, ehe sie die Corona-Pandemie zur Umkehr zwang. Vielleicht bietet sich 2021 eine neue Chance.

Zu diesem Zeitpunkt herrscht noch Optimismus bei Jürgen Pansin (rechts) und Sven Marx, dass die Reise weitergehen kann ... Fotos: www.sven-globetrotter.com
Zu diesem Zeitpunkt herrscht noch Optimismus bei Jürgen Pansin (rechts) und Sven Marx, dass die Reise weitergehen kann ... Foto: www.sven-globetrotter.com
... doch schon bald ist klar, dass nur der Weg zurück nach Deutschland bleibt.
... doch schon bald ist klar, dass nur der Weg zurück nach Deutschland bleibt.

Besigheim/Berlin. Jürgen Pansin, der in Besigheim aufgewachsen ist, ist seit rund einer Woche wieder bei seiner Familie in Berlin. Auch wenn er im Gespräch mit unserer Zeitung durchaus zu Witzen aufgelegt ist, so überwiegt doch die Enttäuschung, dass diese Tandemtour abgesagt werden musste. Sie sollte durch mehrere Länder bis nach Japan führen (siehe Infobox). „Für mich war das die Reise meines Lebens“, sagt der 63-Jährige. „Ob ich die jemals machen kann, steht in den Sternen.“ Wie berichtet, liegt die Sehkraft von Jürgen Pansin bei nur noch einem Prozent; er hat das Gefühl, sein Sehen wird immer schlechter. „Es schmerzt mich, dass wir das jetzt nicht machen können.“ Allerdings bietet sich eine neue Möglichkeit: Da jetzt die Olympischen Spiele und somit auch die Paralympischen Spiele auf 2021 verschoben wurden, könnte es vielleicht im nächsten Jahr mit der Tour klappen.

Dann wäre all die Vorbereitung nicht umsonst gewesen. Zum einen waren da die Probetouren mit dem Stufentandem, bei dem Pansin und der an einem Hirntumor erkrankte Marx auch einige Kleinigkeiten umbauen mussten, damit es fit für diese außergewöhnliche Reise war. Aber auch finanziell haben die beiden viel investiert – Visa wurden beantragt und beispielsweise auch die Flugtickets für die Rückreise von Japan nach Deutschland gebucht.

Zunächst sah alles noch gut aus, als die Tour am Samstag, 7. März, in Berlin startete. Wobei: „Wir haben uns kurz hinter Berlin schon verfahren“, sagt Pansin und lacht. Die beiden Männer wurden von einigen Radfahrern auf ihrer ersten Etappe begleitet, „und da hatte dann jeder Tipps, wie man am besten fahren sollte“. Mit der Konsequenz, dass die Truppe einige Kilometer Umweg machte. Davon abgesehen sind sie gut vorangekommen. Als sich die letzten Begleiter verabschiedet hatten, konnten Pansin und Marx in ihrem Tempo weiterfahren und schafften – auch bedingt durch West- und damit Rückenwind – beispielsweise an einem Tag 148 Kilometer. Donnerstagabend hätten sie bereits in Warschau sein können, „aber wir haben uns Zeit gelassen“. An diesem Abend erreichte sie die Meldung, dass Kasachstan seine Grenzen schließt. Einen Tag später, am Freitag, als sie in Warschau waren, wurde bekannt, dass auch die Ukraine die Grenzen zumacht. „Das war schon beängstigend“, sagt Jürgen Pansin. Zumal die Ukraine die nächste Station auf der Reise sein sollte, die beiden Männer waren nur noch 250 Kilometer davon entfernt. Es wurde darüber nachgedacht, ob über die Kontakte im Bundestag oder im Auswärtigen Amt noch ein Visum zu bekommen wäre. „Wir haben uns alles Mögliche überlegt.“

Am nächsten Morgen, es war Samstag, waren die Radler noch guter Dinge. Da sie am Montag einen Empfang in der Botschaft in Warschau hatten, ging es zur Vorbereitung darauf in einen Waschsalon, um diesen Termin mit frischer Kleidung antreten zu können. In der Stadt waren fast keine Menschen unterwegs. Alle Restaurants waren geschlossen. Später im Hotel erfuhren Pansin und Marx dann, dass ihr Hotel schließen wird, sobald die beiden Deutschen ausgecheckt haben. Als sich auch andeutete, dass Russland die Grenzen dichtmachen will, war für die zwei klar, dass es zurück nach Deutschland gehen muss. Und als dann noch die Nachricht kam, dass Polen in der Nacht zum Sonntag die Grenzen schließen wird, musste es schnell gehen. „Das schaffen wir nicht mehr, wir brauchen mindestens zwei Tage, bis wir an der Grenze sind“, nennt Jürgen Pansin den Gedanken, der ihm da durch den Kopf gegangen ist. Also blieb nur der Zug. So schafften es die beiden über Poznán (Posen) und Kostrzyn bis an die polnisch-deutsche Grenze. „Dann sind wir aufs Rad gestiegen und haben versucht, über die Grenze zu fahren.“ Doch der Radweg nach Berlin war abgesperrt. Kurzerhand haben sie die Absperrung auf der Grenzbrücke zur Seite geräumt. Der Polizist vor Ort winkte die beiden Männer durch – die Ausreise war möglich, nicht jedoch die Einreise.

Am Sonntagabend, 15. März, kamen Jürgen Pansin und Sven Marx in Berlin an. Zunächst überlegten sie, ob sie später einen zweiten Versuch starten sollten – in diesem Fall zunächst mit Unterstützung eines Autos –, doch jetzt hat sich das erledigt: Die Paralympischen Spiele sind verschoben. Im nächsten Jahr könnte also ein zweiter Anlauf genommen werden für diese besondere Tour. Aber vielleicht, je nach Corona-Lage, schwingen sich die beiden im Spätsommer bereits wieder aufs Tandem: „Wir haben uns überlegt, eine Tour durch alle Bundeshauptstädte zu machen. So verbreiten wir den Inklusionsgedanken zumindest in Deutschland weiter.“ Und dabei wäre eventuell auch ein Besuch in der alten Heimat Besigheim drin.

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