Logo

Ehemaliges Ziegelwerk

Abschied vom Besigheimer Ziegelwerk nach mehr als 120 Jahren

Vom Besigheimer Ziegelwerk ist nicht mehr viel zu sehen. Abrissbagger haben in den vergangenen Wochen ganze Arbeit geleistet. Zu Ende geht dabei eine lange Firmengeschichte, die eng verbunden ist mit den Familien Wilhelm Hubele in Hoheneck und Eduard Nestrasil.

Nicht mehr viel ist vom ehemaligen Ziegelwerk im Spindelberg zu sehen. Demnächst fällt der Schornstein.Foto: Alfred Drossel
Nicht mehr viel ist vom ehemaligen Ziegelwerk im Spindelberg zu sehen. Demnächst fällt der Schornstein. Foto: Alfred Drossel
350_0900_32296_ne_zieg2.jpg

Besigheim. Obwohl in Besigheim seit 1422 – dank des guten Rohstoffaufkommens – Ziegel hergestellt wurden, war es nur rund hundert Jahre möglich, Dachziegel und Backsteine industriell zu produzieren. Joachim Pansin hat 1989 für den Besigheimer Geschichtsverein die Entwicklung des Ziegelwerks mit einem Beitrag zur Industriegeschichte der Stadt aufgearbeitet.

Die Chronologie des Ziegelwerks begann im Jahr 1897, als der Ziegler von Hoheneck, Wilhelm Hubele, in Besigheim die Handstrichziegelei von Friedrich Ziegler am Spindelberg mit dem Gelände mit hohem Lehmvorkommen erworben hatte. Ein Jahr später begann Wilhelm Hubele mit Gottlob, dem älteren seiner beiden Söhne, ein Werk aufzubauen, das mithilfe einer Dampfmaschine vom Handwerks- zum Industriebetrieb geworden ist. Im Sommer 1889 fingen die Unternehmer an, Mauerziegel zu produzieren. 1899 wurde der erste Ringofen anfeuert und eine neue Presse für sogenannte Strangfalzziegel – das sind spezielle Dachziegel aus gebranntem Ton, die von parallelen Hohlkammern durchzogen sind – ging in Betrieb. Um unabhängig von den Wetterverhältnissen zu sein, bauten die Betreiber im Jahr 1900 einen Freilandtrockenschuppen. Neun Jahre später wurde eine größere Dampfmaschine gebaut.

Während des Ersten Weltkriegs stand die Produktion in Besigheim still. Erst 1925 wurde ein neuer Ringofen mit automatischer Kohlen-Schüranlage eingerichtet. Eine Lorenanlage mit Schienen diente in der Tongrube dem Transport; ein Lastwagen ersetzte 1933 das Pferdegespann. Während des Zweiten Weltkriegs ruhte die Produktion abermals. Erst 1946 wurde sie aufgenommen und Mauer- sowie Dachziegel gefertigt.

Nach dem Krieg lernten sich der Kaufmann Eduard Nestrasil, der mit seiner Familie aus Tschechien nach Backnang gezogen war, und Gertrud Hubele, die dritte Tochter Gottlobs, kennen. Sie und Eduard heirateten. Seine Schwiegermutter, die verwitwete Frida Hubele, übertrug ihm die Geschäftsführung des Ziegelwerks.

Eduard Nestrasil war ein Pionier und – wie es im Schwäbischen so schön heißt – ein Schaffer. Er baute den Betrieb zu dem auf, was er zuletzt war. Nestrasil tätigte einige Investitionen, kaufte 1949 einen sogenannten Zickzackofen. Ein Eimerbagger erleichterte die Arbeit beim Abbau des Lehms. Schließlich kam eine Diesellokomotive zum Einsatz. Ein Sumpfhaus sollte die Qualität des Tons verbessern. 1960 wurde der Produktionsablauf weiter modernisiert, es kam ein 80 Meter langer Tunnelofen zum Einsatz. Von 1968 an lief die Produktion der Dachziegel vollautomatisch.

1976, auf der Fahrt in den Urlaub, starb Eduard Nestrasil im Alter von 67 Jahren. Seine drei Kinder Uwe, Heide und Hartmut übernahmen die Geschäftsführung des Ziegelwerks. 1980 wurde der Brennofen auf Gas umgestellt. Eine computergesteuerte Kesselanlage machte es möglich, die Dachziegel schonend zu brennen.

Dass in der Tongrube das Rohmaterial für die Ziegelproduktion knapp geworden war, stellten die Firmeneigentümer 1992 fest. Daraufhin wurden keine Dachziegel mehr hergestellt, sondern in Schallschutzziegel investiert. Um dem Umweltschutz Anfang der 1990er Jahre Rechnung zu tragen, baute das Werk eine Abgasvorverbrennungsanlage ein.

Zum 100-jährigen Bestehen des Ziegelwerks trat mit Volker Nestrasil die fünfte Generation in die Geschäftsführung des Werks ein. Der Enkel des ehemaligen Ziegeleibesitzers Gottlob Hubele war zugleich der letzte Geschäftsführer.

Obwohl weiter in die Produktion investiert worden war, stellte das Ziegelwerk 2002 seinen Betrieb ein. Nach einer vorübergehenden Nutzung der Gebäude von mehreren Firmen erwarb die Layher GmbH aus Besigheim im Jahr 2019 das 3,3 Hektar große Areal zwischen der Marien- und der Luisenstraße. Anfang des Jahres haben die Abbrucharbeiten begonnen. Sind alle Gebäude, Anlagen sowie der Schornstein abgebaut, soll auf dem Gelände Wohnraum entstehen.

Autor: