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An aktuelle geopolitische Ereignisse angepasst

Das Theaterensemble FLT feiert mit dem Stück „Herz Dame“ im PKC Premiere – Als Grundlage dient „Pik Ass“ von Julius Marx

Sind die Krankenschwestern bereit, ihre Pläne für den Umsturz in die Tat umzusetzen? Foto: Holm Wolschendorf
Sind die Krankenschwestern bereit, ihre Pläne für den Umsturz in die Tat umzusetzen? Foto: Holm Wolschendorf

Freudental. Seit der Antike haben sich viele Dichter und Denker mit der Frage beschäftigt, ob der Mord an einem Tyrannen aus ethischer Sicht gerechtfertigt ist. Zu einem eindeutigen Urteil gelangte Julius Marx, als er 1942 sein Theaterstück „Pik Ass“ zu Papier brachte. Marx war 1888 in Freudental zur Welt gekommen. Wie so viele deutsche Juden kämpfte er als überzeugter Patriot im Ersten Weltkrieg für sein Vaterland, wurde mehrfach verwundet und für seinen Einsatz mit höchsten Ehren ausgezeichnet. Schon während des Krieges hatte er in seinem Tagebuch über die weit verbreiteten antisemitischen Vorurteile in der deutschen Armee berichtet. Doch als die Nationalsozialisten an die Macht gelangten, nahm der Hass lebensbedrohliche Dimensionen an. 1935 entschloss sich Marx, in die Schweiz zu fliehen, wo bereits seine Eltern und seine Schwester lebten.

Im Exil leistete Marx Widerstand gegen das NS-Regime, indem er in die Schweiz geflüchtete deutsche Künstler und Schriftsteller an amerikanische Filmagenturen vermittelte und geheime Informationen, die ihm ein im Berliner Reichspropagandaministerium tätiger Freund zukommen ließ, an den britischen Geheimdienst weiterleitete. In seinem Theaterstück „Pik Ass“ plädierte er auch für radikalere Maßnahmen: Um Menschen in einer Diktatur vor Leid und Verfolgung zu schützen, sah er den Tyrannenmord als legitimes Mittel des Widerstands an.

In der vergangenen Woche haben sich die jungen Mitglieder des Freilandtheaters (FLT) Bad Windsheim im Pädagogisch-Kulturellen Centrum Freudental intensiv mit dem Stück auseinandergesetzt und auf dieser Grundlage mit Regisseur Christian Laubert ihre eigene Produktion „Herz Dame“ entwickelt. Auch Schüler des Markgröninger Helene-Lange-Gymnasiums waren dabei. Die Gymnasiasten hatten im vergangenen Jahr „Pik Ass“ coronabedingt nicht als Theaterstück aufgeführt, sondern als Hörspiel auf einer eigens dafür erstellten Internetseite veröffentlicht (wir berichteten).

Die Handlung von „Herz Dame“: Victoria, die Diktatorin des imaginären Staats Nordikea, ist seit 17 Jahren an der Macht und unterdrückt ihr Volk. Eine Gruppe von Krankenschwestern plant den Umsturz. Als es zum Krieg mit dem benachbarten Aldiwest kommt, müssen sie sich die Frage stellen, ob sie bereit sind, die bis dahin theoretischen Überlegungen in die Tat umzusetzen.

Das Ensemble hat die Vorlage an die aktuellen geopolitischen Gegebenheiten angepasst. Diktatorin Victoria übernimmt die Rhetorik von autoritären Machthabern wie Wladimir Putin, die die Realität permanent und unverfroren ins Gegenteil verkehren. In ihren Reden präsentiert sich Victoria als fürsorgliche Landesmutter, die nur das Beste für ihr Volk will. Nordikea preist sie als friedliches UN-Mitglied, das sich gegen demokratiefeindliche Akteure aus dem Ausland verteidigen muss. Und die Aggression gegen den Nachbarstaat Aldiwest ist natürlich kein Angriffskrieg, sondern eine Militäroperation.

Der Faschismus spielt sich als Hüter demokratischer Werte auf, die echte Demokratie wird zur Diktatur umgedeutet – eine absurde Umkehrung der Wahrheit, die seit Jahren weltweit auf fruchtbaren Boden fällt und ein Ignazio Silone zugeschriebenes, lange mit linken Bestrebungen in Verbindung gebrachtes Bonmot in neuem Licht erscheinen lässt: „Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus.“ Genau nach diesem Muster argumentieren nun Putin und seine zahlreichen Brüder im Geiste. Das FLT legt diese perfide Verfälschung der realen Umstände eindrucksvoll offen. Folgerichtig können die Krankenschwestern am Ende nur zu einer Lösung gelangen: Diktatorin Victoria muss sterben.

Bis es so weit ist, muss freilich über allerlei moralische Bedenken diskutiert werden. Schließlich sieht sich Sergio Vesely, der die Handlung auf seiner Gitarre musikalisch begleitet, zum Einschreiten genötigt. „Ihr macht Euch was vor“, gibt er den Krankenschwestern mit auf den Weg. „Die Menschheit soll sich nicht länger zerfleischen, wenn es genügt, einen zu töten.“ Dabei handelt es sich um ein Originalzitat aus dem Theaterstück von Marx. Bald darauf fällt der tödliche Schuss, Victoria sinkt während einer Rede zu Boden. Manchmal heiligt der Zweck die Mittel.

Die jungen Theatermacher haben eine kurzweilige Mischung aus Theater, Musik und Tanz einstudiert, die sie bei der Premiere mit großem Engagement auf die Bühne bringen. Allerdings hinterlässt das Stück ein etwas klammes Bauchgefühl, denn es verdeutlicht, dass die Demokratie in der aktuellen politischen Großwetterlage allerorten gefährdet ist. Traurig, aber wahr: Die Frage, ob ein Tyrannenmord gerechtfertigt ist, wird sich in Zukunft wohl noch häufig stellen.

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