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Impfen

Arztpraxen arbeiten am Limit

Seit vergangener Woche ist in den baden-württembergischen Hausarztpraxen die Impfpriorisierung aufgehoben. Doch noch immer übersteigt die Nachfrage die verfügbare Impfstoffmenge bei Weitem. Zwei Ärzte aus dem Kreis berichten, wie sie den Mangel verwalten.

Bisher werden Impfungen nur im Impfausweis erfasst. Mit der geplanten Ausstellung digitaler Impfzertifikate kommt auf die Ärzte eine weitere Herausforderung zu. Foto: Jonas Güttler/dpa
Bisher werden Impfungen nur im Impfausweis erfasst. Mit der geplanten Ausstellung digitaler Impfzertifikate kommt auf die Ärzte eine weitere Herausforderung zu. Foto: Jonas Güttler/dpa
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Kreis Ludwigsburg. „Es besteht eine enorme Nachfrage“, sagt Dr. Robin Maitra. Die Termine mit dem Impfstoff von Biontech, die er zuletzt eingestellt habe, seien innerhalb von drei Minuten vergeben gewesen. Bei Astrazeneca sei das Interesse hingegen deutlich geringer. Die Hausärztliche Praxis Hemmingen vergibt die Termine zwar online, es besteht aber noch immer viel Gesprächsbedarf am Telefon, was die Leitungen blockiert. Lösungen wie die Plattform impfterminmanagement.de, die Impfwillige an Praxen vermitteln, bezeichnet der Mediziner als „höchst ehrenwert“, sie lösten jedoch nicht das Problem, dass es nicht genug Impfstoff gibt. Trotz Aufhebung der Priorisierung vergebe er noch immer einige Termine vorrangig an erkrankte Patienten, etwa wenn die Impfung gerade in eine Pause bei einer Chemotherapie passe.

Von einer „internen kleinen Priorisierung“ spricht auch Dr. Jürgen Herbers von der Hausarztpraxis Pleidelsheim. Denn noch immer benötigten sehr viele etwa aufgrund ihres Berufs oder als Pflegende eher eine Impfung als andere. Da es aber noch immer nicht genug Impfstoff gibt und die Praxis diese Woche fast keine Erstimpfungen anbieten kann, müssten sie noch immer einen Mangel verwalten. Der Ansturm ist laut dem Arzt nach wie vor groß, die Aufhebung der Priorisierung habe daran auch nichts mehr verändert: „Patienten, die uns dringend erreichen sollten, erreichen uns kaum.“ Bei Fragen zum Impfen seien ihm daher E-Mails lieber.

Im Sommer kommt mit dem digitalen Impfnachweis eine weitere Aufgabe auf die Ärzte zu: Das Dokument, das ergänzend zum gelben Impfausweis EU-weit gelten soll, dürfen nachträglich Ärzte und Apotheken ausstellen. Der Hausärzteverband Baden-Württemberg hat das in einer Pressemitteilung abgelehnt. „Eine weitere extreme bürokratische Belastung wie das Übertragen der Impfungen in den E-Impfpass ist den Praxen in der aktuellen Lage nicht zumutbar“, so der Erste Vorsitzende, Dr. Berthold Dietsche.

„Irgendjemand muss es machen und die Zeit dafür haben“, sagt hingegen Robin Maitra. Er bedauere allerdings, dass die Lösung erst jetzt kommt. Denn dass ein digitaler Impfausweis gebraucht werde, habe man schon früher gewusst. Noch unklar ist laut dem Arzt die konkrete Umsetzung, wie also der Nachweis auf das Handy des Patienten kommen soll: „Es wird sicherlich Verzögerungen geben.“ Jürgen Herbers versteht zwar den Bedarf, doch hätte das auch jede andere Stelle übernehmen können. Im Rahmen der Zweitimpfung sei es wohl mit einigen Mausklicks erledigt. Aufwand erwartet er vor allem beim nachträglichen Ausstellen für vollständig Geimpfte: „Wir arbeiten aber jetzt schon alle mit Überstunden am Limit.“

Die Abstände zwischen der Erst- und Zweitimpfung bei Astrazeneca sind in der Hemminger Praxis nach wie vor ein Thema. „Die Kreativität von Reisewilligen kennt keine Grenzen“, so Robin Maitra. Dass mancherorts bei Astrazeneca Impfabstände angeboten werden, die deutlich unterhalb der empfohlenen zwölf Wochen liegen, finde er persönlich nicht in Ordnung.

Seit dieser Woche erhalten Hausärzte auch den Impfstoff des Herstellers Johnson& Johnson. Doch auch das löst die Probleme offenbar nicht. Denn wie Astrazeneca empfiehlt die Ständige Impfkommission auch diesen Impfstoff nur Menschen ab 60 Jahren. Alle, die sich unbedingt mit Astrazeneca impfen lassen wollten, waren laut Jürgen Herbers inzwischen an der Reihe. Deshalb bestellt seine Praxis bislang kein Johnson& Johnson. Es habe auch noch kein Patient danach gefragt. Dass bei diesem Präparat nur eine Dosis erforderlich ist, hält Robin Maitra aber für einen Vorteil für Gruppen, bei denen sich die Zweitimpfung schwierig gestalte: Das könnten Menschen vor einer Therapie etwa gegen Krebs sein, aber auch Geflüchtete oder Erntehelfer in Gemeinschaftsunterkünften sowie Obdach- und Wohnungslose.

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