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Rechte Kampagne nach Tabithas Tod
Aspergs Bürgermeister Christian Eiberger: Ich lasse mir keine Angst machen

Ein paar Meter als rechtes Skandalon: Von der Gedenktafel in der Mitte des Kirchenschiffs trug Christian Eiberger das Kreuz zum Tor rechts neben dem Kriegerdenkmal. Foto: Andreas Becker
Ein paar Meter als rechtes Skandalon: Von der Gedenktafel in der Mitte des Kirchenschiffs trug Christian Eiberger das Kreuz zum Tor rechts neben dem Kriegerdenkmal. Foto: Andreas Becker
Eigentlich, sagt Christian Eiberger, sei nichts geschehen. Doch dieses „Nichts“ am Rande des Asperger Stadtfests lieferte der Identitären Bewegung Bilder, wie sie die Rechtsextremisten oft für ihre medialen Inszenierungen brauchen. Seither sieht sich der Asperger Schultes rechten Hass-Mails, Beschimpfungen und Drohungen ausgesetzt. Missbraucht wird für die Hetze das Andenken der gewaltsam zu Tode gekommenen Tabitha. Das will Eiberger nicht länger hinnehmen.

Asperg. Die Hetze und den Unflat, mit denen er sich „neben normalen Anfragen“ in Mails, am Telefon oder im Internet konfrontiert sieht, will Christian Eiberger nicht zitieren. Damit gäbe er den rechtsradikalen Pöblern das Forum, das sie suchen – und entzöge zugleich dem Thema Aufmerksamkeit, das für den Bürgermeister weiterhin im Mittelpunkt stehen muss: die Trauer um Tabitha, das Mitgefühl mit ihrer Familie.

Die Sache mit dem Kreuz: Was beim Stadtfest wirklich geschah

Doch Eiberger weiß, dass er die Tiraden nicht nur aushalten, sondern ihnen auch entgegentreten muss. Deshalb sucht er die Öffentlichkeit, will vor wenigen Journalisten darlegen, was sich am Sonntag voriger Woche, dem zweiten Tag des Stadtfestes, wirklich zugetragen hat: Nach dem gedämpften Festauftakt am Samstag, bei dem eine Gedenkminute für die getötete 17-Jährige den Fassanstich ersetzte, begann der Sonntag mit dem Gottesdienst in der Michaelskirche, bei dem Tabithas ebenfalls gedacht wurde. Erst danach erfuhr Eiberger, dass Unbekannte morgens auf dem Kirchplatz ein weißes Kreuz für Tabitha aufgestellt hatten. Ohne Absprache mit der Familie oder dem Rathaus – und just dort, wo nach dem Gottesdienst Musiker auftreten sollten. „Dort musste das Kreuz weg – schon aus pragmatischen Gründen“, sagt Eiberger. Und weil sich die Stadt ohnehin „nur an Aktionen beteiligt, die von der Familie gewünscht werden“, trug er das Kreuz eigenhändig ein paar Meter weiter – vom Standort direkt vor der Kirche ans Holztor rechts neben dem Chor, das in Richtung Aussegnungshalle führt.

Ein Unbekannter filmt – und der Schultes schöpft Verdacht

Dabei wurde Eiberger von einem Unbekannten gefilmt – und schöpfte Verdacht. Zu Recht, wie sich schnell herausstellte: Zu der Aktion mit dem Kreuz bekannten sich die „Wackren Schwaben“, der württembergische Ableger der rechtsextremen Identitären Bewegung, kurz IB. Sie nutzt das Video mit Eiberger seither, um die Versetzung des Kreuzes als Beleg für eine angebliche Verleugnung der Opfer „importierter“, „multikultureller“ Gewalt zu labeln – eine Inszenierung, der es erkennbar nicht etwa auf Tabitha ankommt, sondern auf die Staatsangehörigkeit des aus Syrien stammenden Tatverdächtigen und seinen Status als Flüchtling: Der gewaltsame Tod der jungen Aspergerin wird für eine rechte Hass-Kampagne instrumentalisiert.

Das ist durchaus typisch für die rechtsmediale Inszenierung ähnlicher Verbrechen und fürs Selbstmarketing der IB, schreibt die von der Landesarbeitsgemeinschaft Offene Jugendbildung getragene Fachstelle Mobirex, die sich dem Monitoring der extremen Rechten im Südwesten widmet, auf Twitter: „Es geht nicht um die Opfer der Verbrechen. Die Tat wird vielmehr ausgenutzt, um eine Feindbildmarkierung vorzunehmen, die sich gegen Migrant*innen und demokratische Politiker*innen richtet.“

IB-Chef Martin Sellner führt selbst die Regie

Den Ton gibt dabei im Fall Asperg der IB-Chef selbst vor: Martin Sellner. Der Österreicher nutzt seinen Telegram-Kanal – Reichweite: 61400 Abonnenten – und andere Foren für seine Polemik, beispielsweise die tägliche „Nachrichten“-Sendung des vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuften Monatsmagazins Compact im Internet: „Größte Verachtung und größte Schande für und über diesen Bürgermeister“, wettert Sellner dort in einem mit dem Titel „Asyl-Mord: Bürgermeister trägt Kreuz weg“ überschriebenen Beitrag. Dabei belässt er es nicht bei der Verleumdung Eibergers, er greift namentlich auch dessen Mitarbeiterin und Stadtfest-Organisatorin Patricia Fischer an und bezieht die ganze Asperger Stadtgesellschaft in seine Verachtung mit ein. Denn die habe sich von Tabithas Tod „die Partystimmung nicht vermiesen lassen“ wollen, ätzt er und zetert: „Schande“ daher auch über „diese Gemeinde, die 2014 Migranten aufgenommen hat, die ein Café International eröffnet hat, wo Flüchtlinge und Asylanten Deutsche kennenlernen sollen, und die jetzt versuchen, das Gedenken an Tabitha derartig auszumerzen“.

Dass Eiberger, nachdem er den filmenden IB-Aktivisten angesprochen hatte und stutzig geworden war, das weiße Kreuz danach noch hinter das Holztor neben dem Chor stellen ließ, um sich am Montag mit Tabithas Familie über das weitere Vorgehen abzustimmen, wird da endgültig zum Verdikt über Stadt und Bürgermeister. Denn hinter dem Tor befand sich wegen der laufenden Renovierungsarbeiten in der Michaelskirche auch ein Mobil-WC – ein Bild, das die rechten Kanäle nun nur zu gern in den Vordergrund rücken. Die von Sellner vorgegebene Orchestrierung jedenfalls wird in den rechten Netzwerken längst breit aufgegriffen: Die neonazistische Kleinstpartei „Der III. Weg“ brüstet sich mit einer angeblichen Flugblattaktion, die rechte Online-Postille Politically Incorrect macht aus dem Tatverdächtigen schon vor der Anklage den Mörder und der AfD-nahe „Deutschland-Kurier“ ernennt die IB-Aktion zu einer Art Gedenkveranstaltung „patriotischer Aktivisten“ für Tabitha und die „vielen anderen Opfer multikultureller Gewalt“.

Eine Flut von Beleidigungen, Verwünschungen und Drohungen

Sellner publizierte schließlich auch Eibergers dienstliche Mail und Telefonnummer. In den Kommentarspalten zu seinen Beiträgen wird ein „Denkzettel“ für den Asperger Schultes gefordert, das Wort „Leibesstrafe“ fällt. Die Flut von Beleidigungen, Verwünschungen und unterschwelligen sowie offenen Drohungen, die er seither per Mail, am Telefon oder auf Facebook erhalten hat, stimme ihn „nachdenklich“, sagt Eiberger – zumal die Anfeindungen weit über das Maß der Angriffe hinausgingen, die schwäbische Bürgermeister seit der Coronapandemie kennen. Angst lasse er sich aber nicht machen, unterstreicht Eiberger: Derartige Grenzüberschreitungen dürfe man in einer demokratischen Gesellschaft nicht hinnehmen.

Viel Zuspruch aus Bürgerschaft und Kollegenkreis

Aus der Bürgerschaft und im Kollegenkreis erhalte er viel Zuspruch, sagt Eiberger. Als „doppelt bitter“ empfinde er es aber, dass die Kampagne gegen ihn keinerlei Rücksicht auf die Gefühle von Tabithas Familie nimmt. Dieses Bedauern verbindet er mit einem Versprechen: Im Gedanken an Tabitha werde die Stadt „nur tun, was auch der Familie guttut“.