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Umwelt

Atomkraftgegner fordern, Abfälle vor Ort zu lassen

Die IG Deponien Schwieberdingen-Horrheim pocht auf ein Nein zu freigegebenem AKW-Bauschutt und geht hart mit dem Landrat und AVL-Aufsichtsrat ins Gericht.

Deponie Froschgraben in Schwieberdingen: Als Ablagerungsort für das Neckarwestheimer Abbruchmaterial fest eingeplant. Archivfoto: Alfred Drossel
Deponie Froschgraben in Schwieberdingen: Als Ablagerungsort für das Neckarwestheimer Abbruchmaterial fest eingeplant. Foto: Alfred Drossel

Schwieberdingen/Vaihingen. Sind der Landrat Dietmar Allgaier und der Kreistag eingeknickt? Verstecken sie sich lautlos hinter juristischen Argumenten? Zwei Fragen, die die Interessengemeinschaft Deponien Schwieberdingen-Horrheim jetzt mit Ja beantwortet. „Wir hätten eigentlich einen Aufschrei erwartet“, sagt Erwin Wild, einer ihrer Sprecher, und zwar vom Landrat und dem AVL-Aufsichtsrat. „Überzeugender Protest geht anders.“

In der vergangenen Woche hatten sich Allgaier und das Gremium mehrheitlich entschlossen, eine Annahmeerklärung für gering radioaktive, sogenannte freigemessene Abfälle aus dem AKW Neckarwestheim auszusprechen. Hinzu kam eine Erweiterung des Abfallschlüssels um gefährliche Stoffe wie Asbest oder Schwermetalle. Der Landrat und eine Reihe von Kreisräten betonten, dass der Landkreis zur Einlagerung rechtlich verpflichtet sei, weil das Neckarwestheimer Atomkraftwerk auch auf Kreisgemarkung liege – und die Deponien in Schwieberdingen und Horrheim für das anfallende Abbruchmaterial geeignet seien. Allerdings hatte sich der Kreistag vor rund vier Jahren gegen den Einbau des Atomschutts ausgesprochen.

Kritisch bewertet auch der Schwieberdinger Bürgermeister und CDU-Kreisrat Nico Lauxmann die Praxis des Kreises. „Ich vermisse deutliche Signale an das Land Baden-Württemberg beziehungsweise an die Umweltministerin bezüglich der eindeutigen Beschlüsse des Kreistages“, sagt er unserer Zeitung. Der Landrat, der auch Lauxmanns Parteifreund ist, habe damit „eine Chance vergeben“.

Die Interessengemeinschaft fragt sich unterdessen, ob Allgaier und die Politik intensiv nach alternativen Entsorgungswegen gesucht haben. „In der Öffentlichkeit sind sie den Nachweis bisher schuldig geblieben“, sagt Karl Bendel, ein weiterer Sprecher. In der AVL-Aufsichtsratssitzung hatte immerhin der Freie Wähler Rainer Gessler erneut den unterirdischen Salzstock bei Bad Friedrichshall ins Feld geführt. In den vergangenen Jahren hatten sich das Landratsamt und die Kreispolitik diesbezüglich jedoch immer wieder Absagen des Landes eingeholt.

Die Atomschuttgegner sind überzeugt, dass es für eine Verhinderung der Mülllieferungen noch nicht zu spät ist, auch wenn der in ihren Augen erste Tabubruch nun gewagt werden soll. „Der Protest reißt nicht ab“, kündigt ihr Vordenker an, der Schwieberdinger Mediziner Dierk-Christian Vogt. „Die Forderung nach Umsetzung von alternativen Entsorgungswegen wird nicht verklingen. Wir denken in längeren Dimensionen als die Atomlobbyisten und Umweltminister, die uns das eingebrockt haben.“

Vogt befürwortet zwar das längst eingeläutete Ende der Atomkraft und den Rückbau der AKWs. Er fragt sich jedoch: Wer trägt die Spätfolgen? „Es gibt keinen Schwellenwert, ab dem radioaktive Abfälle medizinisch unbedenklich sind.“ Seine Mitstreiterin Monika Leder, die für die Grünen im Schwieberdinger Gemeinderat sitzt, fordert, die Abfälle bei den Meilern vor Ort zu lassen. „Die Gesellschaft hat sich schon lange von der Illusion der ,Grünen Wiese‘ nach dem Rückbau der AKWs verabschiedet“, sagt sie. „So bliebe die Radioaktivität unter der Atomaufsicht und würde nicht über Deutschland verteilt Eingang in unseren Alltag finden.“

Nachbarn in Neckarwestheim bringen den alten Steinbruch als Ablagerungsort ins Spiel, der sich vor dem Atomkraftwerk auf dem Gelände befand. Er belieferte damals ein Zementwerk in Lauffen am Neckar, das per Schmalspurbahn an den Steinbruch angebunden war.

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