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Corona

Bei 100 Intensivpatienten ist Schluss

Dr. Monica Bürle ist Oberärztin auf der Intensivstation und warnt vor Covid-19 – Grippeimpfung im späten Herbst sinnvoll

Monica Bürle an einem Beatmungsgerät. Foto: Andreas Becker
Monica Bürle an einem Beatmungsgerät. Foto: Andreas Becker

Kreis Ludwigsburg. Vor dem Klinikum Ludwigsburg hat sich eine Schlange gebildet, der Sicherheitsmitarbeiter ist alleine und kommt nicht nach, die Besucher mit Masken und Formularen zu versorgen. „Warten Sie bitte hier“, fordert er die Frau am Anfang der Schlange auf. Von weiter hinten meckert eine andere Frau: „Gehen Sie doch rein, da sind Tische frei, wir stehen hier im Regen.“ Diese Situation ist exemplarisch dafür, dass die Menschen im Umgang mit Corona nachlässiger und uneinsichtiger werden. „Gefährlich“, urteilt Dr. Monica Bürle. Die Oberärztin auf der interdisziplinären Intensivstation im Klinikum Ludwigsburg weiß, wovon sie spricht. Vor allem im April und Mai hat sie Dinge erlebt, die sie in ihrer 20-jährigen Berufslaufbahn noch nie gesehen hat. „Eine solche Menge an Patienten mit der gleichen Krankheit, aber doch so unterschiedlichen Verläufen hatte ich noch nie.“

Im Moment ist die Lage im Krankenhaus entspannt, seit ein paar Wochen habe es keine Covid-19-Patienten mehr auf der Intensivstation gegeben. „Wenn die Fallzahlen nach unten gehen, ist auch die Wahrscheinlichkeit der schweren Erkrankungsfälle geringer“, vermutet die Ärztin. Die Verhaltensregeln der vergangenen Wochen hätten Wirkung gezeigt, die meisten Leute halten sich zudem gerade mehr im Freien auf, nennt sie als mögliche Gründe.

Vor zwei Monaten sah das noch ganz anders aus. Nach den Berichten aus Italien hatte Monica Bürle persönlich schon das Schlimmste befürchtet, der erste Patient kam gleich mit einem schweren Lungenversagen. „Der Zustand verschlechterte sich sehr schnell, so dass wir beatmen mussten.“ Auch im weiteren Verlauf hatte der Patient eine lange Genesungsphase, da neurologische Probleme hinzukamen. Die Krankheit wirkt sich auf den Geruchs- und Geschmackssinn aus, es kann zu Sehstörungen, Lähmungserscheinungen und sogar Hirnhautentzündungen kommen. Ausgehend von Italien bereitete sich das Klinikum so vor, dass man 100 Patienten gleichzeitig hätte beatmen können. „Mehr wäre nicht gegangen“, gibt Bürle zu. Für diese Fälle wurde ein Ethikpapier vorbereitet. „Wir sind alle froh, dass wir es nicht gebraucht haben. Ich bin aber Pragmatiker: Wenn es notwendig gewesen wäre, hätten wir es eingesetzt.“

Die Covid-19-Patienten wurden alle in Bürles Station behandelt, die auf neurologische und chirurgische Fälle sowie auf schwere Lungenversagen spezialisiert ist. Die 18 Betten wurden auf 34 Betten erweitert, in den Hochzeiten wurde noch eine weitere Intensivstation eingerichtet. Zwei Wochen lang wurde diese dritte Station benötigt, von den 100 Patienten wurden 85 beatmet. Die, die gestorben seien, hätten tatsächlich ohne Covid-19 überlebt. „Viele 60-Jährige haben hohen Blutdruck und können trotzdem 85 Jahre alt werden“, betont Bürle und ärgert sich über Aussagen, dass Patienten wegen ihrer Vorerkrankungen ohnehin gestorben wären. „Wer kann das wissen, vielleicht wären sie in einem halben Jahr tot gewesen, vielleicht aber auch erst in drei Jahren. Die Krankheit kann wirklich zum Tod führen und es ist beeindruckend, wie viel Schäden sie hinterlässt“, betont die Oberärztin. Sie habe auch einen Patienten mit 27 Jahren gehabt, der an Corona gestorben sei. „Der war allerdings auch übergewichtig“, nennt sie einen Risikofaktor. Ein Viertel der beatmeten Personen sei verstorben. „Unsere Aufgabe war es, sie intensivmedizinisch so zu betreuen, dass sie wenigstens nicht wach das Gefühl haben, zu ertrinken“, erklärt sie. Bei anderen Krankheiten vergifte sich der Körper selbst, bei Covid-19 sei man indes wach. „Das Gemeine ist auch, dass die Verschlechterung erst in der zweiten Woche auftritt. Am zehnten Tag kann es zu einer extremen Überreaktion des Immunsystems kommen.“

Deshalb sei Covid-19 auch nicht mit der Grippe zu vergleichen. Bei Grippe versage meist nur die Lunge, Corona betreffe auch die Leber, die Nieren oder das Gehirn. Die Langzeitschäden seien noch gar nicht einzuschätzen, manche brauchten Wochen, um sich zu erholen. Schwer geschädigte Lungen erholten sich kaum.

Das Personal musste in der Hochphase aus den Operationssälen abgezogen werden, um das Pensum überhaupt stemmen zu können. Auch aus anderen Häusern der Kliniken wurden Ärzte, Pflegekräfte und Geräte abgezogen. „Da steckte ein hoher logistischer Aufwand dahinter“, sagt Bürle. „Wir sind schon ohne Covid-19 personell am Limit, mit war es nicht leistbar, ohne dass Überstunden gemacht wurden. Es gab auch Zwölf-Stunden-Schichten.“ Die Betreuung erfolgte immer in Schutzausrüstung. Um die Kontakte zu den isolierten Patienten zu reduzieren, kommunizierte man aus den Zimmern heraus mit Babyphone oder Zetteln, die an die Scheibe gehalten wurden. Unter der Schutzkleidung und mit den Schutzmasken zu arbeiten, sei körperlich und psychisch anstrengend. „Wenn sie da noch Menschen mit Schläuchen auf den Bauch drehen müssen, ist das körperlich eine Belastung“, betont Bürle.

Am Anfang sei die Angst auch beim Personal groß gewesen, doch dann habe man gesehen, dass die Schutzvorkehrungen funktionieren. Die 48-Jährige selbst machte sich zwar ebenfalls Sorgen, aber ihr Mann und ihr Sohn seien gut mit der Situation umgegangen. „Sie haben sich besser kennengelernt, ich war ja kaum da“, sagt sie lächelnd.

Für eine zweite Welle im Herbst sei das Klinikum gerüstet, rund 100 Personen könne man gleichzeitig auf den Intensivstationen betreuen. Wenn sie aber mit der Grippe zusammenfalle, sehe es anders aus. Deshalb hält Bürle sehr viel von der Schutzimpfung. „Die verhindert die Grippe nicht immer, aber mildert den Verlauf.“ Und sie setzt auf Mund-Nasen-Schutz: „Den Leuten auf Mallorca, die zu viel Energie haben, empfehle ich, mal hier bei uns zu helfen“, findet die 48-Jährige deutliche Worte. Und auch beim Einkaufen eine Stunde ein Stück Papier im Gesicht zu tragen, könne wohl nicht das Problem sein. „Wir tragen sie den ganzen Tag.“

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