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Missbrauchsskandal
Bislang kaum Kirchenaustritte im Kreis Ludwigsburg

Das Münchner Missbrauchsgutachten und die Rolle des emeritierten Papst Benedikt XVI. erschüttert auch die Katholiken im Kreis Ludwigsburg. Foto: Sven Hoppe/dpa
Das Münchner Missbrauchsgutachten und die Rolle des emeritierten Papst Benedikt XVI. erschüttert auch die Katholiken im Kreis Ludwigsburg. Foto: Sven Hoppe/dpa
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Das Münchner Missbrauchsgutachten erschüttert die katholische Kirche. Der Ludwigsburger Dekan Alexander König hat zwar noch nicht vermehrt Austritte registriert. Aber er bekommt viele kritische Reaktionen der Gläubigen.

Kreis Ludwigsburg. Macht sich die Diskussion über das Münchner Missbrauchsgutachten in den Gemeinden bemerkbar?

Alexander König: Die Diskussion über das Verhalten von Papst Benedikt spaltet gerade ein wenig die Gemüter. Die einen fordern den endgültigen Rücktritt des zurückgetretenen Papstes. Andere verweisen auf das Buch von Peter Seewald über Benedikt XVI., wo bereits im vergangenen Jahr zu lesen war, dass Bischof Ratzinger in München mit einem Priester einer anderen Diözese zu tun hatte, wo es um Missbrauch ging. Ich konnte mir bisher kein Bild machen, worum es in diesem Buch geht.

Welche Reaktionen haben Sie von Gläubigen erhalten?

Mich hat am Sonntag nach dem Gottesdienst das Gespräch einer Gruppe von reformwilligen Gläubigen berührt. Ausgangspunkt war die Sendung in der ARD über outinchurch. Dabei geht es um eine Gruppe von 100 Beschäftigten in der katholischen Kirche, die wegen ihrer Homosexualität oder als Transgender Angst um ihre Anstellung haben. Sie haben sich trotzdem dazu bekannt. Eine aus der Gesprächsgruppe sagte in etwa: Uns kann es doch nur recht sein, wenn noch mehr Fehlverhalten der Kirche ans Licht kommt, das spielt alles uns zu. Die es hörten, nickten. Sprich: Je mehr Amtsträger über die Klippe springen, umso besser. Ich denke, so können wir dann auch nicht miteinander umgehen. Wenn die Weihe der Frauen nur auf diesem Weg zu erreichen ist, dann will ich lieber komplett auf die Weihe verzichten. Und wir lassen es beim allgemeinen Priestertum von Männern und Frauen und allen anderen.

Hat es schon Austritte wegen Ratzinger gegeben?

Unterdessen kommen verstärkt Austritte in unseren Pfarrbüros an. Einzelne mehr, aber es fällt auf. Ich habe jetzt nicht alle 33 Kirchengemeinden befragt. Mein Kollege in Gerlingen meinte, im Gegenteil, er habe jetzt am Samstag drei Taufen. Ich musste sagen, ja, ich habe zwei Taufen. Die Gesamtzahlen für Ein- und Austritte im vergangenen Jahr werden gerade in den Pfarrbüros abgefragt. Die komplette Statistik liegt aber erst Mitte des Jahres vor.

Hat es auch Eintritte gegeben?

Die Kirchengemeinden haben in der Regel ein oder zwei oder keinen Eintritt im Jahr. Im Januar 2022 bestimmt keinen Eintritt, ob das mit München zu tun hat, ist dann die Frage. In Ditzingen, wo ich auch als Pfarrer tätig bin, gab es im Januar keinen Eintritt. Im Moment habe ich ständig die Anfrage nach Taufe und Eheschließung, das hat mit den ausgefallenen Taufen und Hochzeiten wegen der Pandemie zu tun. Für mich ist es richtig aufwendig, die verschiedenen Terminanfragen zu bewältigen, aber zahlenmäßig haben wir lange nicht so viele Taufen wie in den Jahren 2017 und 2018, wo wir auffällig viele Taufen hatten.

Haben Sie Rückmeldungen von Kirchenmitgliedern bekommen, die wegen der aktuellen Diskussion der Kirche den Rücken kehren wollen?

Die Reaktionen sind sehr gespalten. Die einen sehen das aufgedeckte Fehlverhalten von Amtsträgern als Chance für Veränderungen, die anderen halten bewusst zur Gemeinde und zur Gemeinschaft der Kirche. Die einen benennen das Fehlverhalten und die anderen halten sich zurück und fragen sich, warum plötzlich dieser Geist weht. Insgesamt leiden alle Gläubigen an der Situation, weil es so gar nicht zur Botschaft des Glaubens passt. Außerdem müssen sich religiöse Menschen am Arbeitsplatz und im Freundeskreis immer erklären, warum sie an Gott glauben und warum sie ihren Glauben angesichts von Leid und Unrecht durchhalten. Und die Frage, warum sie weiterhin Mitglied der Kirche sind und dann auch noch der katholischen Kirche, steht nun zunehmend im Raum und erfordert eine Rechtfertigung. Vielen fehlen dazu die Argumente und andere nehmen sich aus der Haftung, indem sie auf die Missstände in der Kirche hinweisen.

Was kann die Kirche auch vor Ort tun, um wieder Vertrauen herzustellen und die Mitglieder in der Kirche zu halten?

Ich persönlich habe zunehmend Sorge, dass es die Spaltung und den Unmut innerhalb der Kirche auch über den Synodalen Weg hinaus geben wird. Die Forderungen auf Veränderung von Strukturen und Inhalten der katholischen Kirche sind sehr weitreichend, viele Forderungen werden nicht eingelöst werden. Die einen werden unzufrieden sein, weil zu wenig umgesetzt wurde. Und die anderen werden die Veränderungen nicht mittragen. Ich frage mich, ob verletztes Vertrauen jemals wiederhergestellt werden kann. In der Geschichte und im persönlichen Leben kommen alte Verbrechen und Enttäuschungen spätestens in einer neuen Krise wieder herauf.

Was sollten die Verantwortlichen in der Kirche unternehmen?

Vielleicht sollten sie sich neu überlegen, für wen Kirche da sein soll. Und dann könnten Wege gefunden werden, wie Menschen in ihren persönlichen Situationen Unterstützung erfahren können und gemeinsam eine Gesellschaft bilden, in der alle Rechte aller Menschen gleichermaßen geachtet werden. Diese Entwicklung von Kirche wird lange dauern, wenn möglichst alle mitgenommen werden sollen. Wir sind gerade erst am Anfang.

Einen Artikel zu den Folgen der Skandale für die Kirche im Land gibt es hier.