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Statistik
Cold Cases im Kreis Ludwigsburg: Nur wenige Menschen werden über lange Zeit vermisst

Mitarbeiter der Spurensicherung der Polizei bei der Arbeit: in Tamm wurde im November 2017 die Leiche einer 22-Jährigen aus Backnang gefunden, die vermisst worden war (links). 19 Jahre lang war ein Geschwisterpaar aus Eberdingen spurlos verschwunden.
Mitarbeiter der Spurensicherung der Polizei bei der Arbeit: in Tamm wurde im November 2017 die Leiche einer 22-Jährigen aus Backnang gefunden, die vermisst worden war (links). 19 Jahre lang war ein Geschwisterpaar aus Eberdingen spurlos verschwunden.
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Etwa 99 Prozent aller Vermisstenfälle werden innerhalb von einem bis drei Tagen geklärt. Es gibt aber auch andere Beispiele, etwa Naim S., von dem seit mehr als einer Woche jede Spur fehlt. Insgesamt wurden in diesem Jahr bereits 14 Erwachsene vermisst gemeldet. Zwei davon sind noch verschwunden.

Kreis Ludwigsburg. Vor mehr als sechs Jahren, im Oktober 2015, beherrschte die Suche nach einer vermissten 36-Jährigen aus Eglosheim die Schlagzeilen. Mit Hunden und Hubschraubern hatte die Polizei nach Spuren und Hinweisen gesucht – bis die Vermisste tot in einem Gebüsch in der Nähe der S-Bahnlinie gefunden wurde. Ein solch spektakuläres Ende eines Vermisstenfalles sei sehr selten, erklärt Steffen Grabenstein, Sprecher des Polizeipräsidiums Ludwigsburg.

In den vergangenen Jahren habe es jährlich zwischen 80 und 130 Vermisstenfälle im Landkreis Ludwigsburg gegeben. Gravierende Abweichungen im Vergleich zu den Vorjahren wurden – anders als im Südwesten allgemein – nicht festgestellt (siehe Extraartikel). Auch im Landkreis gibt es Fälle von Langzeitvermissten, also Personen, die mehr als zwei Monate vermisst gemeldet sind. Die Zahl liege aber „im niedrigen einstelligen Bereich“, so Grabenstein. Und etwa 99 Prozent der Fälle werden innerhalb von einem bis drei Tagen geklärt, das heißt, der Aufenthaltsort des oder der Vermissten wird ermittelt.

Rund 100 Fälle von Minderjährigen

Diese Zahlen beziehen sich ausdrücklich nur auf Erwachsene. Hinzu kämen bislang in diesem Jahr etwa 100 Fälle mit vermissten Minderjährigen. „Dahinter verbergen sich aber deutlich weniger Personen, da bei Minderjährigen häufig mehrfache Vermisstenmeldungen vorkommen“, betont Grabenstein und verweist auf sogenannte „Streuner“.

Die Polizei erfasst in ihrer Statistik jeden Fall. Ein Vermisstenfall liegt laut Polizeivorschrift vor, wenn ein Mensch sein gewohntes Umfeld verlassen hat, sein Aufenthaltsort unbekannt ist und eine Gefahr für Leib oder Leben angenommen werden kann – zum Beispiel als Opfer einer Straftat, bei einem Unglücksfall, bei Hilflosigkeit oder Suizidabsicht. Diese drei Bedingungen müssen zusammenkommen, da jeder seinen Aufenthaltsort selbst bestimmen kann. Es gibt aber eine Ausnahme: Minderjährige gelten per se als vermisst, wenn diese „den gewohnten Lebensbereich verlassen haben“ und ihr Aufenthaltsort unbekannt ist. „Bei ihnen muss grundsätzlich eine Gefahr für Leib oder Leben angenommen werden, solange Erkenntnisse oder Ermittlungen nichts anderes ergeben“, betonen Innenministerium und Polizeipräsidium übereinstimmend. Deshalb wurde im Dezember 2021 auch eine große Suchaktion nach einem vermissten Mädchen aus Gemmrigheim gestartet. Sie war weggelaufen. Grund für das Ausreißen der Zwölfjährigen war ein Streit innerhalb der Familie. Dieser Fall illustriert eine Beobachtung der Polizei: Unter den Vermissten seien hauptsächlich Jugendliche, demente ältere, aber auch psychisch auffällige Personen. Die Ursachen für das Verschwinden seien vielfältig: von Verwirrung bei älteren Personen über Stress zu Hause bei Jüngeren bis zu Suizidankündigungen.

Demente Frau aus Marbach

Tragisch endete hingegen ein Vermisstenfall im September 2018. Damals war eine demente Frau aus Marbach spurlos verschwunden. Monate späte fanden Jugendliche an der steilen Böschung neben der Landesstraße zwischen Neckarweihingen und Marbach die menschlichen Überreste der vermissten Seniorin.