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Corona
Corona: Die Sommerwelle erreicht den Kreis Ludwigsburg

Im Juni lag die Zahl der Coronainfektionen im Kreis auf dem Niveau von November und Dezember 2021. Foto: Niaid/ dpa
Im Juni lag die Zahl der Coronainfektionen im Kreis auf dem Niveau von November und Dezember 2021. Foto: Niaid/ dpa
Der Sommer – in den Zyklen der Coronapandemie ein Wellental? Das war einmal! Allein im Juni haben die Gesundheitsbehörden im Kreis Ludwigsburg 8175 Neuansteckungen registriert – und das bei unklarer, aber unzweifelhaft hoher Dunkelziffer. Die Tendenz zeigt weiter nach oben: Allein in der ersten Juli-Woche wurden 3148 Neuinfektionen gezählt.

Kreis Ludwigsburg. Familie M. war während der Pfingstferien positiv. Vater, Mutter, beide Kinder. Weil eh ein Urlaub geplant war, sind alle vier einfach daheim geblieben. Kein offizieller Test, keine Krankmeldung, kein Niederschlag in der amtlichen Coronastatistik. Wie hoch die Dunkelziffer gegenwärtig ist? Das Kreis-Gesundheitsamt wagt dazu keine klare Aussage. Es sei aber „davon auszugehen, dass weiterhin eine große Menge Infizierter keine oder nur sehr milde Symptome aufweist und sich daher auch nicht testet“, lässt die Behörde auf Anfrage lapidar verlauten. Sicher ist nur: In den letzten drei Monaten ist die Zahl der Tests im Kreis dramatisch gesunken – von rund 269000 Schnelltests im April auf etwa 142000 im Juni. Monate, in denen die Tests noch gratis waren.

Zahlen auf dem Niveau von November und Dezember

Trotzdem sind die Infektionszahlen in den letzten Wochen explodiert: Die 8175 registrierten Neuansteckungen im Juni ähneln den Werten von November und Dezember vorigen Jahres. Allein in den ersten zwölf Juli-Tagen sind bereits 6812 Neuinfektionen hinzugekommen, womit der Juli in etwa das Niveau des Januars erreichen dürfte, als das Gesundheitsdezernat beim Auflaufen der ersten Omikron-Welle – der fünften Welle der Pandemie – 16401 Infektionen zählte.

Zwar relativiert das Landratsamt die gegenwärtigen Zahlen: „Speziell im Landkreis Ludwigsburg“ sei es „aufgrund technischer Probleme bei der Erfassungssoftware zu einem Rückstand bei den Fallzahlen gekommen, was dazu geführt hat, dass der Landkreis Ludwigsburg bis Anfang Juli deutlich unterdurchschnittliche Inzidenzen hatte. Diese Rückstände wurden in den letzten Tagen verstärkt aufgearbeitet. Daraus folgt ein starker Anstieg in der Inzidenzkurve für den Landkreis.“ Die werde sich „nun wieder vergleichbar mit den anderen Landkreisen entwickeln“. Ein Wochenvergleich jedoch zeigt: Gestern meldete das Landesgesundheitsamt für den Kreis mit einer Inzidenz von 532,1 einen weiterhin klar unterdurchschnittlichen Wert – der Landesschnitt lag bei 756,1. Trotzdem ergibt sich für den Kreis ein Plus von 119,2 gegenüber der Vorwoche. In der Stadt Ludwigsburg lag die Inzidenz übrigens bereits am Freitag bei 901,7.

Zahlen so wenig belastbar wie noch nie zuvor

Ernüchterndes Zwischenfazit: Die amtlichen Zahlen sind derzeit so wenig belastbar wie wohl noch nie in der gesamten Coronakrise. Doch gefühlt gibt es im Kreis fast niemanden mehr, in dessen Bekanntenkreis es keine Infektionen in den letzten sechs Wochen gab. Das bestätigt sich auch in der Wirtschaft und in den Schulen. Nur ein Fallbeispiel ist das Berufliche Schulzentrum in Bietigheim-Bissingen: Noch nie habe es dort so viele wegen Corona krankgeschriebene Lehrkräfte gegeben wie in den Wochen seit Pfingsten, sagt Schulleiter Stefan Ranzinger. Aktuell sei etwa ein Dutzend seiner Lehrerinnen und Lehrer „positiv“, in vielen Klassen fehle die Hälfte bis etwa ein Drittel der Schülerinnen und Schüler.

In persönliche Eindrücke fließt, anders als in die offiziellen Zahlen, eben auch die „gefühlte“ Dunkelziffer ein. Doch auch ein Jahresvergleich unterstreicht, wie massiv die Sommerwelle bereits vor Ferienbeginn ausfällt: Den 8175 Neuinfektionen im Juni stehen nur 515 Infektionen im Juni 2021 gegenüber, als die Alpha-Variante das Pandemiegeschehen antrieb, und sogar nur 54 im Juni 2020. Anders ausgedrückt: Im Kreis gibt es selbst nach den amtlichen Zahlen aktuell 16-mal mehr Corona-Infektionen als vor einem Jahr. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts gehen sie inzwischen zu 77 Prozent auf den Omikron-Subtyp BA.5 zurück.

Situation in den Krankenhäusern noch stabil

Der gilt zwar als noch ansteckender als sein Vorgänger BA.2, aber nicht als gefährlicher. Eine Einschätzung, die auch der Ludwigsburger Intensiv-Chef Professor Götz Geldner teilt: „Die Verläufe sind relativ mild“, sagt der Anästhesist, der auch das Intensivbetten-Cluster im Südwesten leitet. In Ludwigsburg etwa liegen derzeit vier Covid-positive Patienten auf der Intensivstation – allerdings alle vier nicht wegen, sondern „lediglich“ mit Corona. Auch auf den Normalstationen schlägt die Sommerwelle noch nicht wirklich durch: Am Montag lagen in Ludwigsburg 28 und in Bietigheim 15 Coronapatienten auf den Isolierstationen – das waren sogar etwas weniger als im Schnitt der letzten vier Wochen. Trotzdem sind im Landkreis auch im Juni wieder drei Menschen an oder mit Covid-19 gestorben.

Wenngleich die Sommerwelle auf den Stationen der Regionalen Kliniken-Holding also noch keine dominierende Rolle spielt – das Personal hat sie natürlich erreicht. So meldet auch die RKH wieder einen wachsenden Krankenstand – nicht nur wegen Corona, sondern auch wegen der kursierenden grippalen Infekte. Noch, sagt Kliniken-Sprecher Alexander Tsongas, seien die Personalausfälle „kompensierbar. Es müssen bislang nur einzelne Behandlungen oder Operationen – also wirklich nur Einzelfälle! – verschoben oder abgesagt werden.“ Bislang.