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Interview

„Das ist ein Schritt in die Normalität“

An den Schulen im Land soll ab kommenden Montag schrittweise wieder der Alltag einkehren. Ein Gespräch mit Karin Kirmse, der Schulleiterin des Markgröninger Hans-Grüninger-Gymnasiums, über Abstandsregeln, Corona-Boni und die nächsten Sommerferien.

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Markgröningen. Frau Kirmse, was halten Sie davon, dass Schüler im Land am 4. Mai wieder in die Schulen zurückkehren sollen?

Das ist ein Schritt in die Normalität, wobei der Gesundheitsschutz für Schüler und Lehrkräfte im Vordergrund steht, zum Beispiel durch Sonderregelungen für Risikogruppen und Aufstellen von Hygieneplänen durch die Schulen. Für die Prüfungsjahrgänge ist es sicher positiv, wieder direkten Kontakt zu den Lehrkräften herstellen zu können.

Ist guter Unterricht auch im Fernlernen möglich?

Ja, aber er ist deutlich mühsamer und immer noch zu einem guten Teil Neuland für alle Beteiligten. Ein wesentliches Kriterium für wirksamen Unterricht, die persönliche Beziehung zwischen Lernenden und Lehrenden, lässt sich im Präsenzunterricht deutlich besser realisieren, auch unter Wahrung des Abstandsgebots.

Wie viele Schüler nehmen den Unterricht am kommenden Montag wieder auf?

Das HGG hat zur Zeit knapp 650 Schüler, am 4. Mai kommen 85 Schüler der Oberstufe zum Präsenzunterricht.

Reicht die Zeit aus, um sich vernünftig auf den Neustart vorzubereiten?

Im Schulleitungsteam haben wir schon seit Beginn der Osterferien mögliche Varianten für den ersten Tag besprochen. Jetzt gilt es, diese in Einklang mit den Vorgaben des Kultusministeriums zu bringen. Je konkreter diese sind, desto leichter fällt die Vorbereitung. Manchmal müssen die Schulleitungen da nachfragen, um ganz klare Umsetzungen vornehmen zu können.

Wie viele Lehrer fallen bei Ihnen aus, weil sie zu einer Risikogruppe gehören?

Da liegen wir genau im von der Kultusministerin prognostizierten Durchschnitt: 25 Prozent der Lehrkräfte stehen nicht für den Präsenzunterricht zur Verfügung. Allerdings fallen sie nicht aus, sondern lehren von zu Hause aus im Fernlernunterricht weiter.

Weniger Lehrer und kleinere Klassen – wie soll das klappen?

Dies setzt eine gute, aber auch aufwendige Planung voraus: Ab 4. Mai erhält nur die Oberstufe Präsenzunterricht. Die durchschnittliche Kursgröße ist grundsätzlich kleiner als die durchschnittliche Klassengröße. Im Abiturjahrgang 2020 kommen sogar nur die Schüler eines Kurses, die dieses Fach als schriftliche Prüfung gewählt haben. Wir werden am HGG unter Beachtung der 1,50-Meter- bis 2-Meter-Abstandsregel fast alle Kurse in den großen Klassenzimmern unterbringen können. Die größten Kurse werden in der Aula unterrichtet. Das bedeutet natürlich Verschiebungen im Stundenplan.

Wie sorgen Sie für Mundschutz und Desinfektionsmittel?

Wir setzen die Hygienebestimmungen für Schulen des Kultusministeriums in Zusammenarbeit mit der Stadtverwaltung Markgröningen, unserem Schulträger, um. Dort ist klar formuliert, wie mit Schutzmaßnahmen zu Abstand und Mund-Nasen-Bedeckung, persönlicher und Raumhygiene sowie Reinigung umzugehen ist. Wir als Schule erstellen einen Hygieneplan, angepasst an die Umstände vor Ort am Bildungszentrum Benzberg.

Wie soll auf dem Weg in die Schule, etwa in Schulbussen, ausreichend Abstand gehalten werden?

Die Organisation dieser wichtigen Aufgabe fällt den Gemeinden in Absprache mit den Verkehrsbetrieben zu.

Wie groß ist das Lerndefizit der Schüler?

Von der Schulschließung sind alle Beteiligten überrascht worden. Die Schüler sind mit Aufgaben versorgt worden. Je länger der Fernlernunterricht dauert, desto intensiver ist meiner Ansicht nach die Rückmeldekultur auszugestalten. Sehr wichtig ist auch, die Beziehungsebene über andere Wege zu erhalten als über die persönliche Begegnung. Beide Aspekte wurden vergangene Woche im erweiterten Schulleitungsteam diskutiert – und die Ergebnisse an das Kollegium, Eltern und Schülerschaft kommuniziert.

Wie fallen die Ergebnisse aus?

Wie der Präsenzunterricht ist auch der Fernlernunterricht ein Angebot und muss von der Schülerschaft angenommen werden. Die Heterogenität im Lernerfolg wird durch den Fernunterricht mindestens erhalten bleiben.

Wie sollen sozial benachteiligte Schüler den Anschluss wiederherstellen können?

An Schulen gibt es schon immer zahlreiche Hilfsangebote wie zum Beispiel Förderunterricht, gegebenenfalls müssen diese verstärkt werden. Je zurückhaltender ein Schüler oder eine Schülerin zur Zeit im Fernlernunterricht ist, desto häufiger sollte die Lehrkraft Kontakt aufnehmen und die Bearbeitung der Aufgaben überprüfen.

Was halten Sie von einem Corona-Bonus für Prüflinge, wie es die Gewerkschaft GEW vorgeschlagen hat?

Die Prüflinge können frei entscheiden, ob sie den Erst- oder Zweittermin in Anspruch nehmen wollen. Für die Vorbereitung auf die Abiturprüfung gab es reichlich Lernzeit zu Hause und die tatkräftige Unterstützung der Lehrkräfte. Der Präsenzunterricht in den zwei Wochen vor der Abiturprüfung findet nur in den Prüfungsfächern statt, der andere Unterricht entfällt; somit kann diese Zeit für die weitere häusliche Vorbereitung genutzt werden. Ich stimme zu, dass der diesjährige Abiturjahrgang keine Nachteile haben soll, die früheren Abiturjahrgänge jedoch auch nicht.

Gibt es im Sommer Zeugnisse?

Da das Kultusministerium verkündet hat, dass alle Schüler versetzt werden, ist von Versetzungszeugnissen auszugehen.

Wie bewerten Sie den Vorschlag, die Sommerferien zu verkürzen, damit Schüler den ausgefallenen Stoff nachholen können?

Zunächst beginnen wir mit der Schulöffnung für den aktuellen und nächstjährigen Prüfungsjahrgang. Das halte ich für vernünftig. Für die übrigen Jahrgangsstufen sind meiner Ansicht nach weitere Regelungen des Kultusministeriums nötig, etwa ob der Bildungsplan vollständig erfüllt werden muss. Darüber hinaus müssen die Ergebnisse der vorsichtigen Lockerung in der Gesellschaft und die Entwicklung des Infektionsgeschehens genau in den Blick genommen werden.

Erfordern besondere Umstände besondere Maßnahmen?

Ich denke schon. Welche das aber sein werden und ob das die Sommerferien betrifft, ist jetzt noch nicht abzusehen. Glücklicherweise muss ich die Entscheidung darüber nicht treffen (schmunzelt).

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