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Adipositas

„Das ist eine weltweite Epidemie“

„Adipositas ist eine Krankheit, es gibt zu wenige Informationen, die hausärztliche Versorgung ist defizitär, die fachärztliche sogar mangelhaft, und es fehlt an der Langzeitbetreuung“, sagt Professor Dr. Dieter Birk vom Adipositaszentrum Nordwürttemberg und Chefarzt der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Krankenhaus Bietigheim-Vaihingen.

Ein lebenslanger Kampf gegen die Pfunde und gegen ungesunde Ernährung. Foto:Creativa Images - stock.adobe.co
Ein lebenslanger Kampf gegen die Pfunde und gegen ungesunde Ernährung. Foto: Creativa Images - stock.adobe.co

Bietigheim. Nach Einschätzung von Dieter Birk muss dringend etwas geschehen. Der Chefarzt spricht nicht mehr von einer Volkskrankheit, sondern von einer weltweiten Epidemie. Zwischen 1994 und 2009 gab es laut Birk eine fast 30-prozentige Steigerung des schweren Übergewichts und einen rasanten Anstieg der Zahlen in Afrika und Asien. Der vermutete Grund: der Siegeszug des westlichen Lebensstils mit kohlenhydratreicher Ernährung. Was Birk als dramatisch bezeichnet: Adipositas und die Entwicklung von Diabetes hängen zusammen, den gesunden Dicken gibt es also nicht. „Die Behandlung der Folgeerkrankungen nimmt einen hohen Stellenwert ein, während die Prävention vernachlässigt wird“, sagt Birk.

Infoveranstaltung in Bietigheim

Anlässlich des erstmals stattfindenden Aktionstages im Rahmen des internationalen „World Obesity Day“ will Dieter Birk am morgigen Donnerstag im Ratssaal des Bietigheimer Rathauses zusammen mit der Koordinatorin des Adipositaszentrums Sarah Heß sowie weiteren Kollegen aufklären und die Politik in die Pflicht nehmen. Ein adipöser Patient koste die Krankenkasse doppelt so viel Geld wie der Durchschnitt der Versicherten. Nach Birks Auffassung muss sich die Politik der Aufgabe stellen. Deshalb hat er zur Veranstaltung im Bietigheimer Rathaus neben Experten, Patienten und Betroffenen auch den CDU-Bundestagsabgeordneten Eberhard Gienger eingeladen.

„Es ist Zeit zu handeln“, lautet das Motto, der Zeitpunkt ist passend, denn am heutigen Aschermittwoch beginnt die Fastenzeit und damit auch eine Phase des Verzichtübens. In einer Gesellschaft des Überflusses keine einfache Sache, zumal es an der Hilfe für Betroffene hakt. Die würden allzu schnell als charakterschwach abgestempelt, aber die Ursachen seien vielfältig. Auch die Veranlagung spiele eine Rolle. „Wenn nichts getan wird, verlieren Betroffene Lebenszeit und Lebensqualität“, gibt Professor Birk zu bedenken. Diäten bringen dem Chirurgen zufolge nichts. „Die Patienten verlieren schnell an Gewicht, nehmen aber auch schnell wieder zu“, sagt er.

100 Magen-Bypass-Eingriffe pro Jahr

Diese Erfahrung hat auch der ehemalige Fußballmanager Reiner Calmund gemacht. Im Fernsehen wurde er als gemütlicher Dicker bekannt. Diese Aufgabe wurde ihm aber jetzt doch zu schwer. Auf seiner Internetseite beschreibt er sehr gut, was ihn umtrieb. „Wenn die Kilos auf die Gelenke drücken, dann schmerzt das mitunter gehörig“, macht er deutlich. Calmund unternahm nach eigenem Bekunden viele Diätversuche. Er habe aber erkennen müssen, dass er dem Jo-Jo-Effekt nicht mehr davonlaufen könne. „Er holt mich immer ein, selbst dann, wenn ich noch so schnell renne, mir vornehme, noch so gesund zu leben und wenig zu essen. Als Patient an einer Offenbacher Klinik erfuhr er, was in seinem dicken Körper passiert. Der sei schlau und bunkere selbst kleinste kalorienarme Portionen. Deshalb hat er sich jetzt den Magen mit einem Bypass verkleinern lassen.

Die sogenannte bariatrische Chirurgie ist die letzte Hoffnung für Betroffene, die OP-Zahlen nehmen laut Professor Birk jährlich zu, am Adipositaszentrum in Bietigheim sind es derzeit pro Jahr 100 Eingriffe, die Einrichtung gerät laut Birk an ihre Kapazitätsgrenze. Der Magen-Bypass ist die gängigste Operation, für die heute kein Bauchschnitt mehr erforderlich ist. Das geschieht minimalinvasiv mit dem Laparoskop. „Damit können wir fast allen Patienten helfen, so Professor Birk. Betroffene könnten danach wieder alles essen, nur nicht mehr so große Mengen. Manche Dinge würden auch nicht mehr so vertragen und bestimmte Vorlieben würden sich ändern.

Dass dieser Eingriff dann auch nachhaltige Wirkung hat, dafür sorgt ein interdisziplinäres Ärzteteam mit Professor Dr. Dieter Birk (Ambulanz Allgemeinchirurgie), Dr. Steffen Hering (Ambulanz Endokrinologie) Dr. Jürgen Knieling (Ambulanz Psychosomatik), Dr. Marc Müller (Ambulanz Gastroenterologie) und Professor Dr. Max Haerle (Ambulanz Plastische Chirurgie). Über die ambulante Adipositastherapie informiert am morgigen Donnerstag außerdem der Allgemeinmediziner und Leiter des ambulanten Adipositaszentrums Bietigheim, Dr. Jürgen Herbers. Diese ambulante Einrichtung ist neben der Ortema Medical Fitness Markgröningen und dem Reha-Zentrum in Bietigheim wichtiger Kooperationspartner.

Info: Die Informationsveranstaltung mit anschließender Podiumsdiskussion zum Weltadipositastag findet am morgigen Donnerstag , 27. Februar um 18 Uhr im Ratssaal des Bietigheimer Rathauses statt. Der Eintritt ist frei.

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