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Der Besuch der alten Dame

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Versprochen: „Gertrud, ich b‘such‘ dich amol!“
Versprochen: „Gertrud, ich b‘such‘ dich amol!“
Vereint: „Wir waren eine gute Nachbarschaft.“
Vereint: „Wir waren eine gute Nachbarschaft.“
Vertraut: Klaus Knödler (rechts) besucht Gertrud Lillich seit Monaten. Links Oliver Krawczyk vom Wünschewagen-Team.
Vertraut: Klaus Knödler (rechts) besucht Gertrud Lillich seit Monaten. Links Oliver Krawczyk vom Wünschewagen-Team.

Die Frau im Haus gegenüber putzt gerade Fenster, als der blaue Wünschewagen des ASB in der Straße parkt. Das Fahrzeug zieht die Blicke auf sich, ähnelt es doch einem Krankenwagen. „Das ist Frau Lillich!“, ruft Klaus Knödler der fensterputzenden Dame zu, als die 85-Jährige mit dem Transportstuhl auf der Straße steht. Das Fensterputzen hat Pause.

Knödler ist Ehrenamtlicher beim ambulanten Hospizdienst. Seit Dezember vergangenen Jahres betreut er Gertrud Lillich. „Ich hatte eine sterbende Dame begleitet. Da kam Frau Lillich auf mich zu und sagte: ‚Ich möchte, dass Sie mich auch besuchen!‘“ Sie mache immer klare Ansagen, so Knödler. Und sie erzählte ihm von ihrem Wunsch, noch einmal ihr Häusle in Asperg zu sehen.

„Seit Tagen ist sie aufgeregt“, sagt Birgit Schwarzenberger vom Pflegedienst im Walter und Emilie Räuchle-Stift Poppenweiler. An diesem Morgen sei der Blutdruck ein bisschen höher gewesen. Kein Wunder. 20 Jahre lang hat Gertrud Lillich mit ihrer Familie in dem Haus in Asperg gewohnt. Nach ihrem Auszug war es zunächst vermietet, dann wurde es verkauft. Für Gertrud Lillich eine schmerzhafte Erfahrung.

Nun steht sie mit ihrem Transportstuhl in ihrer ehemaligen Straße. Das Haus mit der Nummer zwei ist inzwischen grau gestrichen. „Ich hätt’ gern weiter hier gewohnt. Aber manchmal muss ich zugeben, dass ich Hilfe brauche.“

„Elf Jahre!“ Der Nachbar mit der blauen Latzhose drückt der 85-Jährigen fest die Hand. „Ich kann es gar nicht glauben!“ Er ruft seine Frau, die gerade bügelt. Aber das kann warten. „Hier ist sie so oft gesessen und hat Zigarettle geraucht und Schmöker gelesen“, erinnert sich die Ehefrau des Nachbarn.

„Frau Lillich, isch des schön, dass Sie mal da sind!“ Die fensterputzende Nachbarin ist ebenso auf die Straße geeilt wie die italienische Frau von gegenüber, die früher hin und wieder ein bisschen Gemüse aus dem Garten vorbeigebracht hat. „Wie geht’s Ihnen?“, möchte sie wissen. „Wie soll’s einem im Heim gehen? Die meisten anderen haben Demenz.“

Eigentlich hatte Klaus Knödler Gertrud Lillich mit seinem eigenen Auto nach Asperg fahren wollen. Einem Mustang Cabrio. „Das hätte ihr gefallen!“ Aber die 85-Jährige braucht Sauerstoff und Hilfe. „Deshalb haben wir den Wünschewagen angefordert“, erzählt Katica Berzaj vom Hospizdienst. „Wir wollten alles versuchen, um ihr diesen Wunsch zu erfüllen.“

„Ja Gertrud! Jetzetle! Hallooo! Ja, horch amol, wie geht’s denn?“ In der Zwischenzeit haben sich noch mehr Nachbarn auf der Straße versammelt. Es ist ein großes Wiedersehen, und schnell kommen Erinnerungen auf an die Zeit, als man hier Garagenhocketse gefeiert hat.

„Mein Sohn hat Ihr Häusle gekauft“, erzählt eine Dame, die nur wenige Häuser weiter wohnt. Der lebe jetzt mit seiner Frau und den beiden Kindern dort. Das Leben in der Straße geht weiter. „Es tut mir gut, hier zu sein“, sagt die 85-Jährige, und auf ihrer Wange schimmert eine Träne. „Schade, dass ich nicht bis zu meinem Ende hier drin wohnen durfte.“

„Da wird man auch als Wünschewagen-Fahrer ein bisschen demütig“, sagt Oliver Krawczyk. Er hat schon viele Fahrten gemacht und Wünsche erfüllt, ist bis nach Warnemünde an die Ostsee gefahren oder zu einem Konzert von Helene Fischer. Diese Fahrt von Poppenweiler nach Asperg sei zwar verhältnismäßig kurz, aber für Gertrud Lillich ein Herzenswunsch.

Sie waren nicht angemeldet in Asperg. Niemand war vorher informiert. „Es soll sich vor Ort ergeben“, meint Katica Berzaj. In diesem Fall hätte es sich nicht besser ergeben können. Da wurde das Fensterputzen unterbrochen, die Bügelwäsche stehengelassen. Wie ein Lauffeuer hat es sich herumgesprochen, wer da im blauen Wagen des ASB vorgefahren ist. Die Wiedersehensfreude steht allen ins Gesicht geschrieben. „Ist das schön, dass Sie mal wieder da sind!“

„Gertrud, ich b’such‘ dich amol!“, verspricht eine Nachbarin und streicht der 85-Jährigen über die Wange. Eine gute Nachbarschaft seien sie gewesen, sagen sie. Das seien sie heute noch.

Für Gertrud Lillich geht es wieder zurück ins Räuchle-Stift. Dessen beide Stifter, Walter und Emilie Räuchle, haben übrigens auch hier in der Straße in Asperg gelebt. Zuvor geht es aber mit dem Wünschewagen-Team und Klaus Knödler noch in die Eisdiele.

„Bleibt fit, damit ihr noch lange Gutes tun könnt“, ruft eine der Nachbarinnen dem Wünschewagen-Team zu. Dann geht der Alltag in der Straße in Asperg weiter. Die Fenster werden geputzt. Die Wäsche gebügelt. Gertrud Lillich ist glücklich für diese Momente. „Ich werde noch lange davon zehren.“