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1. Mai

Der DGB lässt nur Ballons steigen

Der 1. Mai und der DGB, das gehört zusammen. Doch diesmal ist alles anders, wegen Corona. Es gab keine Kundgebung, dafür am Tag zuvor eine Luftballon-Aktion. Dabei ging es um mehr Wertschätzung für die Arbeit – nicht nur im Krankenhaus. Die Linke ließ sich allerdings das 1. Mai-Feiern auf dem Bietigheimer Kronenplatz nicht nehmen.

Luftballons auf dem Marktplatz. Der DGB lässt seine 1. Mai-Kundgebung ausfallen. Foto: Andreas Becker
Luftballons auf dem Marktplatz. Der DGB lässt seine 1. Mai-Kundgebung ausfallen. Foto: Andreas Becker

Bietigheim-Bissingen. Der Tag der Arbeit und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) sind ein gutes Gespann. Alljährlich wird am 1. Mai zu Kundgebungen aufgerufen und dabei mehr Solidarität sowie eine gerechtere Entlohnung gefordert. Doch in Corona-Zeiten ist alles anders. So wurde der Beschluss gefasst, bundesweit keine 1. Mai-Kundgebung abzuhalten. „Ich habe auch keine Lust zu feiern, außerdem wäre es sehr schwer geworden, die Sicherheitsvorgaben einzuhalten. In der Krise sind viele Menschen gestorben. Dann muss man sich eben etwas anderes einfallen lassen“, sagt Stefano Purificato, Kreisvorsitzender des DGB.

Also hat man sich kurzerhand dazu entschlossen, bereits am Donnerstag über die aktuellen Ziele des DGB zu informieren. Und natürlich steht auch dabei die Corona-Pandemie im Mittelpunkt, vor allem die nötige „anständige Bezahlung“ in der Kranken- oder Altenpflege. „Aber auch im Einzelhandel oder im Bereich der Reinigung muss deutlich über dem Mindestlohn bezahlt werden. Nicht nur für den Lebensunterhalt, sondern auch für eine ausreichende spätere Rente. Die Beiträge müssten auch in Zukunft steigen“, so Hartmut Zacher von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten.

Doch es bleiben aktuell die Pflegeberufe im Fokus. Vor allem die mangelhafte Ausstattung mit Schutzkleidung wird bemängelt. Auch reiche der vorhandene Personalschlüssel nicht aus. Die „jahrzehntelang verfehlte und auf Effizienz und Wettbewerb getrimmte Gesundheitspolitik“ müsse erschwert werden. „Die aktuelle Diskussion ist gut. Doch die Ergebnisse dürfen nicht nur der Pflege, sondern sie müssen allen zugute kommen“, sagt Marc Kappler von der Gewerkschaft Verdi in Stuttgart.

Doch ob der Druck auch nach der Coronakrise hochgehalten werden kann, da ist er sich nicht so sicher. Aktuell könne und wolle man nicht streiken, danach benötige man aber die Solidarität der Mitglieder. Die jetzt geplante Prämie von 500 Euro für die Pflege im Krankenhaus sei ein richtiges Signal, doch dabei könne es nicht stehen bleiben. Wertschätzung für weitere Berufe sei ebenso notwendig.

Solche Forderungen konnten in diesem Jahr nicht auf dem Bietigheimer Platz vorgetragen werden, sie wanderten ins Internet. Auf der Homepage des DGB gab es zum 1. Mai eine Reihe von Live-Streams und jede Menge Video-Aktionen. Mitglieder sollten zeigen, wie sich durch den Coronavirus ihre Arbeitswelt verändert hat. Gleichzeitig wurde ein Interview mit dem DGB-Landesvorsitzenden Martin Kunzmann gezeigt.

Eigentlich sollte in Bietigheim auf der Kundgebung zum 1. Mai der ehemalige katholische Pfarrer Paul Schobel sprechen. Als Kenner der katholischen Soziallehre und Interpret der biblischen Botschaft mit dem Blick auf Arbeit und Soziales sollte er über Gewerkschaften und Parteien referieren. Daraus wird aber nichts. Stattdessen erklärt er in einem Gewerkschaftsinterview, was er in Bietigheim sagen wollte. „Der Kapitalismus mit seiner primitiven Mechanik von Markt und Wettbewerb richtet die Welt zugrunde. Er beutet die Rohstoffe aus, versaut das Klima und wiegelt die Völker gegeneinander auf“, so Schobel. Um dann auf die biblische Solidarität zurückzukommen: „Entweder lernen wir global das Teilen und machen Teilen zum Prinzip unseres wirtschaftlichen Handelns oder die Menschheit wird sich zerfleischen und die Schöpfung kollabieren.“

Während der DGB seine 1. Mai-Aktivitäten zum größten Teil ins Internet verlegte, wollte die Linke vom Feiern am Tag der Arbeit nicht lassen. Sie hatte zur Kundgebung auf dem Bietigheimer Kronenplatz aufgerufen. Für die Gewerkschaften ist das zumindest offiziell kein Problem. „Wir haben unseren bundesweiten Beschluss, und der ist für uns bindend“, so Stefano Purificato. Die Gewerkschaften seien über das Vorgehen informiert und aufgerufen worden, an ihrer Kundgebung teilzunehmen.

Er könne sich nicht vorstellen, dass dies größere Konsequenzen für die spätere Zusammenarbeit haben könnte, denn die Ziele beider Veranstaltungen seien die gleichen, sagt er. Vielmehr macht man sich beim DGB Gedanken, wie die aktuellen Aktionen in Zukunft verwendet werden können, vor allem um jüngere Leute anzusprechen. Kommentar

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