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Der Wald gehört den Wurzelkindern

Naturkindergarten

Der Wald gehört den Wurzelkindern

Nachwuchs ist bei Wind und Wetter draußen

– Verein ist Träger der Einrichtung – Natur im Wandel der Jahreszeiten erleben

von marion blum

Erschienen:

22.01.2013:Bottw / Ludwigsburger Kreiszeitung 18 / Seite:14

22.01.2013:FREI / Ludwigsburger Kreiszeitung 18 / Seite:14

22.01.2013:LKZ / Ludwigsburger Kreiszeitung 18 / Seite:14

22.01.2013:NEB / Ludwigsburger Kreiszeitung 18 / Seite:14

22.01.2013:REMS / Ludwigsburger Kreiszeitung 18 / Seite:14

22.01.2013:STROH / Ludwigsburger Kreiszeitung 18 / Seite:14

Juchhe, endlich Schnee: Erzieherin Claudia Remke zieht mit den Kindern in den Wald.

Am Ofen wärmen sich Simon, Valentin und Frieda (von links) auf.

In den beiden beheizten Bauwagen hält es die kleinen Besucher des Wurzelkinder-Naturkindergartens Pleidelsheim nicht, wenn Schnee und Schlittenfahren locken. Fotos: Holm Wolschendorf

Magazin

„„Ich genieße es, draußen zu sein und mit den Kindern zu spielen.“

Laura Bender

FSJlerin im Kindergarten

Im Pleidelsheimer Wald gibt es keine Räuber, dafür aber die Wurzelkinder. Die Kronen der Bäume sind das Dach ihres Kindergartens inmitten der Natur. Tag für Tag. Der Schnee ist auch für sie etwas ganz Besonderes. Nicht nur Schlitten fahren steht hoch im Kurs. Tierspuren sind jetzt viel leichter zu sehen. Und nicht alltäglich ist die Gestaltung von vergänglichen Eisbildern oder Schneelichtern.

Ob Sonne, Regen oder Schnee: Die 16Kinder aus Pleidelsheim und Umgebung sind gemeinsam mit ihren Erzieherinnen bei jedem Wetter draußen. Eichhörnchen, Rehen, Hasen, Eichelhähern und jetzt im Januar sogar Füchsen begegnen die Wurzelkinder bei ihren Streifzügen durch den Wald immer wieder. Die Kälte macht den Kleinen nichts aus. Weil es bekanntlich kein schlechtes Wetter, sondern nur unpassende Bekleidung gibt, sind die Kinder dick eingemummelt.

Im Wald gibt es fünf naturnah gestaltete Plätze, auf denen die Wurzelkinder spielen und toben können. Sie heißen Räuber-, Tipi- oder Zwergenplatz. Und weil alle Kinder am Tag der Abstimmung über den Namen eines Treffpunktes Karotten als Frühstück dabei hatten, gibt es sogar einen Karottenplatz. Auch wenn die Plätze sich voneinander unterscheiden, über ein Tipi oder ein Sofa aus Ästen verfügen, gibt es auch Gemeinsamkeiten: Alle haben eine kleine Werkstatt, in der die Kinder mit Naturmaterialien basteln können.

In den Wintermonaten hält sich die Gruppe hauptsächlich am Bauwagenplatz auf. Beide Wagen sind beheizbar, so können sich die Kinder aufwärmen. Auch der Morgenkreis und das Vesper finden dort statt, bevor es raus in die Natur geht. Aber es gibt eine Ausnahme: Ab einer Temperatur von zehn Grad unter null muss kein Kind mehr raus, sondern darf im Bauwagen spielen oder lesen. Während fast alle anderen Wurzelkinder sich schon wieder dick eingemummelt haben, ist Anton an diesem Morgen noch mit dem Vesper beschäftigt. Direkt neben dem warmen Ofen hat es sich der Sechsjährige gemütlich gemacht.

An einer Leine mit Wäscheklammern im Bauwagen trocknen noch zwei Paar Handschuhe. Eines gehört Simon, der mit seinen zwei Jahren das jüngste Wurzelkind ist. Auch wenn er seine Fäustlinge schon alleine anziehen kann, braucht er noch etwas Hilfe, um seine kleinen Daumen an die richtige Stelle zu bringen. Dann geht es raus in den Schnee. Drei Wurzelkinder malen mit Wasserfarben im Schnee. Das große Astsofa, auf dem die Kinder sonst gerne herumtollen, ist jetzt von einer dicken Schneeschicht bedeckt und kaum zu erkennen.

Was bietet uns die Natur, und was können wir damit machen? Diese Frage stellen sich die Erzieherinnen und die Kinder jeden Tag. „Im Sommer werden Blumen gepresst oder zu kleinen Kränzen gebunden, im Herbst legen wir aus Eicheln und Blättern Mandala“, so Claudia Remke, die den Wurzelkinder-Waldkindergarten leitet. Die Erzieherin hat eine Zusatzausbildung als Erlebnispädagogin absolviert. In einem normalen Kindergarten mit einem Dach über dem Kopf zu arbeiten, das könnte sie sich heute gar nicht mehr vorstellen. „Es ist so schön, jeden Tag draußen zu sein, und ein ganz anderes Arbeiten“, findet sie. Auch Erzieherin Petra Link möchte die Arbeit im Waldkindergarten nicht mehr missen. Denn wo ließen sich Geschichten über Räuber Hotzenplotz besser erzählen, Fantasiereisen in die Eiszeit und Ritterspiele besser veranstalten als im Pleidelsheimer Wald?

Und es gibt sogar eine Waldschule: Die künftigen Schulkinder werden einmal in der Woche auf den Ernst des Lebens vorbereitet. Sie malen mit verschiedenen Stiften und Pinseln, kneten und tonen, zählen, beschäftigen sich mit Formen und Farben. Heute schneiden sie unter Anleitung von Laura Bender Buchstaben aus Papier aus und kleben sie auf. Schließlich sollen die Wurzelkinder die gleichen Voraussetzungen erfüllen wie ihre Altersgenossen aus einem normalen Kindergarten. Laura Bender absolviert in der Einrichtung ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ). „Ich genieße es, draußen zu sein und mit den Kindern zu spielen“, sagt sie.

Bleibt noch eine Frage: Wie ist das, wenn jemand muss? An jedem Waldplatz haben die Kinder einen Pipiplatz. Wer groß muss, geht mit einer Erzieherin und Schaufel weg von der Gruppe in den Wald. Die Hinterlassenschaft wird vergraben. Bei gefrorenem Boden ist das eine besondere Herausforderung.