Logo

Bürgerentscheid

Die Diskussion nimmt Fahrt auf

Gut eine Woche vor dem Bürgerentscheid in Freiberg nimmt die Diskussion um die Zukunft der drei Grundschulen noch einmal Fahrt auf. Auch wenn an der digitalen Infoveranstaltung der Verwaltung nur etwas mehr als 20 Interessierte teilnahmen, entspann sich doch noch eine Diskussion um die Frage zwei oder drei Schulstandorte.

Wenn die Bürger für zwei Standorte stimmen, würde am Kasteneck eine vierzügige Grundschule mit kostenfreier Ganztagsschule und Halbtagsschule entstehen. Archivfoto: Holm Wolschendorf
Wenn die Bürger für zwei Standorte stimmen, würde am Kasteneck eine vierzügige Grundschule mit kostenfreier Ganztagsschule und Halbtagsschule entstehen. Foto: Holm Wolschendorf

Freiberg. Regina Göhringer von der Stabstelle Stadtplanung kann die Vor- und Nachteile hinsichtlich der Anzahl der Schulstandorte mittlerweile wahrscheinlich im Schlaf aufzählen. Immer wieder hat sie in Infoveranstaltungen, im Mitteilungsblatt der Stadt, auf der Freiberger Internetseite und nicht zuletzt auch in der Infobroschüre zum Bürgerentscheid darauf hingewiesen. Auch am Mittwochabend machte sie deutlich, dass aus Sicht der Verwaltung bei drei Schulstandorten nur die Kasteneckschule als zweizügige Ganztagsschule in Betracht käme. Die anderen beiden Schulen hätten dann jeweils ein zweizügiges Halbtagsangebot. Die Erreichbarkeit der Schulen zu Fuß sei sehr gut, jedoch nur, solange das im Stadtteil angebotene Schulkonzept – Ganz- oder Halbtag – den jeweiligen Wünschen der Familien entspricht.

Bei zwei Schulen wäre laut Göhringer am Standort Kasteneck eine Kombination aus vierzügiger Ganz- und Halbtagsschule bei freier Wahl der Betreuungsangebote möglich. Auf eine sich verändernde Nachfrage nach dem Ganztagsangebot könne über die Zügigkeit flexibel reagiert werden. Die Erreichbarkeit der Schulen würde immer noch mit „gut“ bewertet, bedürfe allerdings Eingriffen mittels eines Verkehrskonzepts. Mehr Schüler an einem Standort führten zu einem größeren Lehrerkollegium, was mehr pädagogische Vielfalt ermögliche. Hinsichtlich des Verkehrs wies Göhringer einmal mehr darauf hin, dass künftig ein Mehrstufenplan zur Verbesserung der Situation umgesetzt werde. Diese würden insbesondere im Bereich Kasteneck von der Markierung von Parkzonen über die Einrichtung von Kiss & Drop-Bereichen bis hin zu Einbahnstraßenregelungen reichen.

Folkert Schröder, Leiter der Flattichschule, appellierte an die Verantwortung der Freiberger hinsichtlich der Tragweite des Bürgerentscheids am 26. September. „Der Beschluss gilt für Jahrzehnte und ist nicht umkehrbar“, sagte er. Emotionale und persönliche Aspekte sollten nicht im Vordergrund stehen. Die Lebenswelt der Schüler und damit die Anforderungen an Schule hätten sich grundlegend geändert. Dadurch würden in Schulen mehr Personal und Räume benötigt, um individuell auf die veränderte Situation auch hinsichtlich der Digitalisierung, Inklusion und Sprachförderung eingehen zu können. Deshalb gelte es, Gebäude zu schaffen, „in denen flexibel auf alles, was noch kommt, reagiert werden kann“. Die bestehenden Gebäude seien dafür zu klein. Mit der Entscheidung über die Zahl der Schulstandorte würden auch die Weichen für eine qualitative Ganztagsschule gestellt.

„Wir beobachten an allen drei Grundschulen, dass der Bedarf an Ganztagsbetreuung vor und nach dem Unterricht zunimmt“, sagte Ute Matt, Schulleiterin der Kasteneckschule. Dem könnte man begegnen, indem die Stadt weiterhin kostenpflichtige Betreuungsangebote vorhält. Doch die Anzahl der Räume und Plätze würde jetzt bereits nicht ausreichen. Mit einer kostenfreien Ganztagsschule würde dagegen die Bildungsgerechtigkeit verbessert, weil dort alle Schüler unabhängig von der Unterstützung der Eltern die gleichen Voraussetzungen hätten. Eine Ganztagsschule würde auch eine Rhythmisierung anbieten, das heißt, dass nicht nur die Lernzeiten über den Tag verteilt werden, sondern dass sich musische, kreative und Sportangebote über den Tag verteilt mit den Unterrichtseinheiten abwechseln. Hier würden insbesondere Kooperationspartner wie Vereine, Kirche und die Jugendmusikschule eine große Rolle spielen. Solche Angebote seien in einer kleinen zweizügigen Schule kaum umsetzbar. Zwei Schulstandorte würden ein deutlich besseres Bildungsangebot ermöglichen. „Sie bestimmen unsere zukünftige Arbeit und das Schulkonzept für die Kinder“, wandte sich die Rektorin an die Wähler.

„Die offene Ganztagsschule in Wahlform bietet einen großen Mehrwert im Bereich der Chancengleichheit“, sagte René Coels, geschäftsführender Schulleiter der Freiberger Schulen. Die dafür erforderlichen und den Ansprüchen an einen modernen Unterricht genügenden Räume seien aktuell in den bestehenden Schulgebäuden nicht vorhanden.

In der Fragerunde wandte sich insbesondere Albert Exler, der sich bereits 2016 als Sprecher einer Bürgerinitiative für den Erhalt der drei Grundschulen einsetzte, an die Experten. „Was ist, wenn die große Schule kommt und wir nur zwölf Anmeldungen für die Ganztagsschule bekommen?“, wollte er wissen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich nur zwölf Kinder für den Ganztag melden“, entgegnete Ute Matt. „Das ist unrealistisch.“ In Abhängigkeit vom erarbeiteten Konzept müsse man die Kinder dann „irgendwie in den Bildungsbetrieb integrieren“. Exler erwiderte, dass bei einer gemischten Schulklasse mit Halbtags- und Ganztagsschule keine Rhythmisierung möglich sei, was Ute Matt bestätigte. In seiner nächsten Frage wollte Exler wissen, wie man reagiert, wenn bei der Zwei-Standort-Variante genau 31 Schüler in den Halbtag wollen. „Schicken Sie die dann in die Grünlandschule oder nach Hause?“, wollte er wissen. René Coels betonte, dass solche Probleme eher bei kleinen zweizügigen Schulen auftauchen. Das müsste man im Einzelfall betrachten. Folkert Schröder erinnerte daran, dass der Klassenteiler bei 28 liegt. Bei mehr Kindern würden zwei Klassen aufgemacht. In einer vierzügigen Schule gebe es mehr Möglichkeiten, solche Eventualitäten aufzufangen, als in einer zweizügigen. „Ich verstehe diese Zahlenspielerei nicht“, sagte er. Im Übrigen lade er Albert Exler gerne in seine Schule ein, um sich davon zu überzeugen, wie viele Kinder dort aus sozialen oder Migrationsgründen dringend nachmittags eine außerfamiliäre Betreuung nötig hätten, sie aber nie bezahlen könnten, wenn die Stadt nicht kommunale Gelder dafür bereitstellen würde. Es sei wichtig, auch diesen Kindern ihren Bildungsanspruch zu gewähren. Zudem sei es notwendig, Schulformen zu schaffen, die die nächsten 30 Jahre überstehen. „Wir Schulleiter hätten gerne, dass die Bürger die Entscheidung nicht für sich selbst und ihre Kinder treffen, die am Nachmittag gut aufgehoben sind, sondern ihre Entscheidung auf die Gesellschaft beziehen“, sagte Schröder.

Diskussionsteilnehmer Bernd Schmid meinte, dass in Sportvereinen, die an der Ganztagsschule außerschulische Angebote unterbreiten, keine Pädagogen seien, um Problemkinder aufzufangen. „Es geht dabei nicht darum, Schule durch Sportangebote zu ersetzen“, erwiderte Stefan Kegreiß, Erster Beigeordneter. Es gebe in der Stadt „genügend Player, die sich da einbringen würden“. Regina Göhringer ergänzte, dass die Angebote dann so vielseitig seien, dass ein Kind mit Bedarf an Sprachförderung eben nicht zum Sport, sondern eher in den Förderunterricht gehen könne. Ingrid Pfanz befürchtete, dass bei zwei Grundschulen die vorhandene Fläche am Standort Kasteneck für eine Schulerweiterung nicht ausreicht und daher vergrößert werden müsste. Zudem wollte sie wissen, wie die Parkplatzregelung dann aussieht. Regina Göhringer erwiderte, dass am Kasteneck keine weitere Fläche versiegelt werden müsste, da eher in die Höhe gebaut würde. Hinsichtlich des Verkehrskonzepts sei noch keine Entscheidung gefallen. „Wir wollen es aber so gestalten, dass alle damit leben können.“

Autor: