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Aufarbeitung

„Die Eltern wollten das Beste“

Als Gerhard Stoll Ende vergangenen Jahres einen Fernsehbericht über das Schicksal von „Verschickungskindern“ sah, wunderte er sich über die „Dramatisierung“. Doch am nächsten Tag kamen auf der Fahrt zur Arbeit die Erinnerungen.

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Gerhard Stoll zeigt ein Foto von seiner Einschulung (oben). Danach wurde er für sechs Wochen nach Bad Rappenau ins Kinderkurheim Siloah verschickt.Fotos: Holm Wolschendorf
Gerhard Stoll zeigt ein Foto von seiner Einschulung (oben). Danach wurde er für sechs Wochen nach Bad Rappenau ins Kinderkurheim Siloah verschickt. Foto: Holm Wolschendorf

Sersheim. Eigentlich sollten sie sich bei einer Kur erholen, doch viele von ihnen kamen traumatisiert zurück. Wie viele andere Verschickungskinder erinnert sich auch der Sersheimer Gerhard Stoll beispielsweise an Esszwang: Als ein Kind Geburtstag hatte, gab es einen Auflauf, von dem einige spucken mussten. Die Kinder sollten jedoch so lange sitzen bleiben, bis sie aufgegessen hatten, einige bis zum Abend. Ein anderes Mal wollte ein Junge sein Hütchen nicht absetzen. Als er schließlich vor allen dazu gezwungen wurde, zeigte sich, dass er eine Glatze hatte. Für Gerhard Stoll hatte das etwas Beschämendes. Die Erwachsenen hätten solche Demütigungen als Instrument genutzt. „Ich muss mich so verhalten, dass ich nicht auffalle“, wurde ihm damals klar. Man habe in diesem System funktionieren müssen.

„Eine professionelle Einrichtung hätte schon damals anders aussehen können.“

Gerhard Stoll
Sozialtherapeut undBetroffener

„Unterschwellig war es immer präsent, aber ich habe mich nie damit beschäftigt“, sagt Gerhard Stoll über seine Erlebnisse bei der Verschickung. Damals wohnte er noch am Bodensee. Da er an chronischem Schnupfen litt, sollte er kurz nach seiner Einschulung für sechs Wochen zur Kur, ohne Eltern. Bereits die Anreise war nicht besonders erholsam.

In Überlingen wurde er in den Zug gesetzt, der ihn nach Bad Rappenau ins Kinderkurheim Siloah brachte. Er erinnert sich, dass noch ein kleinerer Junge dabei war, sie von einer Fürsorgerin begleitet wurden und auf dem Weg weitere Kinder dazukamen. „Das war ein ganzer Tag Zugfahrt. Da waren viele unbekannte Kinder und auch Dialekte, die mir fremd waren“, beschreibt er seine Gefühle.

„Wenn ich mich in den Siebenjährigen hineinversetze, war das schon heftig“, stellt Gerhard Stoll aus heutiger Sicht fest. An den Aufenthalt selbst erinnert er sich nur bruchstückhaft. So ist ihm zum Beispiel nicht mehr bewusst, ob sie damals gespielt haben. An Wannenbäder kann er sich jedoch erinnern – und auch an den Schlafbereich: „Es war ein kahler Raum, in dem es keinen Platz für die persönlichen Sachen gab. Man war seiner Individualität beraubt.“ Davon zeugen auch zehn kleine Schwarz-Weiß-Fotografien, die Gerhard Stoll aufbewahrt hat. Die Kinder bekamen sie als Andenken, mussten sie aber von ihrem Taschengeld bezahlen.

Als er schließlich wieder bei seinen Eltern war, ging der Alltag einfach weiter. Es wurde nicht groß über den Kuraufenthalt geredet. Gerhard Stoll hätte ihnen aber auch nie erzählt, dass es dort schlimm war. „Die Eltern wollten das Beste“, ist er sich sicher. Der 63-Jährige arbeitet heute selbst im Sozialbereich, hat eine Ausbildung zum Erzieher und Sozialtherapeuten absolviert. Mit seinem jetzigen Wissen über die Entwicklung der Pädagogik kommt er zu einem eindeutigen Schluss: „Eine professionelle Einrichtung hätte schon damals anders aussehen können.“

Ob seine Berufswahl mit der Erfahrung als Verschickungskind zusammenhängt? „Natürlich hat es mich beeinflusst. Aber ich kann nicht sagen, dass ich wegen der Kur so geworden bin. Das greift zu kurz“, sagt Gerhard Stoll. Einerseits sei da das Kopfwissen, dass es damals unschön war, andererseits gebe es aber auch die emotionale Ebene. Vor etwa 20 Jahren hat Gerhard Stoll auf einem Fest einen Mann getroffen, der damals im selben Heim war. Er sei begeistert gewesen, dass da noch jemand ist, der die gleichen Erfahrungen gemacht hat. Doch im Weiteren dachte Gerhard Stoll erst einmal nicht mehr über die Verschickung nach.

Erst durch den oben erwähnten Fernsehbericht wurde er wieder auf das Thema und die Initiative Verschickungskinder aufmerksam (siehe Artikel unten). Dort ist er inzwischen als Verantwortlicher für das Heim in Bad Rappenau eingetragen und möchte ein Ansprechpartner für andere Betroffene sein. Deren Erinnerungen regen ihn auch selbst an, weiter über seine Erlebnisse nachzudenken.

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