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Kunst

Die Flüchtigkeit des Menschseins

Andreas und Konrad Mühe befassen sich im Eberdinger „Kunstwerk“ mit der existenziellen Bedeutung von Familie

Biegsame Möbelstücke, Projektionen und eindrückliche Fotografien: Die Künstler Konrad (links) und Andreas Mühe zeigen im „Kunstwerk“ Arbeiten, die sich mit ihrer Familie – allen voran Vater Ulrich Mühe (oben rechts) – befassen.Fotos: Holm Wolschendor
Biegsame Möbelstücke, Projektionen und eindrückliche Fotografien: Die Künstler Konrad (links) und Andreas Mühe zeigen im „Kunstwerk“ Arbeiten, die sich mit ihrer Familie – allen voran Vater Ulrich Mühe (oben rechts) – befassen.Fotos: Holm Wolschendor
Biegsame Möbelstücke, Projektionen und eindrückliche Fotografien: Die Künstler Konrad (links) und Andreas Mühe zeigen im „Kunstwerk“ Arbeiten, die sich mit ihrer Familie – allen voran Vater Ulrich Mühe (oben rechts) – befassen.Fotos: Holm Wolschendor
Biegsame Möbelstücke, Projektionen und eindrückliche Fotografien: Die Künstler Konrad (links) und Andreas Mühe zeigen im „Kunstwerk“ Arbeiten, die sich mit ihrer Familie – allen voran Vater Ulrich Mühe (oben rechts) – befassen.Fotos: Holm Wolschendor
Biegsame Möbelstücke, Projektionen und eindrückliche Fotografien: Die Künstler Konrad (links) und Andreas Mühe zeigen im „Kunstwerk“ Arbeiten, die sich mit ihrer Familie – allen voran Vater Ulrich Mühe (oben rechts) – befassen.Fotos: Holm Wolschendor
Biegsame Möbelstücke, Projektionen und eindrückliche Fotografien: Die Künstler Konrad (links) und Andreas Mühe zeigen im „Kunstwerk“ Arbeiten, die sich mit ihrer Familie – allen voran Vater Ulrich Mühe (oben rechts) – befassen.Fotos: Holm Wolschendor

Eberdingen. Spätestens auf den zweiten Blick ein wenig beklemmend ist die fulminante Schau, die die Brüder Andreas und Konrad Mühe – Söhne des 2007 mit nur 54 Jahren gestorbenen Schauspielers Ulrich Mühe („Das Leben der Anderen“) – im Eberdinger „Kunstwerk“ auf die Beine gestellt haben. Inhaltlich wie formell so dicht und reich an Verweisen auf die eigene Familiengeschichte und damit zugleich auf ganz universelle menschliche Fragen ist sie, dass es alles andere als leicht ist, sich einen schnellen Überblick zu verschaffen. „Eine Hardcore-Ausstellung“ sei dies, sagt denn auch Hausherr und Kunstsammler Peter W. Klein und nickt anerkennend. Und ganz nebenbei habe sie ihn einmal mehr darin bestärkt, weiter fleißig an seiner Biografie zu schreiben.

In der Tat haben die beiden Berliner Brüder in ihrer ersten gemeinsamen Ausstellung überhaupt – der Titel „Vertauschte Köpfe“ erinnert an eine gleichnamige Familienerzählung Thomas Manns) – schon allein optisch einiges aufgefahren: Grotesk verbogene lackierte Metallregale imitieren menschliche Körperhaltungen, während Beamer – zuweilen Köpfen ähnlich – auf unterschiedlichste Weise für Dialoge sorgen. Die räumlichen Installationen von Konrad Mühe, der 1982 in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) geboren wurde und später Malerei studierte, treffen wiederum als Gegenpol auf die intensiven fotografischen Arbeiten von Andreas Mühe (ebendort 1979 geboren), die das Dokumentarische mit dem Artifiziellen virtuos zu versöhnen vermögen. Über allem schwebt, mal mehr, mal weniger direkt, die Auseinandersetzung mit dem Leben, dem Tod und der Familie. Und die Frage: Welche Bedeutung haben die Dinge? Oder: Wie flüchtig ist das Menschsein am Ende?

Sogar einen wichtigen regionalen Bezug gibt es, der einst Anlass für das Ausstellungsprojekt war, das nur durch die Umstände überhaupt ins beschauliche Eberdingen-Nußdorf kam. 100 Jahre alt wäre heuer ihr Großvater Oskar Gottlieb Hahn geworden, der als junger Mann 1937 mit seinen Eltern aus dem Schwäbischen in die Uckermark (Mecklenburg-Vorpommern) umzog, um dort einen landwirtschaftlichen Betrieb aufzubauen. Allein: Die Pläne endeten wenige Jahre später tragisch, sorgte doch der Zweite Weltkrieg dafür, dass Oskar Hahn spät noch vom Militär eingezogen wurde – und seine Eltern auf ihrem eigenen Hof von den vorrückenden Russen erhängt wurden. Wie eine einzelne Entscheidung ein Leben prägen oder sogar beenden könne, das sei schon der Wahnsinn, sinniert Andreas Mühe. Eigentlich hätte die Ausstellung im Kornwestheimer Museum im Kleihues-Bau gezeigt werden sollen, doch wegen der Corona-Wirren kam diese dort nicht zustanden – das „Kunstwerk“ bot sich als Ersatzspielort an. Wer die fantastischen lichtdurchfluteten Räumlichkeiten kennt, weiß: Es hätte sehr viel schlimmer kommen können.

Immer wieder tauchen vor allem die zwei zentralen männlichen Figuren der Familie auf: In der ersten Zwischen-Etage findet sich ein plastisch als Büste nachgebildetes und fotografiertes Porträt des Großvaters Oskar Hahn, der nach dem Krieg eine Familie gründete. Auch Schauspieler Ulrich Mühe taucht in lebensechten Nachbildungen auf. Ein wenig gespenstisch und von einer eigenartig artifiziellen Ästhetik sind die beiden großformatigen Familienporträts von Andreas Mühe, die die engsten Verwandten – einmal mütterlicher-, einmal väterlicherseits – jeweils in einem ganz offensichtlich künstlich arrangierten Wohnzimmerumfeld zeigen. Was zunächst gar nicht auffällt: Auf einem Bild sind zwei, auf dem anderen sogar sechs längst verstorbene Familienmitglieder nur als lebensechte Silikon-Puppen dabei. Wie die Verwandten, die mit einigem Aufwand zusammengetrommelt wurden, diese doch ein wenig morbide Idee fanden? „Der eine oder andere wollte erst nicht“, sagt Andreas Mühe und lächelt. „Die Kinder haben das Ganze dann aber etwas aufgelockert.“ Familie sei die „kleinste Essenz“ für jeden Menschen, erklärt er, „sie ist nicht verhandelbar, eine Mischpoche, wie ein bunter Strauß Blumen.“ Die Fotografie wiederum sei per Definition immer nah dran am Tod. „Es ist der krampfhafte Versuch, den Moment festzuhalten.“ Tod und Liebe seien es auch, die jeden Menschen – mehr noch als sein Status – wesentlich prägten. „Das macht uns am Ende alle gleich.“

Im Untergeschoss läuft derweil die Filmcollage „Fragen an meinen Vater“, zwölf Minuten in Endlosschleife, die sich ebenjenen Fragen widmen, die Konrad Mühe – der mit seinem Bruder bei der Mutter in Chemnitz und Berlin aufwuchs und wohl nicht allzu regelmäßigen Kontakt zu seinem vielbeschäftigten Vater hatte – nach dessen Tod mit sich trug. Ulrich Mühe gibt, freilich aus dem ursprünglichen Kontext gerissen, selbst Antworten auf diese Fragen, die ganz bewusst nicht ausgesprochen werden. Die sprunghafte, aber sehenswerte Filminstallation erhielt auf der Berlinale 2011 eine lobende Erwähnung.

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