Logo

LKZ-Impulse

Die Innenstadt – das große Sorgenkind

Sechs Kandidaten stellen sich der Diskussion mit der LKZ-Redaktion – Vielfältige Themen und ganz unterschiedliche Lösungsansätze

Jan Trost (45), Timo Jung (31), Tobias Möhle (36), Edwin Kubotat (52), Andreas Freund (42) und Dennis Rickert (25, von links) wollen Marbacher Bürgermeister bleiben beziehungsweise werden. Auch Ulrich Raisch (60) tritt zur Wahl an, er wollte wegen de
Jan Trost (45), Timo Jung (31), Tobias Möhle (36), Edwin Kubotat (52), Andreas Freund (42) und Dennis Rickert (25, von links) wollen Marbacher Bürgermeister bleiben beziehungsweise werden. Auch Ulrich Raisch (60) tritt zur Wahl an, er wollte wegen der im Verlag der Ludwigsburger Kreiszeitung geltenden Maskenpflicht aber nicht an der Diskussionsrunde teilnehmen.Fotios: Ramona Theiss

Marbach. Nach der Diskussion in unserem Verlagsgebäude mit den sechs Kandidaten für die Bürgermeisterwahl – Ulrich Raisch war eingeladen, wollte sich aber der im Verlag geltenden Maskenpflicht nicht unterwerfen, da er durch ein Attest befreit sei – sehen viele Amtsinhaber Jan Trost, den Herausforderer Timo Jung und den Rielingshäuser Bürger Tobias Möhle bei der Wahl am kommenden Sonntag vorne. Eineinhalb Stunden stellten sich die Kandidaten den Fragen des Leiters der Kreisredaktion, Stephan Wolf, und der für Marbach zuständigen Redakteurin Sabine Frick. Mehrere Hauptthemen kristallisierten sich heraus.

Die Seilbahn und der Verkehr: Verkehr ist ein Schwerpunktthema von Tobias Möhle. Auf der Güntterstraße und der Affalterbacher Straße sei die Situation sehr angespannt, vor allem der Schwerlastverkehr mindere die Aufenthaltsqualität in der Stadt. Eine Umgehungsstraße, die in Neckarweihingen beginnt, und dann in Richtung Affalterbacher Gewerbegebiet verläuft, sei eine Lösung. Den Flächenverbrauch müsse man über die Lebensqualität und die Sicherheit der Kinder stellen. In seinem Wohnort Rielingshausen fordert er einen ausgebauten ÖPNV. Edwin Kubotat setzt indes ganz auf eine Seilbahn, die die Stadt erschließt. Andreas Freund möchte lieber einen Shuttlebus vom Neckar in die Innenstadt einsetzen. Mit mehr Leuten in der Stadt gebe es auch mehr Angebote. Auch brauche es ein Parkleitsystem.

Die sterbende Innenstadt: Die Sanierung der Fußgängerzone sei ein wichtiges Signal gewesen, um die Belebung der Innenstadt voranzubringen, aber nun müsse man mit dem Einzelhandel weitere Akzente setzen, so Timo Jung zum Problem der sterbenden Innenstadt. Er nannte das 18.-Jahrhundert-Fest, ein Schülercafé und einen Pop-up-Store für junge Unternehmen und Modelabels als Möglichkeiten. „Die Innenstadt muss ein Treffpunkt sein, ein Erlebnis bieten.“ Auch Amtsinhaber Jan Trost sieht die Herausforderung, man werde sie aber gemeinsam bewältigen. Dafür habe die Stadt auch eine Citymanagerin angestellt, um die Baustelle zu managen. Die Beachtage auf dem Burgplatz seien ein Erfolg gewesen, man müsse auch in Zukunft die Stadt bespielen. Deshalb sei vor dem neuen Rathaus eine Eventbühne eingeplant. Tobias Möhle möchte zur Innenstadt lieber kein Wort verlieren, dafür aber zu Rielingshausen: Nach Wunsch von Möhle soll der Teilort wachsen, dann brauche es aber auch mehr Infrastruktur: eine Apotheke, ein Lokal als Treffpunkt. Das alte Kino in der Güntterstraße würde Edwin Kubotat ganz hemdsärmelig mit Jugendlichen, Frührentnern und Leuten, die es können, sanieren. Dort könnten dann Veranstaltungen für alle stattfinden und schon habe man eine Belebung der Innenstadt.

Stadtentwicklungskonzept: Das möchte der Amtsinhaber Jan Trost gerne in Angriff nehmen: das alte sei über 20 Jahre alt und „ich erwarte, dass wir einen Bogen über die ganze Stadt spannen und mit den Bürgern Impulse entwickeln“. Die Bürger möchte auch Timo Jung einbeziehen, vor allem noch viel früher, nämlich vor der Planung. Für die Gartenschau brauche es die Impulse aus der Bürgerschaft.

Das Rathaus: Tobias Möhle, der gelernte Industriemechaniker und Betriebsrat, möchte frischen Wind ins Rathaus bringen, das zum Dienstleistungszentrum werden müsse. Er möchte mit den Bürgern Marbach gestalten. Auch Timo Jung spricht von einem Kulturwandel hin zu einem Dienstleistungsbetrieb. Teamarbeit sei ein großes Instrument dabei. Dass es in der Verwaltung geknirscht hat – unter anderem hat der stellvertretende Stadtbauamtsleiter Ralf Lobert nach langen Dienstjahren gekündigt und seine Kritik an Trost und dessen fehlender Priorisierung von Projekten auch öffentlich gemacht – gibt der Amtsinhaber zu, es habe aber auch eine gewisse Fluktuation gegeben, weil Mitarbeiter in den Ruhestand gingen. Und im Rahmen der Stadtentwicklung tauchten immer wieder neue Projekte auf: „Wenn es dann andere Priorisierungen gibt, ist das unbefriedigend“, gibt er zu.

Der Wohnungsbau: Sozialer Wohnungsbau sei weiter ein Thema, so Trost, es gelte, weitere Modelle zu entwickeln. Neben dem Baugebiet Kreuzäcker sieht Timo Jung auch noch Potenzial in der Innenstadt zum Beispiel für Baugenossenschaften. In den Kreuzäckern müsse man aufpassen, dass man die Chance nicht verpasse, Wohnraum für junge Familien zu schaffen. Man stehe hier in Verhandlungen über Grundstücke, betonte Trost. Die seien aber schwierig, da die Bauträger alles dafür gäben, hier Flächen zu erwerben, da es das einzige Baugebiet in Marbach sei. Deshalb waren auch die Pläne zunächst beerdigt worden.

Die Jugend: Während Edwin Kubotat auf das Kino in der Innenstadt setzt und das Jugendhaus „Planet-X“ als „Randgruppenverwaltung“ sieht, hält Andreas Freund das Jugendhaus für attraktiv. Für die Mittagszeit habe er aber weitere Ideen für die Betreuung der Kinder, wie etwa ein Zelt auf dem Schulparkplatz. Dennis Rickert will die Jugendlichen selbst planen lassen und ihnen dafür eine Million Euro zur Verfügung stellen.

Die mangelnde Erfahrung und das liebe Geld: „Die Zeit der Verwaltungsbeamten ist vorbei“, findet Tobias Möhle. Als stellvertretender Betriebsratsvorsitzender mache er seit 17 Jahren Interessenvertretung. Andreas Freund sieht seine fehlende Verwaltungserfahrung als Manko, aber als Betriebsrat habe er Erfahrung im Umgang mit Menschen und wie man Ziele gemeinsam umsetze. Für Jan Trost ist die Erfahrung das Pfund, mit dem er wuchern könne. Er habe als früherer Stadtkämmerer in Sachsenheim viel Erfahrung in der Finanzkrise sammeln können. Man habe auch in den vergangenen Jahren immer wieder erfolgreich Fördertöpfe angezapft: „Das ist der Schlüssel zum Erfolg.“ Er glaubt, dass sich die Wirtschaft schnell erholen werde, wenn Corona vorbei sei. Timo Jung sieht sowohl eine Prüfung der Einnahmemöglichkeiten als auch eine Ausgabenbremse als Instrument bei knappen Kassen. In einer Haushaltsstrukturkommission müssten Prioritäten gesetzt werden.

Ein guter Bürgermeister und der fehlende Stempel: Als Amtsinhaber stellt sich Jan Trost selbst ein gutes Zeugnis aus: er habe ein offenes Ohr für Vereine und Organisationen, er stoße Projekte an und habe den Willen zu gestalten und könne mit Mitarbeitern umgehen. Die Kritik aus dem Gemeinderat, Trost habe der Stadt in den vergangenen Jahren keinen Stempel aufgedrückt, will er so nicht stehen lassen. Die Gestaltung des Wiesbadener Platzes im Hörnle, die Sanierung des Ortskerns in Rielingshausen, der Neubau der Sporthalle und des Kinderhauses Lauerbäumle sowie die Sanierung der Fußgängerzone nennt er als Projekte. Das Hörnle sei ganz allein sein Impuls gewesen, auch kleinere Dinge wie die Aussichtsplattform beim Krankenhaus habe er angestoßen. „Aber klar kann man vieles nur gemeinsam gestalten“, weiß Trost. Marbach brauche eine Vision, findet Timo Jung, eine Identität. Er will eine „soziale, ökologische und kulturelle Stadt“ formen. Ein Bürgermeister müsse unter dieser Leitlinie den Gesamtblick für die Stadt haben und Impulse geben. „Ich stehe im Saft, bin voller Energie und Gestaltungsdrang“, betonte Jung.

Autor: