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Corona

Die Kliniken-Spitze schlägt Alarm

Jörg Martin kann Klartext. Und den spricht der Chef der Regionalen Kliniken-Holding am Montag denn auch: „Wir brauchen schnell einen harten und flächendeckenden Lockdown“, verlangt der Anästhesiologie-Professor vor Journalisten. Es sei nicht „fünf vor, sondern fünf nach zwölf“.

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Kreis Ludwigsburg. Martin tritt mit einem personellen Großaufgebot vor die Presse – nicht nur die Spitzen am Ludwigsburger RKH-Konzernsitz begleiten ihn an diesem Mittag, sondern auch Vertreter der RKH-Klinken im Landkreis Karlsruhe und der seit einiger Zeit von der RKH gemanagten Reutlinger Kliniken. Sie eint eine Botschaft, die Martins Bruchsaler Kollege Professor Martin Schuster in ein dramatisches Bild kleidet: „Wir kommen uns vor, als säßen wir in einem Auto, dass mit 120 in die Kurve fährt – und keiner tritt auf die Bremse!“ Die Politik müsse dringend handeln, sind sich die RKH-Spitzenleute einig. Sonst werde die dritte Coronawelle, die mit einem Zeitversatz jetzt erst in den Krankenhäusern ankommt, die zweite bei Weitem in den Schatten stellen. Lokale Flickenteppiche seien kontraproduktiv: „Wir müssen die Sieben-Tage-Inzidenz unter 20 drücken“, verlangt Martin, der darauf verweist, dass auch die landesweite Reproduktionszahl wieder deutlich über eins liegt, die Infektionen also exponentiell zunehmen.

Zwar sind in den RKH-Kliniken noch ausreichend Betten sowohl auf den Covid-Normalstationen als auch auf den Intensivstationen frei – in Ludwigsburg etwa sind derzeit 44 Intensivbetten belegt, davon zwölf mit Coronapatienten. Aber: Eine hohe Auslastung der Intensivbetten ist im größten RKH-Krankenhaus Standard, die mögliche Kapazitätsgrenze von 56 Intensivbetten nur durch den Abzug von Personal aus dem OP erreichbar – muss also damit „bezahlt“ werden, dass andere Patienten, deren Operation aus medizinischer Sicht nicht unaufschiebbar ist, länger warten. „Zudem sind wegen der langen Pflegedauer noch etwa 15 Prozent der Intensivbetten von Covid-19-Patienten der zweiten Welle belegt“, sagt der Chef der Intensivmedizin in der RKH, Professor Götz Geldner. Die Krankenhäuser gingen also – im Gegensatz zum Beginn der zweiten Pandemiewelle im Herbst – bereits mit einem Sockel in die jetzt auflaufende Welle drei. Und die werde vor allem von der britischen Mutation B.1.1.7 getragen, mit der sich inzwischen rund drei Viertel der neu aufgenommenen Covid-19-Patienten angesteckt hätten, ergänzt Sabine Gfrörer, die Chef-Mikrobiologin der RKH.

Laut Studien ist das Risiko schwerer Verläufe bei B.1.1.7 um bis zu 60 Prozent höher als bei der Ursprungsvariante, dem sogenannten Wildtyp. Die Konsequenz liegt für Götz Geldner auf der Hand: Es wird noch mehr schwere Verläufe und noch mehr Tote geben als in der zweiten Welle. Wobei die Patienten auch in den Intensivstationen immer jünger würden – weil ältere Menschen teils geimpft und teils vorsichtiger seien.

Die Intensivbetten-Cluster, über die Geldner landesweit die Verlegung von Coronapatienten bei lokalen Engpässen steuert, hätten funktioniert, weil nicht mehr als 35 Prozent der Plätze von Coronapatienten belegt waren. Wird diese Zahl übertroffen, „müssen wir neu überlegen“, sagt Geldner, ohne das Wort Triage in den Mund zu nehmen. Derzeit arbeitet er am Aufbau eines landesweiten Telenetzwerks Intensivmedizin, das es auf RKH-Ebene bereits gibt: „Wir müssen Expertise in kleinere Häuser bringen – und koordinieren, wohin wir wen verlegen können.“

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