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Interview

„Die Politik muss auch für Junge da sein“

2,8 Millionen junge Frauen und Männer dürfen bei der Bundestagswahl zum ersten Mal ihre Stimme abgeben. Sie erleben den Klimawandel und die Pandemie, haben Donald Trump mitgemacht und kennen nur eine Kanzlerin. Ein Gespräch mit vier Erstwählern aus dem Landkreis über ihre Blicke auf die Politik, die Zukunft und eine gute Kinderstube.

Sie sind jung, geimpft und bereit für ihre erste Bundestagswahl in gut einer Woche: Pauline Wolf (links), Susanne Hahnel (oben), Manuel T. Schmid und Helen Weiller im Park des Markgröninger Helene-Lange-Gymnasiums. Fotos: Ramona Theiss
Sie sind jung, geimpft und bereit für ihre erste Bundestagswahl in gut einer Woche: Pauline Wolf (links), Susanne Hahnel (oben), Manuel T. Schmid und Helen Weiller im Park des Markgröninger Helene-Lange-Gymnasiums. Foto: Ramona Theiss

Kreis Ludwigsburg. Welche Themen bewegen Erstwähler so kurz vor der Bundestagswahl?

Susanne Hahnel: Klimaschutz ist uns allen wichtig, viele von uns waren bei den Fridays-for-Future-Demos dabei. Ich persönlich lege Wert darauf, nicht nur mit dem Auto zu fahren, sondern auch öffentliche Verkehrsmittel und das Fahrrad zu nutzen. Wenn ich reise, versuche ich, viel mit dem Zug unterwegs zu sein. Allerdings habe ich auch ein Auslandsjahr in den USA gemacht, da musste ich dann fliegen.

Helen Weiller: Ich bin bei den Jusos in Ludwigsburg aktiv. Das wichtigste Thema für mich ist soziale Gerechtigkeit, insbesondere in der Bildung. Ich habe das Privileg, am Helene-Lange-Gymnasium in Markgröningen zu sein. Es gibt aber so viele andere Kinder und Jugendliche, die keine Chance haben, auf ein Gymnasium gehen zu können – trotz gleicher Leistung. Kinder aus Akademiker:innenfamilien etwa bekommen viel häufiger eine Gymnasialempfehlung als Kinder aus anderen Familien. Daher kämpfe ich für Chancengerechtigkeit und für finanzielle und ideelle Förderung in der Bildung.

Hat die Pandemie dafür gesorgt, dass die Schere noch weiter auseinandergegangen ist?

Weiller: Ich denke schon. Ich arbeite in meiner Freizeit ehrenamtlich im Jugendwerk der Awo. Da kommen Sie häufig mit Kindern in Kontakt, die es nicht so gut haben wie ich.

Herr Schmid, Sie engagieren sich in der Jungen Union, der Jugendorganisation der CDU. Welche Themen sind Ihnen wichtig?

Manuel T. Schmid: Als Fridays for Future vor zwei, drei Jahren aufkam, wurde das natürlich auch bei uns am Hans-Grüninger-Gymnasium heiß diskutiert. Mir ist ein Dreiklang wichtig: Dazu gehört zweifellos Klimaschutz. Es liegt mir aber auch viel daran, dass nicht nur ich später einen guten Arbeitsplatz habe, sondern auch andere. Die Menschen müssen in einer sich verändernden Gesellschaft mitgenommen werden. Darum der Dreiklang aus Klimaschutz, wirtschaftlicher Dynamik und sozialer Sicherheit.

Woran denken Sie?

Schmid: Nehmen Sie zum Beispiel den Kohleausstieg, von dem wir hier in Baden-Württemberg keine der betroffenen Regionen sind, im Gegensatz beispielsweise zu NRW. Da lässt es sich von außen leichter sagen und fordern, dass wir uns früher von der Kohle verabschieden müssen. Bei der Bildung will ich, dass nicht nur das Gymnasium gestärkt wird, sondern auch die Ausbildung oder das Handwerk mehr Wertschätzung erfahren. Schauen Sie sich allein nur diese Datingbörsen im Internet an, bei denen es heißt: „Hier finden Sie Akademiker mit Niveau.“ Als wenn es keine Handwerker mit Niveau gäbe. Ich wünsche mir, dass wir – natürlich nicht nur bei Datingbörsen – in unserer Gesellschaft selbstverständlich von Akademikern wie Handwerkern mit Niveau reden.

Was bedeutet es Ihnen, jetzt wählen zu können?

Pauline Wolf: Ich freue mich darauf, endlich eine Stimme zu haben. Dieser Wunsch ist bei mir stetig gewachsen, als ich vor drei Jahren zum ersten Mal bei einer Führung im Bundestag dabei war.

Was halten Sie davon, dass Sie erst mit 18 den Bundestag mitwählen dürfen und nicht schon mit 16?

Wolf: Ich hätte mich schon mit 16 reif genug gefühlt. Das gilt für sehr viele meiner Mitschüler am Helene-Lange-Gymnasium genauso. Ich kenne aber auch Jugendliche, die mit 16 noch nicht bereit waren, sich ausreichend über Politik zu informieren.

Hahnel: Ich bin vor Kurzem 18 geworden und sehr froh darüber, jetzt wählen zu können. Ich halte es für wichtig, jüngeren Menschen eine Stimme zu geben, schließlich geht es um unsere Zukunft. In Berlin wird zwar entschieden, aber wir tragen die Konsequenzen.

Weiller: Die junge Generation muss an Politik partizipieren können. Der demografische Wandel hat dazu geführt, dass wir verhältnismäßig wenige sind. Deshalb halte ich es für sinnvoll, das Wahlalter auf 16 abzusenken, damit wir stärker wahrgenommen werden. Die Frage, ob Junge schon mündig genug sind, kann man aus meiner Sicht auch Älteren stellen, die seit Jahrzehnten die gleiche Partei wählen, ohne deren Positionen zu hinterfragen.

Schmid: Ich halte das Thema politische Bildung an Schulen für sehr wichtig. Mir kommt das ehrlicherweise im Rahmen des Gemeinschaftskundeunterrichts zu kurz. Hier müssen wir ansetzen. Politische Bildung muss bereits früh, noch bevor man zum ersten Mal wählt, beginnen.

Sie haben es angesprochen. In Deutschland sind am 26. September rund 60,4 Millionen Menschen wahlberechtigt – weniger als fünf Prozent davon sind Erstwähler. Warum sollten sich Politiker überhaupt für junge Menschen einsetzen?

Hahnel: Wir sind diejenigen, die die Gesellschaft in Zukunft gestalten werden – wie wir leben, wen wir heiraten oder wählen wollen, welche Bildungsmöglichkeiten es geben wird oder wie der Arbeitsmarkt aussehen wird. Diese Themen werden vor allem uns beeinflussen – und deshalb sollte Politik auch für Junge da sein.

Weiller: Ich finde es schade, dass häufig nur in Vierjahreszyklen zwischen Wahlen gedacht wird. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Es kommt auch entscheidend darauf an, wie Deutschland in 10, 20, 30 oder 40 Jahren dasteht. Ich habe schon den Eindruck, dass es stärker in die Gesellschaft eingedrungen ist, dass etwa der Klimawandel unsere Lebensgrundlagen bedroht. Trotzdem werden mir junge Menschen hierzu noch nicht genug gehört.

Musste die Jugend in der Pandemie zurückstecken?

Wolf: Ich denke schon. Wir haben ja gesehen, dass wir nicht in die Schule gehen oder Freundinnen treffen durften, während andere Veranstaltungen mehr oder weniger normal stattfinden konnten. Insbesondere als die Debatte über Privilegien für Ältere mit Impfschutz losging, denen gegenüber wir uns solidarisch gezeigt haben, habe ich mich ein bisschen im Stich gelassen gefühlt.

Hahnel: Ich musste wegen der Pandemie mein Auslandsjahr in den USA vorzeitig abbrechen und saß dann erst mal daheim. Schwer für mich war, dass die Politik immer erst kurz vor knapp entschieden hat, ob wir wieder in die Schule dürfen oder nicht und für welche Stufen die Regelungen überhaupt galten.

Sie alle vier sind gegen Corona geimpft. Ist Ihnen die Entscheidung leichtgefallen?

Wolf: Mir war schnell klar, dass ich nicht nur mich selbst vor einem schweren Verlauf schütze, sondern auch andere. Deshalb habe ich mich gleich um einen Termin gekümmert, als das möglich war.

Schmid: Ich bin Teil einer vulnerablen Gruppe. Sich impfen zu lassen, erschien mir deshalb aus ganz persönlichen Gründen sinnvoll, und ich bin auch dankbar für das Impfangebot. Allerdings habe ich mich nicht während der heißen Klausurenphase impfen lassen, sondern danach – in Anbetracht möglicher Impfreaktionen, die bei mir dann auch nur wenige Tage nach der Impfung anhielten.

Wie informieren Sie sich über Politik?

Hahnel: Ich schaue ab und zu auf Youtube ein politisch informierendes Video. Aber selbstverständlich gehört auch Zeitunglesen dazu. Mir ist es wichtig, nicht nur von einer Seite beschallt zu werden.

Wolf: Bei mir sind es hauptsächlich Fernsehnachrichten, aber auch Social Media. Ich weiß natürlich einzuordnen, dass über diese Kanäle häufig einseitige Informationen weitergegeben werden. Wenn mich ein Thema stärker interessiert, tauche ich tiefer ein, um mir eine fundierte Meinung zu bilden.

Haben Sie die ersten beiden Trielle verfolgt, Herr Schmid?

Ja tatsächlich, ich war bei einem Public Viewing im kleinen Kreis. Für mich gibt es die verschiedensten Informationsquellen. Instagram spielt sicherlich eine Rolle, Facebook erreicht Menschen in unserem Alter dagegen kaum noch. Sehr interessant finde ich auch den direkten Zugang, etwa über Bundestagsdebatten, bei denen man sich selbst ein Bild machen kann – auch wenn Haushaltsberatungen vielleicht nicht das Spannendste sind zum Einstieg, was die Politik zu bieten hat.

Ihre Generation hat bisher nur Angela Merkel als Kanzlerin erlebt. Wie ist das?

Weiller: Ich fand es gut, dass es endlich auch mal eine Frau nach ganz oben geschafft hat. Politisch gesehen habe ich relativ schnell gemerkt, dass Angela Merkel und ich inhaltlich nicht zu 100 Prozent übereinstimmen, aber das ist natürlich auch schwierig. Ihre lange Kanzlerschaft hat in der Kindheit Sicherheit vermittelt. Nachteilhaft war, dass sie nicht für einen politischen Umbruch stand, der in meinen Augen jetzt dringend notwendig ist.

Hahnel: Ich habe öfter den Satz gehört: „Ich bin es gewöhnt, dass eine Frau an der Spitze der Regierung steht.“ Das ist keine Selbstverständlichkeit, wie wir alle sehen können.

Schmid: Ich halte Angela Merkels Politikstil für beeindruckend, der nicht mit dem Ellenbogen daherkommt. Schauen Sie in die USA oder andere Länder, wie dort Politiker auftreten. Da haben manche ihre gute Kinderstube zu Hause gelassen – oder hatten sie nie.

Wäre es sinnvoll, die Amtszeit für Regierungschefs zu begrenzen?

Schmid: Diese Diskussion gibt es in allen Parteien, auch in der CDU. Ich finde, dass der Wählerwille entscheidend sein sollte. Die Kanzlerkandidatenkür ist zunächst eine Angelegenheit der jeweiligen Parteien. Wenn die Wähler dann einen Kandidaten oder eine Kandidatin 16 Jahre lang an der Spitze sehen wollen und dies alle vier Jahre erneut zum Ausdruck bringen, gilt es, den Wählerwillen zu respektieren.

Wissen Sie schon, wen Sie wählen werden?

Hahnel: Ich habe eine Tendenz, ich bin mir allerdings noch nicht sicher. Es gibt für mich eine Reihe von Themen, die ich noch abwägen will. Das gilt übrigens auch für die Kanzlerkandidaten und die Kanzlerkandidatin.

Wolf: Ich schwanke zwischen zwei Parteien. Das liegt auch daran, dass es für mich keine gibt, von der ich vollständig überzeugt wäre.

Weiller: Politik bedeutet auch immer, Kompromissbereitschaft zu zeigen – gerade mit Blick auf mögliche Koalitionen. Das kann man den Menschen gar nicht oft genug sagen.

Info: Wir haben die Erstwähler auch gebeten, ein kurzes Video zu drehen. Zu sehen ist das von Manuel T. Schmid und Helen Weiller über unsere Facebook-Seite.

Die Interviewten:

Pauline Wolf

18, wohnt in Markgröningen und besucht das dortige Helene-Lange-Gymnasium (HLG). Nach dem Abitur im kommenden Jahr will sie erst einmal ein halbes Jahr mit dem Zug durch Europa reisen, wenn es die Coronapandemie zulassen sollte. In ihrer Freizeit liest Pauline Wolf gerne. Ihr Lieblingsautor ist der Deutsch-Schweizer Benedict Wells.

Susanne Hahnel

18, lebt im Remsecker Ortsteil Aldingen und besucht ebenfalls das HLG in Markgröningen. Dort ist sie in der SMV aktiv. Die Schülerin nimmt Gesangsunterricht, spielt Gitarre und hat ein Auslandsjahr in den USA absolviert. Nach dem Abitur 2022 will sie ein naturwissenschaftliches Studium aufnehmen oder in den Bereich Businessmanagement gehen.

Manuel T. Schmid

19, lebt in Hemmingen und ist stellvertretender Schülersprecher des Hans-Grüninger-Gymnasiums in Markgröningen. Als Mitglied der Theater-AG hofft er, jetzt wieder den Spielbetrieb aufnehmen zu können. Dazu engagiert er sich in der CDU und der Jungen Union. Manuel T. Schmid stammt aus Vietnam und ist als Kleinkind adoptiert worden.

Helen Weiller

18, kommt aus Eberdingen-Nußdorf und will nächstes Jahr Abitur am HLG machen. Danach plant sie, mit dem Europäischen Solidaritätskorps ein Jahr lang ins Ausland zu gehen. Politisch mischt Helen Weiller bei den Jusos in Ludwigsburg mit – der Jugendorganisation der SPD. In ihrer Freizeit spielt die Gymnasiastin Klavier und Klarinette. (phs)

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