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Stadtradeln

Die Regenjacke immer im Gepäck

Matthias Herrmann tritt derzeit für ein Team seines Arbeitgebers Bosch beim Stadtradeln 2021 in die Pedale. Unsere Zeitung begleitet ihn dabei und fragt nach seinen Erfahrungen bei der dreiwöchigen Aktion, mit der das Netzwerk Klima-Bündnis bundesweit für das Fahrradfahren wirbt.

Nach einer Woche hatte Matthias Herrmann bereits 475 Kilometer erstrampelt. Er nutzt das Rad auch fürs Pendeln zu seinem Arbeitgeber Bosch in Schwieberdingen. Foto: Holm Wolschendorf
Nach einer Woche hatte Matthias Herrmann bereits 475 Kilometer erstrampelt. Er nutzt das Rad auch fürs Pendeln zu seinem Arbeitgeber Bosch in Schwieberdingen. Foto: Holm Wolschendorf

Schwieberdingen. Die Ausgangsbedingungen für die Stadtradler sind in diesem Jahr alles andere als optimal, denn der Sommer zeigt sich von seiner launischen Seite. Immer wieder kommt es zu sintflutartigen Wolkenbrüchen, und wenn es gerade mal nicht regnet, ist es in der Regel schwül. Wer auf dem Fahrrad unterwegs ist, muss jederzeit damit rechnen, durchnässt oder verschwitzt am Ziel anzukommen.

Da muss Matthias Herrmann jetzt durch. Ihm bleibt gar nichts anderes übrig, als noch knapp zwei Wochen lang jeden Tag von Gerlingen zu seinem Arbeitsplatz am Bosch-Standort in Schwieberdingen zu radeln. Denn seinen Autoschlüssel hat er pünktlich zum Start der Aktion im Kreis am 1. Juli beim Schwieberdinger Bürgermeister Nico Lauxmann abgegeben (wir berichteten). Dieser wird den Schlüssel erst am Ende des Stadtradelns wieder rausrücken.

Bislang habe er Glück gehabt und sei meist regenfrei durchgekommen, erzählt der 42-Jährige. Seine Regenjacke hat er angesichts der durchwachsenen Wetterlage, die laut Prognose wohl auch in den kommenden Tagen anhalten wird, immer im Gepäck. Am Dienstagabend freilich half auch das nicht viel: Herrmann war auf dem Neckartalradweg unterwegs, als es in Esslingen immer düsterer wurde. „Es tröpfelte sich ein. Zu Hause war ich völlig durchnässt, obwohl ich die Regenjacke anhatte.“

Herrmann fährt gerne auf dem Neckartalradweg, insbesondere aktuell. „Da kann ich Kilometer bolzen, darum geht es beim Stadtradeln nun mal auch“, meint der Diplom-Ingenieur schmunzelnd. 2020 schaffte er 2700 Kilometer, in diesem Jahr steht er nach einer Woche bei 475 Kilometern. „Diesmal schaffe ich nur 1000 bis 1500 Kilometer“, sagt er. Der lange Lockdown habe sich als Bermudadreieck zwischen Bett, Heimarbeitsplatz und Couch erwiesen, wie es Herrmann formuliert, deshalb ist er wie so viele andere derzeit nicht in Top-Form. Immerhin nutzt er beim Stadtradeln die Gelegenheit, seine Kondition aufzubessern.

Was das Pendeln angeht, befindet er sich in einer für Radler geradezu traumhaften Situation. Sein Arbeitgeber stellt ihm einen Spind zur Verfügung, in dem er Ersatzklamotten lagern kann. „Ich kann mich hier komplett trockenlegen“, so Herrmann. Nasse Kleidungsstücke können auf Wäscheleinen in einem Lüftungsraum trocknen, auch Duschen stehen am Schwieberdinger Bosch-Standort zur Verfügung.

Zudem können die Radler ihre Drahtesel in einem abgeschlossenen Bereich abstellen. Dort gibt es auch Kolbenluftpumpen, Werkzeuge und eine Ladestation für Elektrofahrräder – für diese Angebote zeichnet der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) den Bosch-Standort Schwieberdingen auch in diesem Jahr mit seiner Silbermedaille für fahrradfreundliche Arbeitgeber aus.

Wer täglich radelt, betätigt sich sportlich und ist viel an der frischen Luft. Leider gibt es auch negative Aspekte. Dazu gehört, dass Fahrradfahrer häufig gefährlich leben. Das zeigt sich auch an einer Analyse, bei der Unfälle von Bosch-Mitarbeitern auf dem Weg zum Standort in Schwieberdingen und auf dem Rückweg nach Hause ausgewertet wurden. „Da sind überproportional viele Unfälle von Fahrradfahrern dabei“, sagt Herrmann. „Das dürfte repräsentativ sein, und daran sind bestimmt nicht nur die Radfahrer schuld.“

Eigentlich erlebe er keine Tour, bei der es nicht zu gefährlichen Situationen komme. Die Gefährdungslage verschärfe sich zusätzlich durch die für Radfahrer oft unübersichtliche und unsichere Verkehrsführung. Immerhin habe sich in jüngster Zeit manches zum Positiven gewendet, betont Herrmann.

„In Ludwigsburg zum Beispiel habe ich das Gefühl, dass sich langsam etwas in die richtige Richtung bewegt. Und in Möglingen ist eine Art Umgehungsstraße für Fahrräder geplant, dann muss man nicht mehr durch die Ortsmitte fahren. Leider dauert es in Deutschland sehr lange, bis solche Projekte ungesetzt werden, obwohl Radwege viel günstiger sind als Straßen für Autos.“

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