Logo

Lesung

Die schönen Momente notieren

Dass eine Autorin, die ihr neues Buch vorstellen will, in gut zwei Stunden kaum zum Vorlesen kommt, ist ungewöhnlich. Genau so aber erging es Ronja von Wurmb-Seibel im voll besetzten Veranstaltungsraum des Pädagogisch-Kulturellen Centrums Ehemalige Synagoge Freudental mit ihrem Titel: „Wie wir die Welt sehen. Was negative Nachrichten mit unserem Denken machen und wie wir uns davon befreien.“

Foto: Farknot Architect/stock.adobe.com
Foto: Farknot Architect/stock.adobe.com
Ronja von Wurmb-Seibel. Foto: Alfred Drossel
Ronja von Wurmb-Seibel. Foto: Alfred Drossel

Freudental. Was schlechte Nachrichten betrifft, hat Ronja von Wurmb-Seibel durchaus Erfahrung. Schon als Kind durch die „Hammergeschichten der Oma“. Als Journalistin dann während ihrer zweieinhalb Jahre in Kabul, wo sie vor ihrem Hinzug vorsorglich ihr Testament gemacht hatte. Dort aber wurden Unheil und Unglück so bedrängend, dass oft nur noch dies half: „Handy aus, Computer aus und raus an die frische Luft.“ Und sie stellte fest, dass sie das Ganze nur aushalte, „wenn auch irgendetwas Ermutigendes, wenigstens eine Idee von Lösung“ in den Geschichten zu finden sei, die sie berufsmäßig recherchierte. Eine Art Selbstschutz, um überhaupt weitermachen zu können.

Zurück in Deutschland sei es ihr allerdings kaum besser ergangen, wie gelähmt habe sie sich gefühlt „angesichts so vieler negativer Nachrichten um mich herum“. Aus der Analyse der eigenen Betroffenheit erwuchs schließlich ein Bild der Zeit, in das zahlreiche, einschlägige Untersuchungen einflossen: „Die meisten von uns glauben, die Welt sei viel schlechter als sie tatsächlich ist.“ Verschärft werde die Lage dadurch, dass „Nachrichten heute jederzeit überall sind“, als nicht nur in Radio und Fernsehen, sondern dauerpräsent übers Smartphone.

Was aber macht der Dauerbeschuss mit schlechten Nachrichten, wenn „wir wie ein Schwamm die Negativität aufzusaugen?“. Die Folge sei „gelernte Hilflosigkeit, und Hilflosigkeit ist ansteckend, wie ein Virus, den wir uns einfangen können“. Es stelle sich ein „Gefühl von Angst, Ohnmacht und Apathie“, was verhindere, dass wir „über eine Zukunft nachdenken, die wünschenswert wäre“. So seien auch „Politikverdrossenheit und die Abwendung von Medien“ erklärbar.

Wurmb-Seibel verglich Junkfood und „Junkfood-Nachrichten“. Das eine habe massive Folgen für die physische Gesundheit, das andere fürs seelische Wohlbefinden. Die Verdüsterung des Weltbildes sei zudem eine hochpolitische Sache: „Wenn wir die Gesellschaft verändern wollen, müssen wir die Geschichten verändern, die wir uns von der Gesellschaft erzählen. Geschichten, die auch Lösungen zeigen.“ Notwendig sei deshalb, „unsere Aufmerksamkeit zu trainieren, indem wir bewusst versuchen, das Positive um uns herum zu erkennen, denn so verändern wir unsere Wahrnehmung und damit unsere Realität.“

Nach diesem ersten Aufschlag aus dem Buch setzte der lange Dialog mit dem Publikum ein. Wobei gleich der erste Beitrag zeigte, dass die Veröffentlichung eines Buches, das Selbstschutz vor negativen Nachrichten und „mehr Positives“ in der Berichterstattung fordert, angesichts des Krieges gegen die Ukraine in schwerem Wasser gelandet ist: Das Buch habe sein Wohlbefinden gefördert, zugleich aber habe er „ein schlechtes Gewissen“ ob der Nachrichtenreduktion, befand der Besucher. Eine Frau bekundet Zustimmung samt Medienverzicht, eine andere sprach von Esoterik, ein weiterer Beitrag sprach dem Buch die Kapazität ab, die Kategorie Krieg, fassen zu können.

Die Autorin betonte, kein Plädoyer dafür zu geben, „die Welt mit einer rosa Brille zu betrachten, sondern ohne standardisierte Negativbilder“. Es gehe darum, dass Nachrichten „nicht unseren Alltag durchlöchern“, sondern dass wir uns dafür „bestimmte Zeiten nehmen, ein-, zwei-, dreimal am Tag“. Sie werbe für „konstruktiven Journalismus, denn Geschichten mit Lösungsansätzen wecken vertieftes Interesse statt Abwendung: „Wir müssen uns klar machen, was das für die Gesellschaft bedeutet. Statt Verzweiflung und Ohnmacht braucht es den Reflex: Wir krempeln die Ärmel hoch und legen los!“ Speziell beim Thema Klimawandel sei es wichtig, „zu zeigen, was wir selbst tun können“. Im Übrigen seien wir „in einer total privilegierten Situation, dass wir diese Nachrichten haben, sie sind ein wichtiger Teil unserer Demokratie“.

Zum Abschluss dann noch eine Art persönliche Rezeptur gegen die Negativität in Weltsicht und Selbstgefühl: Sie schreibe morgens und abends „kleine Wunder“ auf, die ihr tagsüber begegnen. Und dabei sei „kein Moment zu klein“. Sie nennt das „ein Zuversichtsarchiv für schlechte Tage“. Möglich wäre auch eine „Shit-Liste“ angesichts der „Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten des Lebens“. Aber: „Es bringt nichts, sich zu sehr darauf zu fokussieren“. Ihre Empfehlung vor dem herzlichen Applaus: „Probieren Sie es aus!“

Autor: