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Archäologie
Ein Fenster in die Vergangenheit

Noch bis Ende August graben sich Archäologen an der Ditzinger Stegstraße durch den Untergrund. Danach soll auf dem Areal ein Mehrfamilienhaus entstehen. Foto: Landesamt für Denkmalpflege (p)
Noch bis Ende August graben sich Archäologen an der Ditzinger Stegstraße durch den Untergrund. Danach soll auf dem Areal ein Mehrfamilienhaus entstehen. Foto: Landesamt für Denkmalpflege (p)
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Ausgrabungen in Ditzingen lassen Rückschlüsse auf die einstige Bebauung zu – Fund deutet auf Burg mit Wehrgraben hin

Ditzingen. Kenner hatten an der Stegstraße in Ditzingen bereits eine historisch interessante Bebauung vermutet. Weil der seit Generationen in Familienbesitz befindliche Bauernhof in Teilen abgerissen wurde, eröffnet sich Archäologen nun quasi ein Fenster in die Vergangenheit: Noch bis Ende August wird hier gegraben, die Auswertung der Befunde wird freilich auch dann noch weitergehen, wenn an dieser Stelle längst ein neues Mehrfamilienhaus entsteht.

Statik war im Mittelalter eher kein Thema: Wurden Gebäude nicht mehr gebraucht oder waren sie abgebrannt, wurden sie eingeebnet, die vormaligen Fundamente irgendwie mit Schutt verfüllt und dann einfach überbaut. Gerade das sorgt nun aber für neue Erkenntnisse: Strukturen aus drei Bauphasen hat das Team um Ausgrabungsleiter Johannes Gaida inzwischen freigelegt. Die beauftragte private Firma Archaeo-BW GmbH zeichnet sich auch für die Rettungsgrabungen um die frühsteinzeitlichen Funde im Gerlinger Baugebiet Bruhweg II verantwortlich.

Hier war wohl jemand an Geld gelangt

Dorothee Brenner vom Landesamt für Denkmalpflege erläutert den Stand der Ditzinger Ausgrabungen: Die älteste gefundene Bebauung befindet sich auf dem der Glems zugewandten Teil des Grundstücks. Es handelt sich dabei um ein sogenanntes Grubenhaus, mutmaßlich aus dem 9. oder 10. Jahrhundert. Diese Art von Häusern wurden in Gruben errichtet und oft von Webern genutzt, weil sich Flachs oder Wolle in der feuchteren, kühleren Luft besser hat verarbeiten lassen.

Wer glaubt, nach Jahrhunderten noch Hohlräume oder etwas Ähnliches vorzufinden, das auch nur entfernt an Gebäude erinnert, wird allerdings eines Besseren belehrt: Geblieben sind einzig und allein veränderte Bodenstrukturen; daraus Rückschlüsse zu ziehen ist detektivische Kleinarbeit: Von den charakteristischen Webrahmen in den Grubenhäusern sind heute beispielsweise nur noch Farbränder im Boden erhalten geblieben. Grubenhäuser waren zu ihrer Zeit gebräuchlich, es ist also eher der zweite Fund, der Fachleute aufhorchen lässt: Ein circa vier bis fünf Meter breiter Graben, der im Bogen zum damaligen Verlauf der Glems hinführt.

Brenner vermutet, dass es sich hierbei um den Wehrgraben einer kleinen Burg handeln könnte, die sich der damals erst entstehende Ortsadel an dieser Stelle errichtet haben könnte. Irgendwann im 13. bis 14. Jahrhundert wurde das Bauwerk allerdings aufgegeben und zugeschüttet, mit Abfällen wie Keramikscherben, Bauschutt und verkohltem Holz. „Es muss also mal ein Brandereignis gegeben haben“, erläutert Gaida. Die auffällige Hausecke, die man nun auch vom Bauzaun her sieht, wurde anschließend einfach darüber gebaut. Diese Mauern sind die jüngsten Befunde im Boden, zeigen in ihrer Machart mit dem Eckstein aus Buntsandstein aber, dass hier jemand zu Geld gekommen war und das auch zeigte.

Die Ausgrabung in der Stegstraße in Ditzingen ist eine sogenannte Rettungsgrabung, die relativ zügig vonstattengeht, weil es hier nicht um spektakuläre Funde geht, sondern um neue Erkenntnisse, wie das Leben an dieser Stelle einst ausgesehen haben könnte. Vorausgegangen war ihr eine sogenannte Sondierungsgrabung im März, wie sie üblich ist in Bereichen, in denen historische Überbleibsel im Boden vermutet werden.

Verstöße werden mit Strafen geahndet

Bauherr Bernd Schopf war naturgemäß wenig erfreut über die Verzögerung in der Planung, insbesondere da in Baden-Württemberg der Besitzer selbst die Kosten für die Rettungsgrabung tragen muss. Ausgenommen seien von dieser Regel einzig und allein Bauherren, die ein Einfamilienhaus für den Eigenbedarf bauen. „Das wird als unbillige Härte gewertet“, so Brenner. Verführt das nicht andere Eigentümer dazu, eventuelle Funde einfach zu vertuschen? In Gegenden, in denen man historische Überbleibsel im Boden vermutet, werden Baugenehmigungen erst nach entsprechenden Grabungen vergeben, und Brenner weist außerdem darauf hin, dass Verstöße mit teils empfindlichen Strafen geahndet werden.

Bernd Schopf hat mit Erleichterung vernommen, dass die Ausgrabung in Ditzingen wohl bis zum Monatsende abgeschlossen sein wird – und das Bauprojekt dann weitergehen kann. Ob die Fundstücke aus der Rettungsgrabung, zumeist sind es Keramikscherben, noch weitere Rückschlüsse erlauben, wird sich aber erst nach der wissenschaftlichen Auswertung zeigen.