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Holocaustgedenktag

Emotionen schaffen Verbindung

Vor genau 77 Jahren befreiten sowjetische Truppen das NS- Vernichtungslager Auschwitz. Am 27. Januar wird in Deutschland deshalb jedes Jahr an die Opfer des Holocaust erinnert. Zeitzeugen wird es bald nicht mehr geben. Wie bleibt das Wissen über den Holocaust bei Jugendlichen trotzdem wach und welche Rolle spielt dabei das staatlich festgelegte Gedenken? Über diese und weitere Fragen haben wir mit Michael Volz gesprochen, dem pädagogischen Leiter des Pädagogisch-Kulturellen Centrums (PKC) in Freudental.

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Freudental. Herr Volz, am heutigen 27. Januar begehen wir den Holocaustgedenktag. Ist das Gedenken jedes Jahr am gleichen Tag eigentlich eine gute Idee?

Michael Volz: Es ist auf jeden Fall wichtig und richtig. Die Gesellschaft braucht solche Ankerpunkte zum Erinnern, zum Innehalten und, um Grundsatzfragen zu stellen. Der 27. Januar ist ein wichtiges Datum, das in der deutschen Erinnerungskultur seinen festen Platz haben muss. Es ist ein Tag, an dem man sich unsere Geschichte noch mal im Besonderen bewusst machen kann.

Aber besteht nicht die Gefahr, dass wir so in eine Art Erinnerungsroutine verfallen, wenn wir immer an einem speziellen Tag gedenken?

Die Gefahr besteht, deshalb ist es wichtig, das Gedenken immer wieder anders zu gestalten. Gerade auch um weiterhin junge Menschen zu erreichen, sind neue Ansätze nötig. Dafür muss man die Jugendlichen einbinden und sie dann wirklich selbst machen lassen. Es ist klar, dass ein einzelner Tag nicht ausreicht, um sich unserer Geschichte bewusst zu werden und daraus Verantwortung zu ziehen. Es braucht immer Leute, die sich intensiv damit befassen, die weiter forschen, nachdenken und die Ergebnisse auch auf die Gegenwart beziehen. Der frühere Bundespräsident Roman Herzog sagte: Die Erinnerung darf nicht enden, sie muss auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun Formen des Erinnerns zu finden, die in die und in der Zukunft wirken.

Leisten wir ausreichend Erinnerungsarbeit?

Ich denke ja: Wir haben nicht nur den 27. Januar, sondern auch den 9. November, den 8. Mai oder den 3. Oktober – das sind alles Tage, an denen wir in die Geschichte schauen und sie ins Heute übersetzen. Man kann nicht verlangen, dass die Gesellschaft 365 Tage im Jahr gedenkt.

Im PKC – dem Pädagogisch-Kulturellen Centrum Ehemalige Synagoge Freudental – begrüßen sie regelmäßig junge Menschen, um ihnen die Geschichte dieses Ortes und die jüdische Vergangenheit näherzubringen. Was ist Ihr Eindruck: Interessieren sich die Schüler überhaupt noch für diese Themen?

Zunächst einmal kommen alle jungen Menschen durch die Schule in Kontakt mit der Vergangenheit. Im Fach Geschichte werden in der neunten Klasse die NS-Zeit und der Holocaust thematisiert. Aber auch andere Fächer beschäftigen sich mit dem Judentum. Schade ist, dass der Kontakt über Zeitzeugen jetzt nicht mehr möglich ist. Die Schüler und Schülerinnen haben keine Großeltern mehr, die die NS-Zeit selbst erlebt haben und die bereit wären, darüber zu sprechen. Deshalb rückt das Thema auch ein Stück weit weg von den jungen Menschen. Gerade deshalb ist es aber auch so wichtig, dass wir uns weiter damit auseinandersetzen, denn die meisten Jugendlichen sind daran echt interessiert.

Dann spielen Schulen die zentrale Rolle bei der Wissensvermittlung?

Umso wichtiger ist es, das Thema in der Schule zu platzieren, ja. Aber die historischen Themen werden dort natürlich nur auf Papier unterrichtet, es fehlt der persönliche Bezug. Und als Lehrer weiß ich, dass für die Schülerinnen und Schüler der Holocaust dann genauso weit weg ist wie zum Beispiel die Römerzeit. Deshalb ist es so wichtig, an authentische Orte wie hier in Freudental zu gehen. Hier finden die Schüler das Allgemeine im Kleinen. Sie sehen, dass sich Geschichte in ihrem direkten Umfeld zugetragen hat, ganz nah. Dass vieles von dem, was in den Geschichtsbüchern steht oder sich weit weg von uns zugetragen hat, ebenso in ihrer eigenen Heimat fassbar ist. Deshalb sind die jungen Menschen, die zu uns kommen, auch zumeist sehr aufmerksam und stellen viele Fragen. Und dann können wir deutlich machen, dass es wichtig ist, sich mit diesem Kapitel unserer Geschichte auseinanderzusetzen.

Wie gelingt Ihnen das?

Wir haben ganz verschiedene Möglichkeiten, das Thema den Schülern näherzubringen. Sehr gut funktioniert das über persönliche Schicksale. Es gibt zum Beispiel eine Geo-Cache-Tour und mit der App „Actionbound“ digitale Schnitzeljagden, bei denen sich die Jugendlichen auf die Spuren der Freudentaler Margot Stein und Adolf Herrmann begeben und ihre Lebenswege nachzeichnen können. Margot Stein ist mit 15 Jahren ausgewandert, Adolf Herrmann musste ebenfalls mit 15 Jahren aus seiner Heimat fliehen und wurde mit 19 Jahren im KZ Auschwitz-Birkenau ermordet. Viele unserer Besucher sind ähnlich alt, das stellt eine Verbindung her.

Auch historische Fotos aus dem Jahr 1938 nutzen wir gerne, ebenso wie den Besuch auf dem jüdischen Friedhof. Hier können die jungen Menschen Geschichte mit allen Sinnen erfahren: Sie können die Grabsteine berühren und einen Stein zur Erinnerung ablegen. Wenn die Jugendlichen etwas erleben und die besondere Atmosphäre des Ortes wahrnehmen, können wir einen emotionalen Zugang zum Thema schaffen. An authentischen Orten wie dem PKC und dem jüdischen Friedhof gelingt das meiner Erfahrung nach sehr gut. Dort lassen die Jugendlichen das Thema viel näher an sich ran.

Wie nehmen die Jugendlichen die Informationen auf?

Das variiert von Gruppe zu Gruppe und ist auch abhängig von der Vorbereitung im Unterricht. Wenn bereits Vorwissen vorhanden ist, fallen die Informationen leichter auf fruchtbareren Boden. Tendenziell können ältere Schüler das Thema besser begreifen, tiefer durchdringen und reflektieren. Aber grundsätzlich gibt es keinen schlechten Zeitpunkt, dieses Wissen zu vermitteln. Es muss dem Alter und dem Vorwissen angemessen sein. Dann kann man auch schon Kindergartenkindern das Thema näherbringen und ihnen ihre Fragen behutsam und gut beantworten.

Was sagen Sie jungen Menschen, die es ablehnen, sich zu erinnern? Die keinen Zugang zum Thema haben und sagen: Das ist so lange her, das geht mich nichts an?

Im PKC habe ich das persönlich noch nicht erlebt, dafür sind die Schüler wahrscheinlich auch zu kurze Zeit bei uns. Vermutlich würde ich sagen: Du bist in einer Gesellschaft zu Hause, die sich dem stellen muss. Es ist auch eure Aufgabe, die Erinnerung wachzuhalten. Das ist euer Erbe. Man kann natürlich niemanden zwingen, sich zu erinnern, aber vielleicht hilft auch ein Blick auf die heutige Gesellschaft. Wenn ich das aktuelle Geschehen richtig einordnen will, brauche ich einen guten Zugang zur Vergangenheit.

Sie sprechen die aktuellen Entwicklungen an: der Mordanschlag auf die Synagoge von Halle, Attacken und Angriffe auf jüdische Menschen und Einrichtungen, die Verschwörungslegenden von Coronaleugnern ...

Je mehr die Leute über das Judentum wissen, desto weniger verfallen sie antisemitischen Vorurteilen; desto mehr sind sie fähig, dem entgegenzutreten. Genau das ist auch Aufgabe des PKC: Es geht um Bildung gegen Antisemitismus. Dazu soll auch unser Jahresprojekt „Lebens.Wert“ beitragen: In Seminaren wollen wir junge Menschen fit machen für die Zukunft und gleichzeitig den jetzt schärfer sichtbaren demokratiefeindlichen Tendenzen etwas entgegensetzen.

Zum Abschluss ein Blick in die Zukunft: Über das Problem fehlender Zeitzeugen haben wir bereits gesprochen. Wie sieht das Erinnern aus, wenn es die Generation der Überlebenden nicht mehr gibt?

Vor dieser Aufgabe stehen wir im PKC bereits, denn vor zweieinhalb Jahren ist die letzte Zeitzeugin verstorben, die vom jüdischen Freudental berichten konnte: Suse Underwood war 1938 mit einem Kindertransport nach England gekommen und hat bis zu ihrem Tod im Sommer 2019 in London gelebt. Bei mehreren Besuchen hatte sie auch vor jungen Leuten in Freudental von ihren Erfahrungen berichtet.

Tja, diese Leerstelle können wir mit lebendigen Erzählungen der Zeitzeugen und ihrer Nachfahren füllen, aber auch, indem wir mutig und kreativ mit unseren Quellen umgehen. Wir können uns mit Musik, Theater, Kunst oder Fotografie immer wieder neu und immer wieder anders an das Thema herantasten. Das ist die große Aufgabe von uns hier in Freudental und in den anderen Gedenkstätten: das Wissen pflegen, vertiefen und neu weitergeben!

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