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Gedenkfeier

Erinnerung als Appell für Menschenrechte

Ilona Lagrene ist schon mehrmals in Asperg gewesen: Vor allem ihr ist die Gedenktafel zu verdanken, die am Bahnhof an die erste Deportation süddeutscher Sinti und Roma ins besetzte Polen erinnert. Anlässlich des 79. Jahrestags der Deportation auch ihrer Angehörigen war die Bürgerrechtlerin aus Heidelberg jetzt Hauptrednerin einer Gedenkfeier auf dem Hohenasperg.

Persönlich geprägt waren die Gedenkreden von Ilona Lagrene (links) und Jacques Delfeld (rechts). In der Reihe dahinter Schultes Eiberger. Foto: Andreas Essig
Persönlich geprägt waren die Gedenkreden von Ilona Lagrene (links) und Jacques Delfeld (rechts). In der Reihe dahinter Schultes Eiberger. Foto: Andreas Essig

Asperg. Man habe beim Stadtjubiläum auch des vielleicht schwärzesten Tages der Asperger Geschichte gedenken wollen, sagt Thomas Frank von der Asperger Ortsgruppe von Amnesty International. Sie hat die Gedenkfeier am Mittwochabend angeregt, zu der etwa 40 Besucher auf den Hohenasperg gekommen sind – dorthin, wo 79 Jahre zuvor 490 Sinti und Roma die letzten Tage vor ihrer Deportation verbrachten. Bürgermeister Christian Eiberger, der evangelische Pastor Martin Merdes und der Grünen-Landtagsabgeordnete Jürgen Walter sind als Redner da. Der Vorsitzende des Fördervereins Hohenasperg, Friedrich Müller, Künstlerin Margit Lehmann und Lokalhistorikerin Gertrud Bolay vertreten das prominente Asperg, Schüler des Friedrich-List-Gymnasiums sind mit ihren Lehrern gekommen. Der Gemeinderat hingegen fehlt fast komplett – mit Ausnahme von Grünen-Fraktionschef Michael Klumpp.

Dabei verknüpfen aller Gedenkredner das ungeschminkte Benennen der historischen Wahrheit mit der aktuellen Politik. Gedenken bedeute, die Verpflichtungen, die sich aus der Vergangenheit ergäben, offen auszusprechen, sagt etwa Eiberger. Jeder Angriff auf eine Minderheit sei „auch ein Angriff auf uns alle“. Die Menschenrechte seien unteilbar, man dürfe Europa nicht den Rechtspopulisten überlassen. Jürgen Walter warnt davor, die neue Gefahr von rechts zu unterschätzen, Pfarrer Merdes mahnt, angesichts der deutschen Geschichte nie zu vergessen, wohin die Ausgrenzung und Verachtung von Minderheiten führte und führt.

Auch Ilona Lagrene schließt ihre Rede mit dem Appell, die Europawahl zum Votum für die Demokratie zu machen. Die 69-jährige ehemalige Vorsitzende des Landesverbandes der Sinti und Roma hat die Erinnerungen von 25 Überlebenden des Holocaust an Europas größter Minderheit aufgezeichnet, der auf Romanes „Manuschengromarepen“ genannt wird. In Asperg trägt sie die Erinnerungen ihrer Schwester Renate vor, die als Sechsjährige im Deportationszug aus Asperg saß. Sie berichtete der nachgeborenen Schwester von den Zuständen im Zug, dem Leben in den Lagern im besetzten Polen, den Massenerschießungen in Radom – und von der Diskriminierung auch nach der Befreiung.

Jacques Delfeld, Verbandsvorsitzender der Sinti und Roma in Deutschland, nimmt diesen Faden auf. Er zitiert die aktuelle Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung, wonach ein Viertel der Deutschen manifest antiziganistische Ressentiments vertritt. „Wie soll ich es meinen Enkeln erklären, wenn die NPD ungehindert Plakate aufhängen darf, auf denen ,Geld für die Oma statt für Sinti und Roma‘ steht? Wie sollen diese Kinder ihre Identität als Deutsche und als Sinti entwickeln?“, fragt er. Es sind Fragen, die sich auch viele Juden wieder stellen. Denen bleibt der Gedanke an Israel. Die Sinti und Roma haben keine alternative Heimat.

„Gruppenreise“ in die Vernichtung

Kurz vor 10 Uhr fuhr der „Transport“ am Asperger Bahnhof ab: Am 22. Mai 1940 wurden 490 Sinti und Roma aus Südwestdeutschland, die einige Tage zuvor in den Kasematten des Hohenasperg „konzentriert“ worden waren, nach Polen deportiert – vor aller Augen. Ein auf Höhe der heutigen Schwabenbühne aufgenommenes Foto zeigt, wie die Opfer unter Bewachung die Königstraße hinuntergeführt werden – auf der anderen Straßenseite beobachten Einheimische das traurige Schauspiel, das sich über die Bahnhofstraße zum Bahnhof fortsetzte.

Am selben Tag fuhren auch Deportationszüge aus Köln und Hamburg ab – es waren die ersten familienweisen Massendeportationen aus dem Deutschen Reich, das Vorspiel zum Holocaust, der eineinhalb Jahre später mit den großen Juden-„Transporten“ der Reichsbahn begann. Bezahlen mussten die „Gruppenreise“ nach Polen übrigens schon im Mai 1940 die Opfer – Kinder unter sechs Jahre fuhren „gratis“. Alle waren sie zuvor auf dem Hohenasperg von sogenannten Rasseforschern überprüft und als „minderwertige“ Nicht-Arier befunden worden. Etliche gebrechliche und schwächere Menschen überlebten schon ihre „Verschubung“ nicht, die übrigen wurden im von der Wehrmacht besetzten Polen auf offener Strecke ausgeladen und auf diverse Konzentrationslager verteilt. Sie wurden später Zeugen und Opfer von Massenerschießungen – etwa 1943 in Radom – oder der Vergasungen im „Zigeunerlager“ in Birkenau. Die wenigsten erlebten die Befreiung.

Die Deutsche Bahn verweigerte lange jede Erinnerung an die tragende Rolle, die der Reichsbahn im Holocaust zugefallen war. Auch als Ilona Lagrene und andere Angehörige der Opfer eine Gedenktafel am Asperger Bahnhof anregten, sagte die Bahn schlicht Nein. Sie hatte offenkundig nicht bedacht, dass Asperg im Wahlkreis des damaligen Verkehrsministers Matthias Wissmann lag: Im Mai 1995 wurde die Gedenktafel am Bahnhof enthüllt. (pro)

KOMMENTAR von Steffen Pross

Beschämend gleichgültig

Antisemitismus und Chauvinismus feiern fröhliche Urständ, der Antiziganismus wurde nie je gebrochen: Nach dem Holocaust auch an den Sinti und Roma diskriminierten deutsche Behörden diese Minderheit jahrzehntelang weiter als „Zigeuner“, die NPD plakatiert aktuell und ohne öffentliche Reaktion antiziganistische Wahlkampfparolen, mindestens jeder zweite Deutsche lehnt nach Umfragen Sinti und Roma immer noch als Nachbarn ab, der Stammtisch haut empört und mit identitärem Unterton das Zigeunerschnitzel in die rassistische Bratpfanne des „gesunden Sprachempfindens“.

Gut deshalb und mehr als an der Zeit, dass Amnesty International und evangelische Kirche in Asperg den 79. Jahrestag der Deportation vom Mai 1940 zu einer Gedenkfeier nutzten, die nicht nur an die 490 Opfer erinnerte, von denen die wenigsten den 8. Mai 1945 erlebten. Alle Redner verbanden die Würdigung der Opfer und die klare Benennung eines Menschheitsverbrechens auch mit der unmissverständlichen Absage an die geschichtsrevisionistischen Parolen nicht nur der AfD – und mit dem Appell, die Europawahl am Sonntag zum Signal gegen nationalistische und demokratiefeindliche Tendenzen und für Freiheit, Völkerverständigung, Toleranz und Menschenrechte zu machen.

Dieses explizite Eintreten für historische Wahrhaftigkeit, für ein offenes Gemeinwesen und das Projekt Europa tut wieder not. Umso blamabler, dass nur einer von 18 Asperger Stadträten und Stadträtinnen es für wichtig hielt, der Gedenkfeier beizuwohnen: Grünen-Fraktionschef Michael Klumpp. Auch die übrigen Kommunalpolitiker indessen setzten durch ihre Abwesenheit vier Tage vor der Kommunalwahl ein Zeichen, ob sie das wollten oder nicht. Sie sollten sich schämen!

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