Logo

Stiftungsfest

„Es braucht das PKC mehr denn je“

Nach einjähriger Coronapause fand gestern wieder das Stiftungsfest des Pädagogisch-Kulturellen Centrums (PKC) Freudental statt. Für seine Verdienste um die Weiterentwicklung der Gedenkstätte wurde die PKC-Ehrenmitgliedschaft an den früheren Landrat Rainer Haas verliehen.

Beim Stiftungsfest in der Schönenberghalle wurde die PKC-Ehrenmitgliedschaft an den früheren Landrat Rainer Haas (ganz links) verliehen. Neben Haas sind (von links) PKC-Vorsitzender Albrecht Dautel, Festrednerin Miriam Rürup und Landrat Dietmar Allga
Beim Stiftungsfest in der Schönenberghalle wurde die PKC-Ehrenmitgliedschaft an den früheren Landrat Rainer Haas (ganz links) verliehen. Neben Haas sind (von links) PKC-Vorsitzender Albrecht Dautel, Festrednerin Miriam Rürup und Landrat Dietmar Allga

Freudental. In einem Punkt waren sich alle Redner in der Schönenberghalle – Festrednerin Miriam Rürup, PKC-Vorsitzender Albrecht Dautel, der ehemalige Landrat Rainer Haas und sein Nachfolger Dietmar Allgaier – einig: „Es braucht das PKC mehr denn je“, sagte Haas stellvertretend und mit Blick auf die aktuellen Anti-Coronaproteste, bei denen nicht selten alte antisemitische Stereotype in neuen Hülsen verpackt würden. „Antisemitische Bilder treten wieder offen zutage“, meinte Dautel, „auf Demonstrationen werden gelbe Davidsterne mit dem Aufdruck „Ungeimpft“ zur Schau getragen“.

Der amtierende Landrat ist laut PKC-Satzung zugleich stellvertretender Vorsitzender der Gedenkstätte. Beim Stiftungsfest verlieh Amtsinhaber Allgaier die PKC-Ehrenmitgliedschaft an seinen Vorgänger Haas. Dieser habe als Landrat die Zukunftsfähigkeit der 1991 gegründeten Einrichtung gesichert und die richtigen Weichen für eine zeitgemäße Arbeit gestellt, den Fokus dabei stets auf den Austausch mit Jugendlichen gelegt. Als Landrat im Ruhestand habe Haas nun reichlich Zeit, wieder junge Leute im PKC zu empfangen, sagte Allgaier schmunzelnd: „Wir werden auf ihn zurückkommen.“

Das frischgebackene Ehrenmitglied nahm dieses scherzhaft gemeinte Angebot auf. Er werde das PKC weiterhin persönlich unterstützen, versicherte Haas. Demokratische Werte wie Weltoffenheit, Freiheit und Toleranz müssten gerade heutzutage an die junge Generation vermittelt werden. „Ich würde mir auch wünschen, dass der Staat im einen oder anderen Fall mehr Kante zeigt“, so Haas.

Historikerin Rürup, die seit 2012 das Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg leitet, warf in ihrer Rede einen zwiespältigen Blick auf das gerade abgelaufene Festjahr „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“. Aus ihrer Sicht dominiere allzu häufig eine auf Deutschland zentrierte Sichtweise auf die Vergangenheit. Die Geschichte des deutschen Judentums aber müsse stets im europäischen Kontext betrachtet werden.

Das zeige sich schon daran, dass es ein römischer Kaiser war, nämlich Konstantin, der es Juden in einem im Jahr 321 erlassenen Edikt erstmals ermöglichte, sich auf dem Boden der heutigen Bundesrepublik anzusiedeln. Als weiteres Beispiel nannte Rürup den Beitrag der Sepharden, den Juden der iberischen Halbinsel, zur mitteleuropäischen Kultur. Die meisten Sepharden wurden nach Vollendung der spanischen Reconquista in andere europäische Länder vertrieben, viele flüchteten nach Amsterdam, London oder Hamburg.

Den häufig bemühten Begriff der deutsch-jüdischen Symbiose hält Rürup für irreführend. Hierzulande hätten Juden abwechselnd Phasen von Zugehörigkeit und Ausgrenzung erfahren, eine Kontinuität jüdischer Kultur wie in Israel oder den USA habe nie existiert. Nach dem Holocaust seien es in Deutschland zumeist Nichtjuden, die – wie im PKC – die jüdische Geschichte bewahrten. Rürup wertet diese Tatsache ausdrücklich positiv. „Meiner Meinung nach ist das keine Aneignung, sondern eine Umarmung der jüdischen Geschichte. Es braucht dieses zivilgesellschaftliche Engagement.“

Autor: