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Verkehr

Fertig zum Abheben: Seilbahnen als Verkehrsmittel im Kreis?

Die FDP bringt eine Idee hervor, die schon früher oft gedacht wurde: Urbane Seilbahnen für den ÖPNV. In der Region gehen die Ansichten darüber weit auseinander.

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Kreis Ludwigsburg. In der Regionalversammlung hat die FDP mehr als einmal vorgeschlagen, eine zweite Stammstrecke für die S-Bahn im Untergrund des Stuttgarter Hauptbahnhofs zu bauen. Sie wollte festschreiben lassen, dass zwischen Windrädern und Wohnhäusern ein Mindestabstand von 1000 Metern eingehalten wird, was die Windkraft faktisch beerdigt hätte – und jetzt hat sie vor, Seilbahnen zur Ergänzung des öffentlichen Nahverkehrs fahren zu lassen. Im jüngsten Verkehrsausschuss behauptete ihr Regionalrat Hans Dieter Scheerer aus Weil der Stadt: „Seilbahnen sind eine tolle Ergänzung zu den bestehenden ÖPNV-Angeboten. Man sieht, dass hinter unseren Anträgen Substanz steckt.“ Wirklich? Im Landkreis Ludwigsburg wollten findige Kommunalpolitiker ihre Bürger schon öfter abheben lassen. In Ludwigsburg war einst eine Verbindung vom Bahnhof ins Industriegebiet im Gespräch. In Markgröningen hatte die CDU vor, die Menschen ebenfalls mit Gondeln in die Kreisstadt schweben zu lassen. Am weitesten waren die Pläne in Besigheim gediehen. Dort schmiedete Bürgermeister Steffen Bühler den Plan, eine Seilbahn von der Altstadt über die Enz hoch zum Niedernberg zu schicken.

Was alle Visionen gemeinsam haben: Umgesetzt wurde keine von ihnen. Das sei übrigens auch bundesweit der Fall, wie der Stuttgarter Linke Wolfgang Hoepfner im regionalen Verkehrsausschuss sagte – mit einer Ausnahme. In Koblenz heben tatsächlich seit fast zehn Jahren Gondeln (Foto) vom Rhein zu einer Festung ab.

Der Regionalverband und sein Verkehrsdirektor Jürgen Wurmthaler haben sich trotzdem auf einen Suchlauf für Trassen hierzulande gemacht, der freilich noch nicht über ein grobes Stadium hinausgekommen ist. Acht Korridore sind dabei – in Stuttgart, Esslingen, Sindelfingen, Böblingen und im Strohgäu.

Im Mittelpunkt der Überlegungen für den Kreis Ludwigsburg befindet sich das Schwieberdinger Gewerbegebiet, das bekanntlich um einen regionalen Gewerbeschwerpunkt erweitert werden soll. Die Region kann sich als Alternative zu einem Stadtbahnast von Möglingen oder Markgröningen hier eben auch Seilbahnen vorstellen. Das gilt darüber hinaus für eine Trasse vom Schwieberdinger Bahnhof, an dem die Strohgäubahn hält, zu Bosch & Co. (und später vielleicht Porsche). Variante Nummer drei wäre ein Korridor vom Münchinger Strohgäubahn-Halt nach Schwieberdingen.

„Seilbahnen haben durchaus Potenzial“, sagte Wurmthaler im Verkehrsausschuss. „Wir stehen Gesprächen mit interessierten Kommunen offen gegenüber.“ Der Verkehrsdirektor machte aber auch deutlich, dass diese Art der Fortbewegung nicht in Konkurrenz zu bestehenden ÖPNV-Angeboten treten dürfe, kommunale Gemarkungsgrenzen überschreiten und sich positiv auf den Schienenverkehr der Region auswirken müsse.

Und was sagt die Politik? Angetan zeigt sich Grün-Rot. Die Esslinger Grüne Lena Weithofer glaubt, dass Gondeln Teil einer umweltfreundlichen und erfolgreichen Verkehrswende sein können. Die Sozialdemokratin Jasmina Hostert aus dem Kreis Böblingen spricht von „einem spannenden Thema, das die Vorstellungskraft anregt“.

Skeptischer zeigen sich die anderen Fraktionen. Der verkehrspolitische Sprecher der CDU, Rainer Ganske aus Gärtringen, führt die nicht „ganz niedrigen Kosten“ ins Feld. Sie liegen nach Ansicht des Regionalverbandes zwischen 13 und 20 Millionen Euro. Außerdem sei die Kapazität und Nähe zu Wohngebieten nachteilig. Der ehemalige Böblinger Landrat und Freie Wähler Bernhard Maier kann bei den vorgeschlagenen Korridoren keine regionale Bedeutsamkeit erkennen. Für die Linken stellen Seilbahnen „keine dramatische Verbesserung für den ÖPNV“ dar. Für den Regionalrat Hoepfner ist es zudem kaum vorstellbar, dass eine Daimler-Spätschicht in Sindelfingen oder Böblingen komplett mit der Gondel an ihrem Arbeitsplatz einschwebt. Vom Tisch ist das Thema damit aber nicht. In Stuttgart zum Beispiel trifft sich am heutigen Dienstag der Ausschuss für Stadtentwicklung und Technik. Gleich der zweite Tagesordnungspunkt sieht eine Machbarkeitsstudie über Seilschwebebahnen in der Landeshauptstadt vor.

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